Panorama

Tragödie von Bad Aibling Die letzten Minuten vor der Zugkollision

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Die Staatsanwaltschaft gibt Fahrdienstleiter Michael P. die alleinige Schuld. Bei dem Zugunglück von Bad Aibling starben 12 Menschen.

(Foto: dpa)

In wenigen Tagen beginnt der Prozess gegen Michael P., der das Zugunglück von Bad Aibling verursacht hat. Sekundengenau haben die Ankläger den Hergang des Unfalls rekonstruiert - das Protokoll offenbart eine verhängnisvolle Fehlerkette.

Der 9. Februar 2016 ist ein grauer Wintertag. Michael P. muss an diesem Tag früh aus dem Haus, seine Schicht im Stellwerk Bad Aibling beginnt bereits um 4.45 Uhr. Zwei Stunden später, um 6.47 Uhr, prallen in einer Kurve zwei Züge der Bayerischen Oberlandbahn (Meridian 79505 aus Kolbermoor kommend sowie Meridian 79506 aus Bad Aibling kommend) fast ungebremst ineinander. Die Züge entgleisen, die vorderen Teile verkeilen sich zu einem Blechknäuel. Als die Retter am Unglücksort eintreffen, sind sie vom Anblick erschüttert. Zwölf Menschen sterben an jenem Morgen, 89 weitere Menschen werden schwer verletzt.

Kurze Zeit später steht fest: Die Tragödie wurde durch menschliches Versagen verursacht. Michael P., der für den Streckenabschnitt verantwortlich war, der beiden Zügen freie Fahrt signalisierte und seinen Fehler zu spät bemerkte, sitzt seit April 2016 in Untersuchungshaft. Das Landgericht Traunstein soll ab kommenden Donnerstag rekonstruieren, was an jenem Unglückstag zwischen 4.45 und 6.47 Uhr passiert ist. Die Anklageschrift gegen den 40-jährigen Michael P. ist das Protokoll einer unfassbaren Reihe von Fehlern.

5:11 Uhr: P. startet auf seinem Handy das Computerspiel "Dungeon Hunter 5". Dabei handelt es sich um ein Rollenspiel, bei dem sich der Spieler durch eine Fantasy-Welt kämpfen muss. Die Fahrdienstvorschrift untersagt die Nutzung von privaten Handys im Stellwerk. P. kennt das strikte Verbot, doch an diesem Morgen ignoriert er es.

6:38:11 Uhr: P. rekrutiert im Spiel einen Krieger.

6:38:46 Uhr: Er unterbricht kurz, um dem Meridian 79506 aus Rosenheim das Signal für freie Einfahrt in den Bahnhof Kolbermoor und gleichzeitig freie Ausfahrt in Richtung Bad Aibling zu geben.

6:39:52 Uhr: Der Meridian 79505 befindet sich auf den Weg in den Bahnhof Bad Aibling. P. verrutscht beim Nachsehen im Kreuzungsplan um eine Zeile. Er geht davon aus, dass sich die Züge in Bad Aibling kreuzen und nicht wie vorgesehen im Bahnhof Kolbermoor. Er gibt dem Zug 79505 Signal zur Einfahrt in den Bahnhof Bad Aibling auf Gleis 2.

6:40:00 Uhr: P. bemerkt seinen Fehler und ändert die Einfahrt des Zuges 79505 in Bad Aibling auf Gleis 1.

6:40:47 Uhr: In der selben Minute wählt P. im Onlinespiel eine Mission aus, bestätigt die Mission und kehrt zum Hauptmenü zurück. Zeitgleich erreicht der Meridian 79506 den Bahnhof Kolbermoor. Laut Fahrplan müsste er dort fünf Minuten warten bis zur Weiterfahrt Richtung Bad Aibling – bis zum Eintreffen des Meridians 79505. Doch P. hatte das Signal für freie Ausfahrt an diesem Tag ja bereits gesetzt. Das ist ihm nicht mehr bewusst, als er bemerkt, dass er in der Zeile verrutscht war.

6:42:45 Uhr: Der Meridian 79505 aus Holzkirchen kommt im Bahnhof Bad Aibling an.

6:43 Uhr: P. gibt dem Meridian 79505 freie Ausfahrt aus Bad Aibling. Dafür braucht er ein Sondersignal. Denn das normale grüne Signal kann er nicht mehr setzen, weil er dem Zug aus Kolbermoor bereits die Weiterfahrt auf der eingleisigen Strecke freigegeben hatte.

6:45:02 Uhr: Meridian 79506 fährt von Kolbermoor in Richtung Bad Aibling los.

6:45:17 Uhr: Meridian 79505 hält an der Haltestelle Kurzpark in Bad Aibling.

6:45:44 Uhr: Knapp ein halbe Minute später fährt der Meridian 79505 in Richtung Kolbermoor los.

6:45:59 Uhr: P. beendet sein Handyspiel endgültig. Bis jetzt lief das Spiel ohne aktive Teilnahme im Vollbildmodus auf dem Smartphone. Unklar ist der Anklage zufolge aber, was genau P. zwischen 6.40 Uhr und 6.45 Uhr noch machte.

6:46:20 Uhr: Der 40-Jährige bemerkt, dass er den beiden entgegenkommenden Zügen freie Fahrt für die eingleisige Strecke gegeben hat. Er will das Ausfahrtssignal für den Meridian 79505 aus Kolbermoor auf Rot stellen, doch der Zug hat die Stelle bereits passiert. Über das Mobilfunknetz der Bahn setzt er einen Notruf ab: "Achtung, Betriebsgefahr zwischen Kolbermoor und Bad Aibling. Züge sofort anhalten."

6:47:42 Uhr: Sekunden später setzt P. einen zweiten Notruf ab. Doch beide Male drückt er auf dem Tischfunkgerät eine falsche Taste. Die Notrufe erreichen nicht die beiden Zugführer, sondern nur das Streckenpersonal.

6:47:00 Uhr: Die beiden Züge passieren die Strecke und stoßen mit Geschwindigkeiten von 92 und 52 km/h zwischen Bad Aibling und Kolbermoor zusammen. 11 Tonnen und 174 Tonnen Masse verkeilen sich ineinander – darin befinden sich rund 100 Menschen. Die Unglücksstelle liegt in einer Kurve, weshalb beide Lokführer sich erst kurz vor dem Zusammenprall sehen können. Sie leiten sofort eine Schnellbremsung ein, doch die Tragödie ist nicht mehr aufzuhalten. 12 Menschen sterben, 89 weitere werden verletzt, viele schwer.

Seit 12. April sitzt Michael P. in U-Haft. Ihm werden fahrlässige Tötung in zwölf Fällen sowie fahrlässige Körperverletzung in 89 Fällen vorgeworfen. Der Prozess dauert mindestens sieben Tage, zwölf Zeugen und fünf Sachverständige sind geladen.

Quelle: n-tv.de, dsi

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