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Mittwoch, 14. Dezember 2016

Panzer rollen durch die Straßen Polens: Als Jaruzelski zum Kriegsrecht greift

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Es ist Sonntag, der 13. Dezember 1981. Über die Fernsehbildschirme flimmert  ein Mann in Uniform und großen Brillengläsern. (Foto: ASSOCIATED PRESS)

Es ist Sonntag, der 13. Dezember 1981. Über die Fernsehbildschirme flimmert ein Mann in Uniform und großen Brillengläsern.

Es ist Sonntag, der 13. Dezember 1981. Über die Fernsehbildschirme flimmert ein Mann in Uniform und großen Brillengläsern.

General Wojciech Jaruzelski, seit wenigen Monaten Erster Sekretär der Kommunistischen Vereinigten Arbeiterpartei Polens (PVAP), verkündet das Kriegsrecht: ...

... "Ich wende mich an die gesamte Weltöffentlichkeit. ...

... Wir appellieren an Ihr Verständnis für die außergewöhnlichen Bedingungen, die in Polen entstanden und für die außerordentlichen Mittel, die notwendig geworden sind."

Die außergewöhnlichen Mittel sind drastisch: Tausende werden interniert, unter ihnen Lech Walesa, das Gesicht der oppositionellen Gewerkschaft Solidarnosc, und der Publizist Tadeusz Mazowiecki.

Dutzende sterben, ...

... rund 90.000 Bürgerrechtler und Anhänger der Gewerkschaft werden festgenommen.

Die Panzer zerschlagen alle Hoffnungen auf einen Frühling, der in den Monaten zuvor so verheißungsvoll das Ostblockland belebt hatte.

Begonnen hatte alles 1980, als das Land von einer Streikwelle überrollt worden war.

Zunächst geht es nur um die Erhöhung der Fleischpreise.

Doch schon bald um viel mehr.

Der erste Streik an der Danziger Leninwerft am 14. August wird durch die Entlassung der Kranführerin Anna Walentynowicz ausgelöst. Sie war für unabhängige Gewerkschaften eingetreten.

Der bis dahin weitgehend unbekannte Elektriker Walesa betritt die politische Bühne.

Gleichermaßen charismatisch wie unerschrocken gründet er ein Streikkomitee.

Erst stehen in Danzig die Maschinen still; innerhalb kürzester Zeit greifen die Streiks auf das ganze Land über.

Im Gegensatz zu vorherigen Revolten in Polen kämpfen diesmal Arbeiter, Studenten und Intellektuelle Seite an Seite.

Und sind erfolgreich.

Nach langwierigen Verhandlungen trotzen Walesa und seine Mitstreiter der Regierung etliche im Ostblock einzigartige Zugeständnisse ab, festgehalten im "Danziger Abkommen".

Ende August 1980 lässt die Regierung offiziell unabhängige Gewerkschaften zu, ...

... auch ein Denkmal für 1970 vom Staat ermordete Arbeiter wird gegenüber der Werft aufgestellt.

Zehn Millionen Polen - fast jeder zweite Erwerbstätige - gehören 1981 der Gewerkschaft an. Selbst viele Parteimitglieder sind Mitglied der oppositionellen Solidarnosc.

Die Opposition gibt sich allerdings nicht mit dem Erreichten zufrieden. Sie will mehr.

Doch die Regierung hat bereits ihre Schmerzgrenze überschritten. Und versucht - so zumindest ihre Rechtfertigungen später - einer brüderlichen Hilfe aus dem sozialistischen Ausland zuvorzukommen.

"Es war wie in einer griechischen Tragödie", meint Ex-Verteidigungsminister Janusz Onyszkiewicz, damals Pressesprecher der Solidarnosc.

"Jeder wusste, dass es ein schlimmes Ende nimmt, aber alle spielten ihre Rollen bis zum Ende."

Mit Panzern und den berüchtigten Truppen der Sicherheitsorgane kommt das Ende - und alle Hoffnungen auf eine Liberalisierung werden niedergewalzt.

Die Lage im Land wird immer desolater. Die Läden sind leer, ...

... wenn einmal etwas angeliefert wird, muss man stundenlang danach anstehen.

Nur Mütter von Kleinkindern können sich vordrängen, was zu einem regen Austausch von Babys in den Warteschlangen führt.

Auch nach der Aufhebung des Kriegsrechts 1983 ändert sich nicht viel an der katastrophalen wirtschaftlichen Lage.

Die Fabriken sind marode, ...

... die Landwirtschaft ist in einem archaischen Zustand.

Das Land hat horrende Schulden in Milliardenhöhe und leidet unter Sanktionen - die westliche Antwort auf das Kriegsrecht.

Nur dank defätistischer Witze ...

... und der starken Unterstützung durch die katholische Kirche, die in Polen seit jeher eine bedeutende Rolle gespielt hat, ertragen die meisten Polen die Zeit.

Besonders der aus Polen stammende Papst Johannes Paul II., seit dem 16. Oktober 1978 im Amt, gibt ihnen immer wieder Hoffnung.

Als er 1983 und 1987 das Land besucht, ...

... pilgern Millionen zu den Messen.

"Die Kirche spendete Trost, bot sich als Konflikttherapeutin an und hatte den Vorteil, ...

... dass ihre Paradiesversprechen naturgemäß schwieriger überprüfbar waren als die Verheißungen des Sozialismus", meint der ungarische Historiker György Dalos.

Doch nicht nur der Papst spielt eine außergewöhnliche Rolle bei der Überwindung des Kommunismus in Polen.

Auch ohne Michail Gorbatschow, seit 1985 Führer der Sowjetunion, wäre es kaum so schnell so weit gekommen.

Nach Jahren der Stagnation unter Leonid Breschnew ...

... und dessen Nachfolgern Juri Wladimirowitsch Andropow ...

... und Konstantin Ustinowitsch Tschernenko - alle innerhalb weniger Jahre zu Grabe getragen - taut es plötzlich in Moskau.

Bereits nach Tschernenkos Beerdigung teilt Gorbatschow den Staatschefs des Warschauer Pakts mit: "Die Sowjetunion hat nicht wenig wirtschaftliche Sorgen, aber wir wissen, dass auch die Lage der anderen sozialistischen Länder nicht einfach ist."

Der Bauernsohn und Jurist aus Saratow weiß nur zu gut: Auf lange Sicht kann er im Rüstungswettlauf mit den USA nicht mithalten.

Mit radikalen Reformen versucht Gorbatschow zu retten, was zu retten ist.

Es folgen Glasnost und Perestroika; öffentliche Diskussionen sind plötzlich möglich, der Druck auf Kultur und Öffentlichkeit schwindet, Institutionen, Ministerien und Betriebe erhalten mehr Selbstständigkeit.

Auch seine Außenpolitik und die Haltung zu den sozialistischen Nachbarstaaten unterscheidet sich fundamental von seinen Vorgängern.

"Uns allen ist bewusst, dass unsere Beziehungen zu den sozialistischen Ländern in eine neue Etappe eingetreten sind. Wie es war, so kann es nicht weitergehen", so Gorbatschow im Juli 1986 unter strengster Vertraulichkeit im Zentralkomitee der Kommunistischen Partei der Sowjetunion.

"Die Methoden, die wir gegenüber der Tschechoslowakei und Ungarn anwendeten, sind unannehmbar …

… Wir können keine administrativen Methoden in der Führung der Freunde anwenden …

... Im Grunde brauchen wir diese Führung über sie gar nicht. Das bedeutet nämlich, dass wir sie uns auf den Hals laden."

Wenig später macht Gorbatschow bei einem Besuch in Prag auch den Staats- und Parteichefs unmissverständlich klar: "Wir werden unsere Perestroika nicht auf eure Kosten machen, aber denkt nicht daran, auf unsere Kosten zu leben."

Während den greisen Herrn in der DDR und Ungarn, in der Tschechoslowakei, Bulgarien und Rumänien spätestens nun Böses schwant, ergreift Polen die Gelegenheit beim Schopf.

Ausgerechnet Jaruzelski, der General des Kriegsrechts, zeigt sich 1986 offen für Wandel. Unter vier Augen sagt er zu Gorbatschow, mit den Kollegen im Ostblock, insbesondere dem rumänischem Staatschef Nicolai Ceausescu, werde aus der Reform nichts werden:

"Ceausescu wird nichts davon verwirklichen. Und die anderen können es einfach nicht: …

… Sie sind alt und zurückgeblieben. Wir sollten diesen Karren zu zweit ziehen."

Auch wenn die Gründe für den plötzlichen Reformeifer des Generals zweifelhaft sein mögen und er sicher nicht so schnell die Macht abgeben will:

Immerhin ist ihm klar, dass es so in Polen nicht weitergehen kann.

"Tatsächlich war die eine wie die andere Seite schwach. Die Streiks scheiterten", so General Jaruzelski später. "Sie waren schwach, schwach. Und wir waren auch sehr schwach".

Es ist wie bei so manchem alten Paar: Man braucht den anderen, auch wenn man sich gründlich satt hat.

Im Herbst 1988, nach einem erneuten monatelangen Streik, stimmt die Regierung Gesprächen mit der Opposition zu.

Die Möbelwerkstatt Henrykow erhält den Auftrag, einen Runden Tisch mit 58 Stühlen zu bauen - womit die Polen einen im Ostblock einzigartigen Sinn für Stil und historische Momente beweisen.

Am 6. Februar 1989 beginnt die Tafelrunde der politischen Gegner.

Auf der einen Seite General Jaruzelski und der Innenminster Czeslaw Kiszczak, einer der berüchtigtsten Männer aus den Jahren des Kriegsrechts, ...

... auf der andere Seite Walesa, inzwischen Friedensnobelpreisträger, sowie etliche oppositionelle Intellektuelle wie der Journalist Mazowiecki.

Mehr als 500 Teilnehmer besprechen hier zwei Monate lang alle wichtigen Fragen der polnischen Gesellschaft.

Für beide Seiten sind die Gespräche eine Herausforderung und für nicht wenige Anhänger der Solidarnosc ein Verrat.

Doch immerhin: Am Ende des Runden Tisches stehen die ersten halbwegs freien Wahlen im Ostblock.

Am 4. Juni 1989, als in Peking Panzer die Demokratiebewegung niederrollen, gewinnt die Solidarnosc unter Führung Walesas haushoch.

Moskau erkennt die Wahl als "eigenständiges polnisches Experiment" an.

General Jaruzelski wird kurz darauf mit einer Stimme Mehrheit zum Präsidenten des Landes gewählt, ...

... Mazowiecki übernimmt wenig später, am 24. August 1989, das Amt des Premierministers.

Das polnische Parlament wählt ihn einstimmig. Erstmals tritt im Ostblock ein eingefleischter Antikommunist an die Spitze der Regierung.

"Durch das Parlament weht der Wind der Geschichte", erklärt Parlamentschef Mikolaj Kozakiewicz nicht ohne Pathos.

Die Epoche des Kommunismus geht in Polen als erstem Land des Ostblocks unblutig zu Ende.

Kommunisten und Antikommunisten, die sich wenige Jahre zuvor noch erbittert bekämpft haben, stehen Seite an Seite.

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