Panorama

Zwischen Prunk, Peinlichkeit und NormalitätAdel bleibt faszinierend

11.08.2009, 18:09 Uhr

Vor 90 Jahren wurden der Adel zwar mehr oder weniger vernichtet, zumindest was die rechtlichen Privilegien angeht. Doch die klingenden Namen scheinen wenig von ihrem Glanz und ihrer Faszination verloren zu haben.

"Adel verpflichtet" lautet ein geflügeltes Wort. Vor genau 90 Jahren wurden er zwar mehr oder weniger vernichtet - zumindest was die rechtlichen Privilegien angeht. Denn die Weimarer Verfassung vom 11. August 1919 sorgte dafür, dass die vielen "Vons" und "Zus" nur noch Bestandteil des Namens waren - abgesehen von meist ganz beträchtlichen Besitztümern, die blieben. Doch scheinen eben diese klingenden Namen wenig von ihrem Glanz und ihrer Faszination verloren zu haben - egal ob in der Medienbranche oder in der Politik. Spätestens seit dem Beliebtheitsboom des Wirtschaftsministers Karl- Theodor zu Guttenberg (CSU) wird in Deutschland wieder über die Macht des Adels gesprochen.

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Karl-Theodor zu Guttenberg und seine Frau Stephanie: elegant und irgendwie ziemlich normal. (Foto: dpa)

Guttenbergs Vater Enoch befeuerte den Mythos vom edlen Adel kürzlich, als er in der "Süddeutschen Zeitung" sagte: "Wir sind so erzogen worden, dass man für das, was man für richtig hält, zur Not auch sterben können muss." Nach längerer Zeit war damit mal wieder Adelstradition in einem pathetischen Sinne in den Schlagzeilen.

Meistens aber tauchen Adelige heute vor allem in der Regenbogenpresse auf, wenn es darum geht, eine Sehnsucht nach Prunk oder aber nach Peinlichkeit zu erfüllen. So ist dann gerne von pompösen Hochzeiten in den Familien Hohenzollern, Bismarck oder Schaumburg-Lippe zu lesen. TV-Sendungen wie "Gräfin gesucht - Adel auf Brautschau" (Sat.1) bedienen indes eine Art von Voyeurismus.

Katholische Ansichten und Ohrfeigen

Berühmtes Personal in der Adelsberichterstattung in Deutschland: die inzwischen vor allem für ihre katholischen Ansichten bekannte Gloria Fürstin von Thurn und Taxis oder aber Ernst August Prinz von Hannover, Ehemann von Caroline Prinzessin von Monaco und jetzt auch Hannover, der sich zurzeit in einem wieder aufgenommenen Prozess um zwei Ohrfeigen in Kenia im Jahr 2000 gegen Vorwürfe wehren muss.

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Gloria Fürstin von Thurn und Taxis wirkt dagegen manchmal eher skurril. (Foto: dpa)

"Berichtenswert sind oft die Adeligen, die sich skurril präsentieren", sagt die RTL-Society-Expertin Frauke Ludowig. "Es gibt aber auch jede Menge Adelige, die ein ganz normales Leben führen." Bei Herrn zu Guttenberg sei das Erfolgsgeheimnis ganz einfach: "Bei seiner Frau und ihm haben viele Leute das Gefühl, dass die beiden sich so benehmen, wie man sich benehmen sollte. Sie sind einfach elegant."

Beobachter im Gesellschaftszirkus

Leute mit klingenden Namen sind auch selber Beobachter im Gesellschaftszirkus - man denke etwa an Journalisten und Autoren wie Tita von Hardenberg, Maja Prinzessin von Hohenzollern oder aber den "Bild"-Kolumnisten Alexander von Schönburg. Und der Kabarettist Eckhart von Hirschhausen ist zurzeit Deutschlands Bestseller-Autor und lakonischer Ratgeber Nummer eins ("Glück kommt selten allein...").

Trotz also eigentlich großer Lockerheit im Umgang mit dem Adel im demokratischen Deutschland fragte die Berliner "Tageszeitung" (taz) kürzlich, ob "Deutschlands politische Klasse" angesichts der großen Beliebtheit von "Baron zu Guttenberg" wieder mehr Adel brauche.

"Adel ist keine Garantie für Intelligenz"

Der Linke-Politiker Bodo Ramelow kanzelte den Wirtschaftsminister als "Prototyp eines allzeit gut gegelten Politikers" ab - offenbar sei das Ansehen der Herrschenden so tief gesunken, dass sich mancher wieder nach einer Zeit zurücksehne, in der Titel und Besitz durch Geburt und nicht durch Leistung erworben wurden. Vera Gräfin Lehndorff (70), ehemaliges Topmodel, antwortete indes: "Adel ist keine Garantie für Intelligenz, politische Erfahrung oder umsichtige Führungskraft, wie uns die Geschichte durch zahlreiche Kriege gezeigt hat (...) Einzig entscheidend in der Politik sind Klugheit, Entscheidungsfähigkeit und Glaubwürdigkeit."

Quelle: Gregor Tholl, dpa