Panorama

Fast in der SED gelandet Bertolt Brecht und der 17. Juni 1953

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Bertolt Brecht (rechts) im Gespräch mit dem Verleger Peter Suhrkamp (Mitte) und dem Frankfurter Intendanten Harry Buckwitz (Archivbild von 1955).

(Foto: picture alliance / dpa)

Die Schwierigkeiten mit der Parteidisziplin hinderten ihn wohl dann doch am Eintritt in die SED. Dennoch liebäugelte Bertolt Brecht nach Angaben seines 1994 verstorbenen Schülers Erwin Strittmatter mit der "Partei der Arbeiterklasse".

Der Dramatiker Bertolt Brecht (1898-1956) wollte am 17. Juni 1953, unmittelbar nach dem Arbeiteraufstand in der DDR, spontan in die SED eintreten. Daran erinnerte sich der 1994 verstorbene ostdeutsche Schriftsteller Erwin Strittmatter ("Der Laden") in seinen Tagebüchern, dessen zweiter und letzter Band jetzt im Berliner Aufbau Verlag erschienen ist.

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Erwin Strittmatter (1912-1994)

(Foto: picture alliance / dpa)

Strittmatter, Schüler und Assistent Brechts Anfang der 1950er-Jahre am Berliner Ensemble, spricht in seinen späteren Tagebüchern manchmal von sich in der dritten Person als "Alter Mann" und notierte 1985 sich erinnernd: "Einmal fragte der Alte Mann Brecht: 'Weshalb bist du nie in die Partei eingetreten?' 'Es war da so eine Sache mit der Disziplin', antwortete er."

An jenem 17. Juni 1953, "um den die Politiker Lügen und Lügen ranken ließen", wie Strittmatter (1912-1994) notierte und dabei offen ließ, ob ost- oder westdeutsche Politiker gemeint sind oder allesamt, "wollte Brecht in die Partei hinein", erinnerte sich der Autor von DDR-Erfolgsromanen wie "Ole Bienkopp" und "Der Wundertäter", und fügte dann hinzu: "Der Alte Mann wurde ausgeschickt, den Partei-Oberen mitzuteilen, Brechts Aufnahme in die Partei solle rasch geschehen. B. versprach sich davon Wirkung auf die 'Gegner' im Westen, jedoch die Parteibürokraten zögerten, und als drei Tage herum waren, sagte Brecht: 'Nun will ich nicht mehr; der Effekt ist weg.'"

Schreiben an Ulbricht

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Walter Ulbricht erhielt einen Brief von Brecht.

(Foto: picture alliance / dpa)

Der Leiter des Brecht-Archivs in Berlin, Erdmut Wizisla, sagte dazu: "Dass Brecht am 17. Juni spontan in die Partei eintreten wollte, hat auch Brechts Assistentin Käthe Rülicke überliefert. Strittmatters Bericht, dass Brecht nach drei Tagen die Idee wieder fallen ließ, weil der Effekt weg sei, ist hingegen für uns neu - wie auch der ausdrückliche Hinweis auf Schwierigkeiten mit der Parteidisziplin. Aber es passt zu dem, was wir von seinem Verhältnis zur Partei wissen. Brecht ist solidarisch gewesen, aber er hat sich nicht in den Dienst nehmen lassen. Sein politisches Denken war unabhängig und absolut kalkuliert, was Spontaneität absolut einschloss. Im Zweifelsfall agierte er immer als Künstler."

Brecht hatte nach dem Arbeiteraufstand in einem Brief an SED-Chef Walter Ulbricht seine grundsätzliche Verbundenheit mit der Partei bekundet. Beim Abdruck im SED-Zentralorgan "Neues Deutschland" fehlte dann allerdings diese Passage: "Die große Aussprache mit den Massen über das Tempo des sozialistischen Aufbaus wird zu einer Sichtung und zu einer Sicherung der sozialistischen Errungenschaften führen."

Seine danach verfassten "Buckower Elegien" enthielten auch das Gedicht "Die Lösung", das allerdings erst nach seinem Tod veröffentlicht wurde, und den Gedanken enthielt, die Regierung könne sich ja auch "ein neues Volk wählen".

Quelle: ntv.de, wne/dpa

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