Jesus als "größter Konkurrent"Biohacking - eine Religion für das 21. Jahrhundert
Von Fabian Maysenhölder
Vom "Bulletproof Coffee" bis hin zu nächtlichen Erektions-Messungen: In der Biohacking-Szene wird alles dem Streben nach einem ewigen Leben untergeordnet. Zwischen charismatischen Gurus, teuren Retreats und strengen Reinheitsgeboten zeigen sich hier auch sektenhafte Muster.
"Jesus ist mein größter Konkurrent" - das ist ein Satz, mit dem sich Bryan Johnson zitieren lässt. Johnson ist der Begründer der "Don't die"-Bewegung - "Stirb nicht". Der Name ist Programm. Der Multimillionär strebt nach ewigem Leben, und das nicht im Glauben an irgendeine übernatürliche Macht oder ein Paradies, sondern ganz real im Hier und Jetzt. Erreichen will er das durch ständige Optimierung des eigenen Lebensstils, unter anderem durch einen genau getakteten Tagesablauf.
Dazu gehören zahlreiche Elemente: der Schlaf genauso wie die Mahlzeiten. Jeden Tag nimmt Johnson mehr als rund 100 Pillen an diversen Nahrungsergänzungsmitteln, zeitweise ließ er sich das Blutplasma seines Sohnes injizieren. Tägliche Saunabesuche bei exakt 93 Grad Celsius gehören ebenso zu seinem Alltag wie die anschließenden Eispackungen auf den Hoden.
Johnson will auf diese Weise tatsächlich unsterblich werden. All diese Dinge sollen seinen Körper jung und fit halten. Und er hat daraus eine Religion gemacht - das sagt er ganz explizit. Auf den ersten Blick klingt das nach einer skurrilen Spinnerei eines Silicon-Valley-Typen, der zu viel Geld hat. Doch das ist es nicht - Johnson hat eine große Schar an Anhängern und Anhängerinnen. Weltweit gibt es über 1000 Kleingruppen, die sich treffen, um sich über seine Lehren auszutauschen.
Bulletproof Biohacking
"Biohacking" nennt sich dieser Trend, der den eigenen Körper quasi als Software betrachtet, die man durch gezielte Eingriffe optimieren kann. Das Spektrum ist dabei breit gefächert: Es reicht von Intervallfasten, Eisbaden oder Blaulicht-Filtern für besseren Schlaf bis hin zum "Quantified Self", bei dem jede Körperfunktion permanent vermessen wird. Und im Extremfall - siehe Johnson - bekommt es transhumanistische Züge. Der Körper wird aufgerüstet, durch experimentelle Gentherapien oder Transfusionen oder andere invasive Eingriffe, um den körperlichen Verfall endgültig aufzuhalten.
Dass es sich beim Biohacking-Trend um eine Bewegung handelt, die viele Ähnlichkeiten mit einer Religion hat, wird schnell klar, wenn man genauer hinschaut. Es gibt viele Dogmen, die die Anhänger dieser Religion befolgen, und interessanterweise sind viele davon nicht einmal wissenschaftlich belegt - bei vielen Nahrungsergänzungsmitteln zum Beispiel ist die Studienlage oft dünn. Zudem gibt es unterschiedliche Gurus, die verschiedene Dinge predigen, die jeweils auch unterschiedliche Anhängerschaften haben.
Dave Asprey ist einer dieser Gurus. Er bezeichnet sich selbst als "Father of Biohacking" und hat sogar eine klassische "Berufungsgeschichte" vorzuweisen: 2004 reiste er nach Tibet, trank dort Yakbutter-Tee und erzählt, dass er eine Erleuchtung gehabt habe. Dann kehrte er zurück in die USA, erfand auf der Basis des tibetischen Buttertees den "Bulletproof Coffee" und vermarktete ihn im Zusammenhang mit einer ganzen "Bulletproof-Diät". Er behauptete, er habe durch den Kaffee in Kombination mit einigen anderen Biohacking-Tricks seinen IQ um mehr als 20 Prozentpunkte steigern können. Heute verdient Asprey durch Konferenzen, Retreats und Podcasts ein Vermögen. Wer bei ihm ein sogenanntes "Neurofeedback-Retreat" buchen möchte, zahlt dafür satte 15.000 Dollar. Das Magazin Outside Online betitelte einen Artikel über ihn schlicht: "The Cult of Biohacking."
Das Geschäft mit der Hoffnung
Und tatsächlich - das Ganze hat sektenhafte Züge. Die Muster sind bisweilen ganz ähnlich: ein charismatischer Anführer mit Berufungsgeschichte und direktem Zugang zur Wahrheit. Eine Gruppe von Eingeweihten, die das Geheimwissen teilen. Schwarz-weiße Reinheitsgebote, die trennen zwischen denen, die es verstanden haben, und denen, die noch im Dunkeln tappen. Finanzielle Opfer und Spenden als Beweis dafür, dass man es auch wirklich ernst meint. Und, allem voran: ein Heilsversprechen, das sich nicht wirklich überprüfen lässt - weil das Ziel immer ein bisschen weiter in der Zukunft liegt. Ob diese Hoffnung nun ein jenseitiges Paradies oder ein vermeintlich ewiges (oder enorm langes) Leben ist, ist dabei zweitrangig.
Dabei geht es gar nicht darum, alles abzuwerten. Sektenhafte Strukturen finden sich in vielen Bereichen des Lebens - ob beispielsweise in Unternehmenskulturen, in politischen Bewegungen oder eben solchen Biohacking-Trends. Es geht vielmehr darum, Muster der Abhängigkeit und Kontrolle wahrzunehmen, die schnell in ein "Zuviel" kippen können.
Und dieses "Zuviel" ist zum Beispiel dann gegeben, wenn es nicht mehr darum geht, Menschen hin zu einem selbstbestimmten Leben zu führen. Sondern wenn es - wie es in Bereichen des Biohacking der Fall ist - immer nur noch um eine ständige Optimierungsspirale geht.
Alles ordnet sich der Optimierung unter
Bryan Johnson ist das prominenteste Beispiel, wie weit das ausarten kann. Johnson hat sein Leben komplett der Vermessung unterworfen und dahinter muss alles andere zurücktreten. Johnson schläft allein in einem sterilen Zimmer ohne Bücher oder Fotos, um seine Schlafqualität auch möglichst nicht um ein einziges Prozent zu gefährden. Selbst intimste Daten vermisst er: Mit einem Messgerät am Penis überwacht er seine nächtlichen Erektionen als Indikator für sein biologisches Alter.
Und darunter leiden - auch das ist eindeutig ein sektenhafter Zug - die sozialen Beziehungen. Johnson steht ganz offen dazu, dass viele seiner Beziehungen an dieser Lebensweise und an diesem Optimierungsgedanken gescheitert sind. Denn er ist nicht bereit, bei seinen Biohacking-Praktiken - aus seiner Sicht also dem Weg zur Unsterblichkeit - zugunsten von Freundschaften Kompromisse einzugehen.
"Jesus ist mein größter Konkurrent" - vielleicht stimmt dieser Satz von Johnson sogar. Denn was das Christentum und viele andere Religionen dem Menschen anbieten, ist eine Antwort auf ein und dieselbe Urangst, die auch Johnson umtreibt: die Angst vor dem Tod und dem ewigen Verschwinden. Der Unterschied zu klassischen Religionen liegt vielleicht weniger im Ziel als auf dem Weg dorthin. Und darin, was auf diesem Weg verloren geht. Die Daten- und Vermessungsreligion des Biohacking verspricht Freiheit und vermeintlich ewiges Leben durch totale Kontrolle. Vielleicht aber steht am Ende kein befreiter Mensch, der ewig lebt. Sondern einer, der stirbt, wie alle anderen auch. Und der vor lauter Angst vor dem Tod vergisst, zu leben.