Panorama

Klitschko-Managerin Tatjana Kiel "Das ist auch ein Krieg der Frauen, an allen Fronten"

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Tatjana Kiel kämpft unermüdlich um Geld und Aufmerksamkeit, um die Ukraine zu unterstützen.

(Foto: dpa)

Tatjana Kiel managt die Klitschko-Brüder, auch als sie mit der aktiven Boxerkarriere aufhören. Vitali und Wladimir Klitschko arbeiten für ihre Stiftung, für die Fans, für das ukrainische Volk - Vitali ist Bürgermeister von Kiew, Wladimir schreibt einen Bestseller. Das Leben könnte glamourös sein. Was auf sie zukommen würde, hätte sich Kiel nicht in ihren schlimmsten Alpträumen ausmalen können. Niemand konnte das. Jetzt ist die Managerin das Back-Office für die beiden ehemaligen Boxer, die momentan den härtesten Kampf ihres Lebens kämpfen: Sie stehen ganz vorne in der Verteidigung der Ukraine. ihres Landes, das sich seit dem 25. Februar im Krieg befindet. Kiel, langjährige Geschäftspartnerin von Wladimir Klitschko und Mitgründerin der Initiative #WeAreAllUkrainians spricht mit ntv.de über diese Situation und dass die ukrainischen Frauen mindestens so stark sind wie die ukrainischen Männer.

ntv.de: Wladimir Klitscho war gerade in Berlin, um für mehr Hilfe und Unterstützung zu werben und sich sehr bei Deutschland bedankt hat. Aber nicht alle sind so zufrieden mit Deutschland ...

Tatjana Kiel: Dieser Besuch hat wahnsinnig viel bewirkt. Ich bin keine Politikerin, ich organisiere hier die Dinge, die unseren Leuten in der Ukraine fehlen, über große Hilfstransporte, mit Hilfe aus der deutschen Wirtschaft. Ich glaube aber, dass wir alle spüren, dass wir mehr machen müssten. Als Gemeinschaft, als Europäische Union.
Da dürfen wir nicht länger zugucken.

Die Bettdecke über den Kopf zu ziehen ist sicher keine Option, auch wenn man es oft gern möchte.

Berichterstattung ist das A und O. Ich versuche, möglichst rational meinen Tag zu bestreiten, nicht zu emotional zu werden. Wenn ich mit Vitali und Wladimir spreche, lassen wir alles Emotionale außen vor. Ich versuche, klar und sachlich zu sein.

Was fehlt Ihnen in der Kriegsberichterstattung?

Wir müssen unbedingt auch den vielen stillen Heldinnen eine Stimme geben, wie zum Beispiel Olena, die seit 2015 Frauen an der Waffe ausbildet. Sie hat schon immer gesagt, dass die Gefahr einer Invasion nicht vorbei ist, dass da noch waskommt. Olena ist im sechsten Monat schwanger, hat zwei Kinder, 11 und 16, und sie
ist stolz darauf, mithelfen zu können, ihr Land zu verteidigen. Es gibt Tausende von Geschichten von Frauen, die man erzählen muss. Was der Krieg mit ihnen macht, aber auch was sie daraus machen. Wir müssen unbedingt laut bleiben!

Ein gutes Stichwort – lassen Sie uns über Frauen sprechen.

Sehr gern. Kriegsberichterstattung ist zu großen Teilen ja eine überaus männliche Sichtweise. Frauen wirken in der Berichterstattung fast passiv, dabei ist das nicht so. Dass Frauen verschleppt und vergewaltigt werden, ist ein grauenhafter Fakt. Aber genauso ist ein Fakt, dass Frauen in der Ukraine extremen Mut beweisen, jeden Tag.
Wir müssen ihre Stärke noch viel sichtbarer machen: Frauen, die mit ihren Kindern auf gefährlichen Wegen flüchten, Frauen an den Grenzen, Frauen, die dableiben und kämpfen. Sie alle brauchen andere Frauen, die laut werden, die für sie sprechen und nicht in Schockstarre verfallen, sondern aktiv werden. Und das fängt an bei den
Frauen, die zu Hause mit ihren Kindern über das Thema sprechen, die ihnen erklären, wie schlimm dieser Krieg ist. Wir müssen vermitteln, wie volatil das Leben ist. Ich verstehe, dass man sich schützen will, dass man Dinge ausblendet, aber es geht um Leben und Tod und wir können und dürfen jetzt nicht die Augen davor verschließen.

Ich bemerke Ermüdungserscheinungen um mich herum: ich werde gefragt, wie man helfen könne – wenn ich dann konkret werde, höre ich ehrlich gesagt, oft erstmal nichts mehr von den Personen.

Das ist nicht gut, wir müssen wach bleiben, unsere Mitmenschen unterstützen. An der Front sind überwiegend Männer, das ist richtig, aber es sind auch viele Frauen da, an manchen Orten über 20 Prozent. In den Fabriken arbeiten Frauen, in den Krankenhäusern – überall arbeiten Frauen. Wer übrigens spenden möchte: 360 Euro pro Monat ermöglichen die Arbeit einer Krankenschwester, die gerade doppelt so viel arbeitet wie normalerweise. Die meisten arbeiten komplett durch, das muss ein System erstmal aushalten, da muss man aufpassen, dass es nicht implodiert. Es sind die Frauen, die dieses System tragen, stoisch, mit einer Selbstverständlichkeit, die sie zu Heldinnen macht. Zu Vorbildern. So wie Wladimir und Vitali.

Dass in unserem Sprachgebrauch die Möglichkeit Einzug gehalten hat, das Leben in "vor dem Krieg" und "nach dem Krieg" aufzuteilen, ist unfassbar. Und dass die Klitschko-Brüder die Brücke aus dem Krieg zu uns sind - wer hätte das jemals gedacht?

Das machen sie sehr gut, "walk the talk" nenne ich das. Wir alle neigen ja dazu, uns viel zu schnell wegzudrehen, anstatt uns zu stellen. Die beiden zwingen uns, genau hinzugucken. Und das bestätigt mir, dass das, was Wladimir und ich aufgebaut haben, nach seiner aktiven Karriere, die Grundlage unserer Arbeit bei Klitschko Ventures, jetzt so einen Bestand hat: Wladimir zeigt gerade, was ihn schon immer ausgemacht hat. Er steht zu seinen Werten, er steht hinter der Gesellschaft, er sieht das große Ganze. Es ist toll, solche Menschen zu haben, diese Menschen, diese Vorbilder, brauchen wir.

Wenn es eine Steigerungsform von "schrecklicher Krieg" geben kann, dann haben wir diese Steigerung in Form von unglaublicher Brutalität in Butscha erlebt - und wir gucken seit inzwischen sechs Wochen dabei zu.

Es macht einfach nur fassungslos, mit welcher Gewalt und mit welcher Kaltblütigkeit diese Verbrechen begangen werden. Und gleichzeitig hatte sich schon eine gewisse Routine eingeschlichen, als wäre es ein Stück weit normaler geworden, dass ein paar Kilometer weiter Krieg herrscht. Man wacht auf und der Krieg ist Teil der momentanen Realität. Die Bilder, die wir am Wochenende zu sehen bekamen, stellen jedoch nochmal eine neue Stufe der Eskalation dar. Wir haben uns an Bilder von zerbombten Gebäuden fatalerweise fast gewöhnt, diese neuen Bilder zeigen nun eine weitere, grausame Dimension, die wir bisher nur nicht zu sehen bekommen haben. Auf den Social Media Kanälen läuft man mit solch sensiblen Inhalten Gefahr, gesperrt zu werden. Diese Bilder mussten also anders gesendet werden, über einen Kanal, der alle Möglichkeiten hat, wie ein Nachrichtensender. Deswegen sind dies die ersten Bilder, die rumgehen, nachdem die russische Armee sich aus einer Stadt zurückgezogen hat, aber es sind nicht die ersten Gräueltaten dieser Art.

Vitali und Wladimir Klitschko sind gleich vor Ort gewesen ...

... ja, sie fanden, dass sie diese Gräueltaten dokumentieren müssen, und sie müssen sie auch kommentieren. Einordnen. Das Entsetzen dabei ist in ihre Gesichter geschrieben.

Man möchte solche Bilder nicht sehen, aber wir müssen hingucken, müssen wissen, was passiert, ein Nachrichtensender muss diese Bilder zeigen ...

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Wladimir und Klitschko und Tatjana Kiel bei einer Talkshow im Jahr 2020.

(Foto: imago images/Stefan Schmidbauer)

Es ist Teil dieses Krieges. Es ist die Wahrheit. Wenn wir das nicht zeigen, dann zeigen wir nicht die ganze Wahrheit und tun auch so, als wäre es nicht so. Das kann nicht unser Anspruch sein, weder von Journalisten noch von allen, die solidarisch hinter der Ukraine stehen oder vor Ort unter Einsatz ihres Lebens versuchen, Mut zu machen, wie beispielsweise die Klitschkos.

Wir hoffen, dass der Krieg so schnell wie möglich aufhört. Was kommt dann? Wie können wir – der einzelne, die Gesellschaft - helfen?

Jeder von uns kann helfen. Indem er oder sie an unsere oder andere Organisationen zu spenden. Wir brauchen das Geld in der Ukraine dringend, für alles Über-Lebensnotwendige. Und es reicht ja nicht mal mehr, um die bereits erwähnten Krankenschwestern abzusichern. Das andere, was jeder tun kann ist: Haltung zeigen. Auf Social Media, im echten Leben, überall. Wir sollten darüber sprechen, was Freiheit für uns bedeutet, was Demokratie bedeutet. Wir sollten über die Dinge sprechen, vor denen wir Angst haben, über die Werte, die wir schützen wollen. Warum macht uns das denn so fertig jetzt? Weil unsere Werte angegriffen werden. Wir sollten uns dringend Gedanken darüber machen, wie wir unsere Werte zukünftig schützen wollen.

Das Buch, das Sie beide letztes Jahr herausgebracht haben, heißt "Face Your Challenge" ...

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... es ist aus den Situationen heraus entstanden, die Wladimir besonders gut gemeistert hat in seiner Box-Karriere, und daraus haben wir eine Methodik entwickelt. FACE steht für "Focus", "Agility", "Coordination" und "Endurance". Was muss ich tun, um mein Ziel zu erreichen und eine Herausforderung zu meistern? Wie schaffe ich es, bei einer Niederlage dranzubleiben? Weil ich Ausdauer habe, weil ich mir sofort neue Rituale und Routinen antrainiere, die mich auf die schweren Zeiten vorbereiten. Das ist das, was wir jetzt so sehr brauchen.

Dass die Zeiten so schwer werden, hätte niemand gedacht, oder?

Ja, und das bemerke ich auch, wenn es jetzt zum Beispiel um das Thema Wohnraum für Geflüchtete geht. Wir müssen Vertrauen schaffen, wir brauchen den langen Atem, wir müssen den Menschen einen sicheren Hafen bieten. Als einzelne Person, die hilft, muss man gut darauf achten, dass man seine Grenzen erkennt. Man muss sich Gedanken darüber machen, was es bedeutet, jemanden bei sich aufzunehmen. Es geht nicht nur darum, dass man eine Wohnung zur Verfügung stellt, es bedeutet so viel mehr. Unsere Initiative #WeAreAllUkrainians versucht, in großem Format und mit all unserer Expertise zu helfen.

Mit Tatjana Kiel sprach Sabine Oelmann

Quelle: ntv.de

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