Vor 100 Jahren sank die TitanicDer Untergang der Träume

Im hundertsten Jahr nach der Titanic-Katastrophe wird die Welt daran erinnert, dass Seereisen auch heute keine sichere Angelegenheit sind. Bei der Havarie der "Costa Concordia" sterben 20 Menschen. Offenbar trägt auch dort das Personal Mitverantwortung an den Folgen des Unfalls. Wie auf der Titanic.
An einem Samstag, genau um 12 Uhr mittags, sollte sie zur Rückreise nach Europa ablegen. Für die luxuriöse Überfahrt mit der "Königin des Ozeans" von New York nach Southampton im Süden Englands, so kündete ein Plakat, war selbst von den Gästen der dritten Klasse die damals stattliche Summe von 36 Dollar und 25 Cents zu zahlen. Die Katastrophe ihres Untergangs jährt sich heute zum 100. Male, der Name "Titanic" gilt seit jener Nacht als Synonym für Schreckensereignisse jedweder Art.
Gründe, warum der Luxusliner trotz seines mehr als 70 Jahre der menschlichen Wahrnehmung entzogenen Daseins nie in Vergessenheit geraten ist, gibt es reichlich. Aber die Anzahl der Opfer gehört nicht dazu. Bei diversen Untergängen war sie weitaus größer. Der in Norwegen gebaute und später von der deutschen Kriegsmarine beschlagnahmte Frachter Goya beispielsweise wird am 16. April 1945 von dem sowjetischen U-Boot L-3 mit vier Torpedos beschossen und versenkt. Dabei kommen mehr als viermal so viele Menschen ums Leben wie beim Untergang der Titanic. Der Mythos liegt vielmehr begründet in der Tatsache, dass ihre kurze Geschichte vom Stapellauf bis zum Untergang für jeden etwas bietet.
Für den Technik-Begeisterten, der sich an den ungeheuren Ingenieurleistungen berauschen kann. In der ersten Dekade dieses Jahrhunderts ein solch gigantisches Schiff zu realisieren, das selbst über der Wasserlinie noch ein sechsstöckiges Haus übertraf, grenzte an ein Wunder.
Für den Fortschritts-Kritiker, der den Gründen für die Anmaßung nachspürt, einen solchen Koloss offiziell für "unsinkbar" zu erklären.
Für den Hobby-Philosophen, der über die schicksalsträchtigen Zusammenhänge zwischen der Namensgebung des Luxusliners und der griechischen Mythologie nachgrübelt. Das Göttergeschlecht der Titanen verkörperte eine der geregelten Weltordnung widerstrebende Kraft, wurde von Zeus besiegt und in den tiefsten Teil der Unterwelt gestürzt.
Für den Freund dramatischer Stoffe, der sich an den ungezählten Berichten, Verfilmungen, Buchveröffentlichungen und Legenden erfreut, die die Katastrophe hervorgebracht hat.
Oder für den Taucher und Unterwasserforscher, der die jahrzehntelange Suche nach dem Wrack und schließlich seine penible Erforschung mit wachem Interesse verfolgt.
Menschliches Versagen
Was Goethe 1787 über den Untergang von Pompeji schrieb, scheint in erstaunlicher Weise auch zu der kurzen Reise der Titanic zu passen: "Es ist viel Unheil in der Welt geschehen, aber wenig, das den Nachfahren so viel Freude gemacht hätte." Rund 1200 Seiten umfassen die Protokolle des US-amerikanischen Senats-Untersuchungsausschusses, der sich mit den Folgen des Unglücks befasste. Die Aussagen der Überlebenden erlauben eine fast minutengenaue Rekonstruktion des Hergangs. Gleichzeitig lassen sie aber den Raum für Spekulation, Dichtung und Legendenbildung, die dies Ereignis so einzigartig für die Nachwelt machten. Nicht zuletzt die seltsame Verwirklichung einer fiktiven Erzählung, die 1898 erschien und ein Schiff namens "Titan" in einer Aprilnacht untergehen ließ, trug zur Mythenbildung bei. Der Autor Morgan Robertson hatte die Kollision eines luxuriösen und als unsinkbar geltenden Schiffes beschrieben, das 3000 Passagiere an Bord hatte, von denen 1500 ertranken – 14 Jahre vor dem Ereignis.
Eine Kette von Fehlentscheidungen ermöglichte das Unglück, wobei jene des Konstrukteurs, die abgeschotteten Abteilungen nicht bis über alle Decks hinauf zu bauen, nicht die erste, und die Weigerung von Kapitän Edward J. Smith, wegen der Eiswarnung die Fahrt zu drosseln, nicht die letzte war. Um das Tempo, mit dem die Titanic in den Untergang dampfte, rankt sich zum Beispiel eine der vielen Legenden.
Wie vielen anderen fehlt ihr aber die Grundlage: Das bis dahin größte und schwerste Passagierschiff war nicht auf der Jagd nach dem sogenannten "Blauen Band" für die schnellste Atlantik-Überquerung. Für solch ein Unterfangen war die Titanic der damaligen Rekordhalterin "Mauretania" in Bauart und Leistung hoffnungslos unterlegen. In Vorbereitung zu der Reise war es zu Engpässen im Kohle-Einkauf gekommen, so dass eine permanente Volldampf-Fahrt schon aus Gründen des Treibstoff-Vorrats nicht in Frage kam. Eine andere Legende, die sich um den US-amerikanischen Milliardär John Jacob Astor rankt, entspricht hingegen den Tatsachen. Erschlagen von einem der 24 Meter hohen Schornsteine des Schiffes, konnte er nur wegen eines auffälligen Diamantrings an seinem Finger und der Tatsache identifiziert werden, dass er 4000 Dollar in der Tasche trug.
Als um 23.40 Uhr ein kräftiger Ruck und ein zähes Knirschen den Rumpf erschütterten, ahnte wohl noch niemand, dass dies das Todesurteil für die Titanic war. Dabei hatte der Eisberg nicht, wie lange angenommen, die Außenhaut an der Steuerbordseite aufgeschlitzt, sondern durch den ungeheuren Druck so verformt, dass die Platten sich verbogen und Nähte aufrissen. Heute gilt als erwiesen, dass die Verwendung schlichter Eisennieten statt der in Rumpfmitte verbauten Stahlstifte dazu führte, dass die Verbindung der Platten nicht hielt. Der Effekt ist freilich der gleiche wie bei einem 90 Meter langen Riss: Wasser schießt in ungeheuren Mengen in den Bauch des Schiffes, nach zehn Minuten steht es in fünf der sechzehn Abteilungen schon vier Meter hoch.
"Eisberg hart voraus!"
Kurz vor der Kollision hatte William Murdoch, der Erste Offizier, den Ruf aus dem "Krähennest", dem Ausguck am vorderen Mast vernommen: "Eisberg hart voraus!". Frederick Fleet, der Matrose dort oben, war nur auf die Kraft seiner Augen angewiesen, die Ferngläser lagen vor Diebstahl gesichert in einem Schrank. Murdoch befiehlt sofort "Äußerste Kraft zurück", aber zu spät. Bei einer Fahrt von 21 Knoten legt der Koloss mehr als 10 Meter pro Sekunde zurück und auf eine Kursänderung reagieren die 60.000 Tonnen Stahl äußerst träge. Kurz nach der Kollision setzt sich die Folge von Fehlentscheidungen fort. Die wenigen, die etwas von dem seltsamen Ruck mitbekommen haben, werden beruhigt. Lediglich Teile des Personals dieses schwimmenden Palasthotels kämpfen mit dem eisigen Wasser. Zum Beispiel versuchen sie, die rund 200 triefenden Postsäcke in höher gelegene Decks zu wuchten. Für das Absetzen eines Notrufes sieht zu diesem Zeitpunkt niemand von den Offizieren einen Anlass, während der Atlantik schon in die Kabinen der dritten Klasse schwappt.
Nur langsam dürfte sich bei den Verantwortlichen auf der Brücke die Einsicht durchgesetzt haben, dass eine Katastrophe bisher nicht bekannten Ausmaßes bevorsteht: Sie waren felsenfest davon überzeugt, ihr Dampfer sei tatsächlich unsinkbar. Nun, da er sich vorsichtig über das Vorschiff dem Meeresgrund zuzuneigen scheint, lässt sich das zu erwartende Szenario ausmalen.
Plätze in den Rettungsbooten blieben leer
Nur 20 Rettungsboote stehen zur Verfügung, sie haben zusammen 1178 Plätze. An Bord sind aber 1316 Passagiere und 885 Besatzungsmitglieder. Die Schwimmwesten haben viele schon angelegt und begeben sich an Deck. Warum trotz des Mangels an Booten schließlich 467 Plätze darin unbesetzt bleiben, ist wohl nur durch das Chaos und die Desorganisation an Deck zu erklären. Auch für die, die mit Korkwesten ins Wasser gelangen, sind die Überlebenschancen gleich null: Der Atlantik hat jetzt, mitten in der Nacht, eine Temperatur von minus einem Grad, womit der Gefrierpunkt des salzhaltigen Meerwassers noch nicht erreicht ist.
Zwei Stunden nach Mitternacht ragt das Heck schon so weit aus dem Wasser, dass Ruderblatt und die drei Schrauben sichtbar werden. Der Fußboden der Decks hat eine Schräge von fast 45 Grad erreicht. Viele, wahrscheinlich hunderte, werden in ihren Kabinen tief unten im Bauch des Schiffes erst jetzt von den eisigen Fluten geweckt, fallen aus ihren Betten, ohne jede Möglichkeit zu entkommen. Jetzt, da der Dampfer sich vornüber und nach rechts neigt, sind es nur noch Minuten, bis das Meer ihn verschluckt. Wallace Hartley gehört zu denen, die zur Legendenbildung kräftig, wenn auch unabsichtlich beigetragen haben: Der Musiker und seine siebenköpfige Ragtime-Band folgen unbeirrt und mit eiserner Disziplin ihrem Auftrag, gegen die Panik an Bord anzuspielen. Ein Überlebender will den Choral "Näher mein Gott zu Dir" als letzte Melodie gehört haben, ein anderer den flotten Walzer "Autumn" – ein Stück zum Mitpfeifen. Das Gurgeln und Schmatzen des spiegelglatten Ozeans übertönt um 2.20 Uhr die Klänge.