Panorama

Raus aus dem Hamsterrad Das Leben entschleunigen

Wer kennt das nicht: Das Telefon klingelt unentwegt, der Chef sitzt einem im Nacken, und nach Feierabend hetzt man noch schnell zum Einkaufen. Der Wunsch, diesem Hamsterrad zu entfliehen, wird immer größer. Doch es muss nicht gleich eine einsame Insel sein.

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Manchmal hilft es schon, seinen Alltag neu zu strukturieren ...

(Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb)

Schneller ist nicht immer besser. Diese Botschaft will die sogenannte Entschleunigungs-Bewegung (Slow movement), ein österreichischer Verein zur Verzögerung der Zeit, der auch in Deutschland zahlreiche Anhänger hat, vermitteln. Was vor mehr als 20 Jahren mit der Slow-Food-Bewegung als Gegentrend zum hektischen, gleichförmigen Essen seinen Anfang nahm, hat inzwischen unzählige weitere Trends in der ganzen Welt gesetzt. Mal geht es um entschleunigte Städte oder langsames Reisen, mal um "slow wear" als Gegenbewegung zum Massenmodetrend oder gar um entschleunigten Sex. "Dahinter steht nicht die Philosophie, alles im Schneckentempo zu tun", sagte Carl Honore, der mit Büchern über die Langsamkeit erfolgreich war. Es gehe vielmehr darum, alles in der richtigen Geschwindigkeit zu tun.

Auch der vor 20 Jahren gegründete Verein zur Verzögerung der Zeit will ein "Gegengewicht" zur hektischen Betriebsamkeit sein, die viele Lebensbereiche erfasst hat. Statt in blinden Aktivismus zu verfallen, sollten die Menschen innehalten und über ihren Umgang mit der Zeit nachdenken, mahnt der an der Universität Klagenfurt ansässige Verein auf seiner Webseite. Inzwischen gehören ihm mehr als 700 Mitglieder an, darunter auch zahlreiche Deutsche. "Wir sind nicht grundsätzlich gegen die Beschleunigung, aber in manchen Bereichen müssen wir entschleunigen", sagt der Präsident des Vereins, der Münchner Anwalt Erwin Heller. Schließlich gehe es um die eigene Lebensqualität.

Zwei Stunden am Tag für die Lieben

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... und Prioritäten zu setzen, so dass mehr Zeit für Entspannung, Familie und Freunde bleibt.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Der Verein versteht sich vor allem als Netzwerk von Menschen, denen der angemessene Umgang mit Zeit eine Herzensangelegenheit ist. Sie tauschen sich auf Symposien aus, treffen sich in regionalen Gruppen oder verstehen ihre Mitgliedschaft schlicht als eine Art Selbstmahnung, effektiv mit ihrer Zeit umzugehen. Denn allzu oft, moniert der Verein, nehmen sich die Menschen nicht genug Zeit, "reife" Entscheidungen zu treffen - und verbringen deshalb ihre Zeit häufig mit dem selbstverursachten Krisenmanagement.

"Man sollte mindestens zwei Stunden am Tag mit Dingen verbringen, die einem wirklich Freude machen. Das gilt auch für die Beziehung", sagt der Wiener Psychotherapeut und Lehrer Imre Màrton Reményi. Er gehörte zu den Teilnehmern der jährlichen "Zeitgespräche", zu denen der Verein Ende September im österreichischen Wagrain wieder Experten, Künstler, Wissenschaftler, Juristen und andere Unterstützer versammelte. "Durch die Verlangsamung entdecken wir die Details, die das Leben schöner machen", fügt der Schweizer Soziologe Mark Riklin hinzu, ebenfalls ein Verfechter der Entschleunigungs-Bewegung.

Frithjof Bergmann, emeritierter Professor an der Universität des US-Bundesstaates Michigan, der in seiner langen Karriere schon den US-Autobauer General Motors beraten hat, aber auch zwei Jahre als Einsiedler in den Wäldern lebte, plädiert für eine "neue Form von Arbeit und Kultur". Der Bedarf scheint groß zu sein: Untersuchungen von Experten haben ergeben, dass immerhin rund 20 Millionen Menschen in Europa bereit wären, ein Quäntchen ihres Lohnes abzutreten, um zusätzliche Zeit für Familie und Freizeit zu gewinnen.

Quelle: n-tv.de, Sandra Lacut, AFP