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Dienstag, 30. Januar 2018

Gemetzel auf allen Seiten: Die Tet-Offensive des Vietcong

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Die Überraschung ist perfekt, weder US-Soldaten noch die Geheimdienste hatten die leiseste Ahnung. (Foto: AP)

Die Überraschung ist perfekt, weder US-Soldaten noch die Geheimdienste hatten die leiseste Ahnung.

Die Überraschung ist perfekt, weder US-Soldaten noch die Geheimdienste hatten die leiseste Ahnung.

Ausgerechnet zum Neujahrsfest Tet, als viele einheimische Soldaten im Urlaub sind, bricht in der Nacht zum 31. Januar 1968 in Südvietnam die Hölle los.

Fast 80.000 Vietcong, wie die US-Amerikaner die kommunistischen Guerillakämpfer nennen, und ein paar tausend nordvietnamesische Soldaten starten eine massive Offensive.

Erstmals tragen sie den Krieg vom Land in die bis dahin vermeintlich unverwundbaren Städte Südvietnams.

5 der 6 größten Städte, 64 Verwaltungszentren und 36 Provinzhauptstädte attackieren sie.

In der Hauptstadt Saigon greifen Selbstmordattentäter der Vietcong die US-Botschaft an, auch das Präsidentenpalais, der Flughafen und die Hauptquartiere der südvietnamesischen Armee und der US-Streitkräfte stehen unter Beschuss. Die Angreifer hoffen auf einen landesweiten Aufstand.

Damit beginnt die blutigste Phase des seit Jahren tobenden Krieges in Vietnam - ...

... einem Land, das seit dem Indochinakrieg mit Frankreich in einen von den USA unterstützten Süden und einen kommunistischen Norden geteilt ist.

Besonders schlimm trifft es die alte Kaiserstadt Hué, die 7500 Soldaten der nordvietnamesischen Armee einnehmen.

Hier massakrieren sie die "Hooligan-Lakaien", die politische und intellektuelle Elite. Dabei ziehen sie mit Schwarzen Listen von Haus zu Haus.

Rund 5700 Menschen töten oder verschleppen sie, unter ihnen Polizisten, Lehrer, Journalisten und Juristen. Auch westdeutsche Mediziner und ein französischer Priester werden ermordet.

Sie werden erschossen, zu Tode geprügelt, lebendig begraben. Die US-Regierung, die zunächst an einen kurzen antiseptischen Krieg geglaubt und dann jahrelang wider besseres Wissen einen bevorstehenden Sieg verkündet hatte, ist völlig überrumpelt von der Offensive.

Ebenso wie die Öffentlichkeit: "Was um alles in der Welt geht dort vor?", so der CBS-Moderator Walter Cronkite vor der Kamera. "Ich dachte, wir wären dabei, den Krieg zu gewinnen."

Die südvietnamesischen Truppen und die US-Soldaten - inzwischen sind rund 500.000 im Land stationiert - schlagen mit voller Härte zurück.

Dabei gehen sie bisweilen kaum minder grausam als die Vietcong vor.

Vor allem ein Bild, das später eines der meistprämierten in der Geschichte der Fotografie sein wird, versinnbildlicht dies:

Es zeigt den südvietnamesischen Polizeichef, General Nguyen Ngoc Loan, der in Saigon einen kommunistischen Kämpfer vor laufender Kamera erschießt.

"Sie haben viele meiner Leute ermordet und deine auch", sagt der Polizeichef nach der Tat.

Auch andernorts agieren die Südvietnamesen und ihre US-Verbündeten nicht zimperlich.

Um die Stadt Ben Tre aus den Händen der Vietcong zu befreien, greifen sie diese mit Infanterie und aus der Luft an.

Die Hälfte der Häuser wird dabei zerstört, die Straßen sind mit Leichen übersät. Diese werden aus Angst vor Seuchen in den Mekong geworfen.

Augenzeugen zufolge ist der Fluss so mit Toten bedeckt, dass man fast über das Wasser laufen kann.

Ein US-Offizier kommentiert die Zerstörung der Stadt mit dem lapidaren Satz:

"Es war notwendig, die Stadt zu zerstören, um sie zu retten."

Wenig später verübt die Task Force Barker das "Massaker von My Lai".

Am 16. März 1968 überfällt sie das südvietnamesische Dorf My Lai. Alle Bewohner des Ortes seien Sympathisanten oder Unterstützer der Vietkong, heißt es am Vortag des Einsatzes.

Die US-Soldaten vergewaltigen Frauen, foltern und ermorden fast alle Bewohner des Dorfes.

"Vermutlich hat keine andere amerikanische Einheit binnen weniger Stunden derart viele Unbeteiligte gemeuchelt wie die Task Force Barker", so der deutsche Historiker Bernd Greiner. Lange wird das Massaker von der US-Armee vertuscht, erst 14 Monate später gibt es erste Berichte über den Vorfall.

Es ist nicht das erste und auch nicht das letzte Kriegsverbrechen der USA in Vietnam.

Auf den ersten Blick allerdings erscheint die massive militärische Antwort der USA auf die Tet-Offensive erfolgreich.

Zwischen Januar und März verlieren die Vietcong fast zwei Drittel ihrer Mannschaften -

... durch Tod, Verwundung oder Gefangennahme.

Bis zum Herbst 1968 werden Zehntausende Vietcong-Kämpfer getötet.

Von dem Schlag nach der Tet-Offensive erholen sich die Vietcongs nicht mehr. Selbst auf dem Höhepunkt des Krieges stellte die Guerilla-Truppe maximal 240.000 Kämpfer.

An ihre Stelle treten nun vielmehr die gut ausgebildeten Einheiten aus Nordvietnam.

Und doch: Die militärischen Gewinne der USA spielen in der öffentlichen Wahrnehmung keine Rolle, propagandistisch bleibt die Tet-Offensive ein Erfolg.

Der Historiker Greiner stellt es so dar: "Weltweiten Eindruck machten nicht die Verluste des Vietcong, sondern die Nachricht einer zeitweise überrumpelten amerikanischen Streitmacht."

Außerdem führen Bilder wie die der Exekution in Saigon durch den Polizeipräsidenten viele US-Amerikaner zu der Frage:

Was sind das überhaupt für Verbündete, mit denen die USA einen so blutigen Krieg führen?

William Bundy, Staatssekretär im US-Außenministerium, gibt sich keinen Illusionen hin. Sie seien "die unterste Stufe, absolut die unterste Stufe".

Und doch gelten sie den USA lange als Vorkämpfer der Demokratie, als Bollwerk gegen den Kommunismus in Asien.

Bereits Mitte der 1950er-Jahre unterstützt Washington Präsident Ngo Dinh Diem, der im Süden des Landes die Macht ergreift. Dabei regiert er autoritär, viele Vietnamesen halten ihn und seinen Familienclan für korrupte und skrupellose Marionetten des Westens.

Die Vietcong, die keineswegs nur aus Kommunisten bestehen, bekämpfen Diems autoritäres Regime. Sie werden von Nordvietnam unter Ho Chi Minh und der UdSSR unterstützt.

Der "Tonkin-Zwischenfall" im August 1964 wird zum Anlass für den direkten Kriegseintritt der USA: Die US-Zerstörer "Maddox" und "Turner Joy" werden im Golf von Tonkin beschossen - angeblich. Die Meldung stellt sich später teilweise als Falschinformation heraus.

Die US-Regierung macht Nordvietnam für den Angriff verantwortlich. Der Kongress bevollmächtigt Präsident Lyndon B. Johnson zum "Gebrauch bewaffneter Gewalt" in Vietnam.

Am 8. März 1965 landen die ersten 3500 US-Marines in Südvietnam.

Ende Februar 1965 beginnen die USA zudem ihre Operation "Rolling Thunder". Dahinter verbirgt sich das massive Flächenbombardement Nordvietnams.

Im gesamten Vietnamkrieg werfen die Amerikaner mehr als 7 Millionen Tonnen Bomben ab - gut dreimal mehr als sie während des Zweiten Weltkriegs über Europa und Asien abgeworfen haben.

Ein US-General beschreibt das Ziel der Angriffe mit den Worten, Nordvietnam solle in die Steinzeit zurückgebombt werden.

Dabei kommen neben konventionellen Sprengsätzen auch Napalm-Bomben zum Einsatz, ...

... die bei ihren Opfern schlimmste Verbrennungen hinterlassen.

Zudem versprühen die USA im Vietnamkrieg mehr als 80 Millionen Liter hochgiftiger Herbizide.

In großen Mengen wird vor allem das dioxinhaltige "Agent Orange" freigesetzt - benannt nach der Farbe der Container, in denen es aufbewahrt wurde.

Ziel ist die völlige Entlaubung der Wälder.

So sollen die feindlichen Kämpfer und ihre Versorgungswege enttarnt werden. Im Bild ein 60 Kilometer von Saigon entfernter Mangrovenwald vor dem Versprühen von Agent Orange 1965 ...

... und im Jahr 1970. Die dunklen Flecke sind einige überlebende Bäume.

Doch die totale technische Überlegenheit bietet den USA im Dschungel von Vietnam kaum Vorteile.

Im Gegensatz zu den US-Soldaten sind die Kämpfer des Vietcong in Guerilla-Taktiken geübt.

Die US-Truppen erleiden schwere Verluste. 1968 sterben pro Woche rund 250 US-Soldaten. Viele von ihnen sind noch sehr jung.

Der Einsatz in Vietnam wird zum Zermürbungskrieg.

Die Kommunisten beherrschen dabei laut Greiner die Lektion der asymmetrischen Kriegsführung:

"Der 'Schwache' darf sich nicht auf die Kriegsführung des 'Starken' einlassen, sondern muss stets dafür sorgen, dass der 'Starke' sich verzettelt und seine überlegene Bewaffnung nicht entfalten kann."

Außerdem haben die Guerillas Zeit. Während für die Amerikaner der Druck wächst, zu siegen, können die Vietcong abwarten.

Solange der Schwache nicht verliere, habe er gewonnen, so Greiner.

Tatsächlich wird die Lage der Amerikaner, je länger der Krieg dauert, trotz aller technischen Überlegenheit immer schwieriger.

Innerhalb der Truppe schwindet die Moral, ...

... in den USA stößt der Vietnamkrieg zunehmend auf Proteste.

Kurz nach der Tet-Offensive, Ende März 1968, reagiert Präsident Johnson und kündigt das Ende des Bombardements von Nordvietnam an - damit wiedersetzt er sich den Forderungen des Militärs, das weitere 200.000 Mann nach Vietnam entsenden wollte.

Johnson erfüllt damit eine nordvietnamesische Forderung für Waffenstillstandsgespräche. Diese beginnen im Mai 1968 in Paris.

1969 wird der Demokrat Johnson vom Republikaner Richard Nixon als US-Präsident abgelöst. Dieser legt ein Programm zur "Vietnamisierung" des Krieges vor.

Schrittweise soll die Verantwortung für den Krieg in die Hände der südvietnamesischen Regierung gelegt und 90.000 US-Soldaten abgezogen werden.

Bis zum vollständigen Abzug der USA sollen aber noch Jahre vergehen.

Nach einem antikommunistischen Putsch der Militärs in Kambodscha intervenieren die USA 1970 dort zugunsten der neuen Regierung.

1971 wird zudem Laos bombardiert. Den Vietcong soll so der Nachschub über die beiden Länder abgeschnitten werden.

Eine erneute Offensive Nordvietnams im März 1972 kostet abermals vielen US-Soldaten das Leben.

Ende des Jahres fliegen die US-Amerikaner noch einmal schwere Bombenangriffe auf nordvietnamesische Städte.

Aus dem Jahr 1972 stammt auch das wohl bekannteste Bild aus dem Vietnamkrieg. Südvietnamesische Zivilisten fliehen, nachdem sie irrtümlich von ihren eigenen Soldaten mit Napalm angegriffen worden waren.

Am 27. Januar 1973 schließlich ist es so weit: In Paris wird ein Waffenstillstandsabkommen unterzeichnet.

Doch Frieden herrscht noch lange nicht.

Ende April 1975 rücken nordvietnamesische Panzer in Saigon ein.

Südvietnam kapituliert noch am selben Tag.

Der Einmarsch der Nordvietnamesen wird von einer Massenflucht begleitet: 130.000 Südvietnamesen retten sich noch außer Landes.

Allein am 29. und 30. April 1975 fliegen US-Hubschrauber noch mehr als 7000 Menschen aus Saigon und bringen sie auf Flugzeugträger vor der Küste.

Beim letzten Flug aus Saigon klammern sich in ihrer Verzweiflung Menschen an die Kufen des Helikopters. Es sind Bilder der Schmach für die Weltmacht USA.

Der Mythos von der Unbesiegbarkeit der USA ist dahin. Der von der moralischen Überlegenheit sowieso.

Auch sonst ist der Preis hoch. Nahezu 60.000 US-Soldaten starben oder sind immer noch vermisst.

Unzählige Soldaten sind verletzt und traumatisiert.

Die Zahl der getöteten Vietnamesen ist bis heute unklar.

Schätzungen reichen bis zu vier Millionen - bei einer Gesamtbevölkerung von rund 36 Millionen.

Hinzu kommen die Spätfolgen des Krieges. Nach wie vor werden Blindgänger US-amerikanischer Bomben geborgen.

In Vietnam vergrabene Minen kosten noch immer Menschen das Leben.

Und die versprühten Chemikalien belasten bis heute Landschaft und Menschen.

Laut der Agent Orange Association Vietnam leiden rund drei Millionen Menschen an den Spätfolgen des Gifts, seit dem Krieg sind 150.000 Kinder mit schweren Behinderungen zur Welt gekommen.

"Einmal hatten wir ein Kind mit einem Kopf wie ein Hund. Ein andermal eines mit Hörnern wie ein Wasserbüffel. Manche kommen mit zwei Köpfen zur Welt", so Nguyen Viet Hoan von der Agent Orange Association Vietnam.

Auch 50 Jahre danach: Der Vietnamkrieg bleibt eines der größten Desaster der US- Geschichte und ein Trauma für die Weltmacht.

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