Panorama

Das erste TV-Interview mit Samuel Koch Die Tragik des Banalen

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Peter Hahne und Samuel Koch im Gespräch.

(Foto: dapd)

Zum ersten Mal seit seinem Unfall bei "Wetten, dass..?" tritt Samuel Koch im Fernsehen auf. Peter Hahne versucht dem Querschnittsgelähmten dabei eine Vorbildrolle zu verleihen, die dem 23-Jährigen nicht steht. Geschichten dieser Tragweite geschehen alltäglich. Nicht vor Kameras.

"Viele werden sich fragen: Wie geht es diesem Jungen?", bewarb Gastgeber Peter Hahne sein Gespräch mit Samuel Koch. Diese Frage erübrigt sich. Der 23-Jährige ist seit seinem Unfall bei "Wetten, dass..?" im Dezember fast vollständig gelähmt. Abgemagert sitzt er im Rollstuhl, nur noch ein Schatten des austrainierten Sportlers, der eine waghalsige Wette in der größten deutschen Unterhaltungsshow einging. Es geht ihm nicht gut.

Die Frage lautete vielmehr: Wie hält man das aus? Wie geht man um mit so einem "Schicksalsschlag", wie Hahne abstrakt formuliert? Koch spricht über die Anteilnahme, die ihm geholfen habe - Briefe, Blumen, Gedichte, auch von völlig fremden Menschen. Die Besuche von Familie und Freunden. Die gemeinsamen Gebete. Das ist das Schlagwort, auf das Hahne gewartet hatte.

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Koch bei seinem ersten Sprung, der funktioniert.

(Foto: dpa)

Immer wieder kommt er auf den Glauben von Samuel Koch zurück, fragt nicht ob, sondern legt dem jungen Mann in den Mund, dass der ihm geholfen habe, mit den Folgen seines Unfalls zurecht zu kommen. Samuel Koch zeigt kein Interesse daran, sein Verhältnis zu Gott auseinanderzusetzen, aber der ZDF-Mann lässt nicht locker, konfrontiert ihn mit einem Psalm: "Du kannst nie tiefer fallen als in Gottes Hand". Margot Käßmann hatte diese Worte bei ihrem Rücktritt als Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche benutzt, seitdem ist der Psalm einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Doch Koch fällt auch dazu nichts Erhebendes ein, warum auch? Es ist ein unter Fernseh-Journalisten weit verbreiteter Irrglaube, dass Menschen mit einem Schicksal zu Philosophen und wandelnden Lebenshilfen werden.

Ein alltäglicher Vorfall

Der Mensch, der hier vor Hahne sitzt, ist ein pragmatischer junger Mann, der sich darüber ärgert, dass er sich nicht einmal an der Nase kratzen kann, dass er sich füttern lassen muss. Seine Schultern bewegen sich ständig unruhig unter seiner stabilen Manschette. Wehmütig schaut er auf den nahen See und gesteht, dass er gerne wieder ins Wasser springen würde, einfach so.

Die unvermeidliche Frage stellt Hahne fast verschämt: Ob Koch den Sprung über ein entgegenkommendes Auto noch einmal wagen würde? Natürlich, antwortet der ehemalige Kunstturner und Stuntman fest. Er sei ein Risiko eingangen, das er als niedrig empfunden habe. Jeder Skiurlaub, meint Koch, sei gefährlicher gewesen als die Wette. Es ist der Augenblick, in dem der 23-Jährige dem Gespräch eine Relation gibt. Die anderen Patienten in der Spezialklinik hätten sich zu 95 Prozent im eigenen Haushalt verletzt, erzählt er. Er hätte auch sagen können: Meine Geschichte passiert alltäglich. In der Küche, im Garten, in der Garage.

Samuel Koch hat sich vor laufenden Kameras verletzt. Das ist alles, was ihn von den anderen Patienten unterscheidet. Deswegen steht er in der Öffentlichkeit. Deswegen will ihn der Sender, der auch die Unterhaltungsshow ausstrahlt, bei der Koch sich verletzt hat, nun als Vorbild präsentieren. Ob er dazu taugt oder nicht, scheint weder das ZDF noch Hahne sonderlich zu interessieren.

Es geht ihm nicht gut. Man hätte sich das auch ohne dieses Interview denken können.

Quelle: n-tv.de

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