Panorama

Haltern unter Schock Ein Ort liegt in Trauer

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Haltern trägt Trauer.

(Foto: dpa)

Der Flugzeugabsturz in Südfrankreich reißt Haltern aus seiner Kleinstadt-Idylle in tiefe Trauer. 16 Schüler und zwei Lehrerinnen sind unter den Opfern. Von einem Besuch an einem verzweifelten Ort, in dem die Menschen in ihrer Trauer nie unbeobachtet sind.

In der Kirche suchen sie Zuflucht: Menschen in kleinen Gruppen, die sich gegenseitig an den Händen halten oder stützend die Arme umeinander gelegt haben. Kinder sind darunter und Senioren, die mit versteinerter Miene auf den Kirchenbänken sitzen. Sie zeigen keine Regung, doch ihr Blick verrät sie: Innen ist nur Traurigkeit, Wut, Verzweiflung.

Ein junges Mädchen kniet vor dem Kerzenmeer in der Mitte des Kirchenschiffs. Ein Altar wurde hier aufgebaut, Blumen liegen darauf, Teelichte stehen bereit. Das Mädchen weint. In der Stille ist ihr Schluchzen zu hören, ihre Schultern beben. Als sie sich aufrichtet, kommt eine Freundin zu ihr und eine Frau, die ihre Mutter sein könnte. Gemeinsam wenden sie sich zum Ausgang, die Köpfe halten sie gesenkt, aus Angst vor neugierigen Blicken.

Etwas Schutz bietet die Kirche noch, zumindest die Kameras der Journalisten sind hier verboten. Wer heute aber auf den Halterner Straßen unterwegs ist, kann sich vor neugierigen Blicken, und dem Risiko, mit den eigenen Tränen im Fernsehen zu landen, kaum schützen. Kamerateams sind überall, eine fast 100 Meter lange Schlange von Übertragungswagen steht vor dem Joseph-König-Gymnasium – der Schule, die bei dem Unglück 18 Menschen verlor.

Journalisten, die Schüler bestechen

Die Schule selbst jedoch ist der wohl am meisten bewachte Ort der Stadt. Polizisten stehen vor einer Absperrung aus Flatterband, umringt von Kameraleuten und Reportern, die aufgeregt in Mikros brabbeln. Sie sprechen deutsch, englisch, spanisch, französisch, niederländisch, schwedisch. Fast jedes europäische Land, so scheint es, ist hier vertreten. Sie filmen die Rücken der Schüler, die gebeugt vor den zahllosen Kerzen, Blumen und Bildern auf der Eingangstreppe stehen. Sie filmen den Polizisten, der seine Mütze abnimmt und innehält, als könne auch er nicht fassen, weswegen er hier eigentlich steht. Und sie filmen die Frau, die aus Dankbarkeit Blumen an Notfallseelsorger und Polizisten verteilt. "Sie können von hier aus alles beobachten", sagt Polizeisprecherin Ramona Hörst, "aber der abgesteckte Korridor ist für die Schüler und Angehörigen freizuhalten". Nicht jeder akzeptiert diese Bitte.

Am Mittwoch hätten einige Journalisten versucht, Schüler zu bestechen. Für ein großzügiges Honorar sollten sie während der internen Trauerfeier fotografieren und filmen, berichtet die "Halterner Zeitung". Stadtsprecher Georg Bockey bestätigt das. "Da wurden Minderjährige angesprochen, das geht natürlich gar nicht. Zumal es da auch einfach um interne, private Trauer ging." In der gesamten Stadt gebe es kein anderes Thema mehr, fügte Bockey hinzu, Vereine sagten ihre Treffen ab, Fußballspiele würden ausgesetzt. Nichts sei hier mehr so, wie es einmal war.

Besonders das Joseph-König-Gymnasium befindet sich in einem Schockzustand. "Ich funktioniere nur noch", sagte Schulleiter Ulrich Wessel am Mittwoch auf einer Pressekonferenz. Zwei Stunden habe er geschlafen in der Nacht, dann sei er schon wieder in der Schule gewesen, berichtete die Halterner Zeitung. Es gibt viel zu regeln in diesen Tagen. Vor allem müssen Kinder, die ihre guten, vielleicht besten, Freunde und Mitschüler verloren haben, betreut werden. Notfallseelsorger stehen vor der Schule, drinnen sind viele weitere für die Schüler da.

Die Schulpflicht ist nicht ausgesetzt. Sechs Stunden Unterrichtszeit waren für den Donnerstagvormittag angesetzt, "aber von normalem Unterricht kann sicher nicht die Rede sein", sagt Bürgermeister Bodo Klimpel. Sichtlich erschüttert zeigt sich das Stadtoberhaupt in der Halterner Innenstadt. Kurz zuvor hat er gemeinsam mit dem Landrat des Kreises Recklinghausen sowie dem Verwaltungsvorstand der Stadt die Schweigeminute um 10.53 Uhr in der Kirche verbracht. Dort, wohin ihnen die dauerpräsenten Kameras nicht folgen konnten, war auf einmal die Trauer der ganzen Stadt wie eine Wolke spürbar. Auch das Joseph-König-Gymnasium blieb in dieser Minute unter sich. Die Stille der Schweigeminute war in Haltern wohl besonders schmerzhaft.

Im Anschluss an die Schweigeminute trugen sich Bürgermeister, Stadtvorstand und Landrat in das Kondolenzbuch der Stadt Haltern ein. Über den Namen aller Verstorbenen steht hier nun in Füller-Schönschrift: "Das Unfassbare ist geschehen. Es tut so unsagbar weh."

Quelle: ntv.de