Panorama

Lou Reed stirbt mit 71 Jahren Ein Spaziergang auf der wilden Seite

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Lou Reed starb in New York.

(Foto: dpa)

Proto-Punk, Velvet-Underground-Frontmann, Gitarrengott, Ikone der Subkultur: Lou Reed hat der Rockmusik immer wieder neue Möglichkeiten eröffnet. Mit Feedback und Noise, mit Songs über Drogen, Gewalt und Sadomasochismus. Nun ist er 71-jährig gestorben.

2001 machte die Meldung die Runde, dass Lou Reed gestorben sei - an einer Überdosis. Sie stellte sich als Falschmeldung heraus. Doch gewundert hätte sich wohl niemand. Lou Reed stand für die wilde Seite des Lebens, für den Exzess, das Extreme. Er war der Urvater des Punk und des Noise, beeinflusste Generationen von Musikern. Er quälte seine Gitarre und sein Publikum gleichermaßen. Er war eine Ikone der Subkultur. Er sang von Drogenkonsum und Prostitution, von Gewalt und Selbstmord, als man damit noch schocken konnte.

Zwölf Jahre später stirbt der legendäre Musiker in New York City. Die Ursache ist noch unklar, doch es könnte mit Komplikationen nach einer Lebertransplantation in diesem Mai zusammenhängen. Zwölf Jahre mehr, in denen Reed seinem Traum nachhängen konnte, die Musik zu neuen Ufern zu führen, sie vom Song-Schema zu lösen und zu einem Konzept zu machen - zum großen amerikanischen Album. Zwölf Jahre, in denen er noch Platten einspielte, tourte und Fotobücher veröffentlichte.

2007 veröffentlichte Reed sein 20. Album - "Hudson River Wind Meditations" war genau das: ein meditatives Werk. Damit schloss sich ein Kreis, der äußerst laut begonnen hatte. Denn wer Lou Reed hört, denkt unwillkürlich an "The Velvet Underground", jene Band, für die Reed Gitarre spielte, sang und die meisten Songs schrieb. Von zarten "Sunday Morning", dem ersten Song auf dem Album mit dem Bananencover, bis zum elegischen "Oh! Sweet Nuthin'", das "Loaded" beschließt. Danach stieg Lou Reed aus der Band aus, die noch ein paar Zuckungen machte und dann im Rock'n'Roll-Himmel verschwand.

Monotonie und Feedback

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1996 wurden The Velvet Underground in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen.

(Foto: AP)

Ein paar Jahre hatten ausgereicht, um die Rockmusik für immer zu verändern. Die Band riss die Grenzen zwischen E- und U-Musik ein, verstörte oder begeisterte ihre Zuhörer mit Monotonie und Feedback Wabernde Drones, lang haltende, gleich bleibende Töne, trafen auf ein unkonventionelles Schlagzeugspiel und verzerrte Gitarren. Das war avantgardistisch und der Zeit weit voraus, inspirierte aber unzählige nachfolgende Bands. Zu einer Zeit, als die Beatles von der Liebe sangen, ging es Reed um die Schattenseiten der Gesellschaft. Drogenkonsum und Sucht, Sadomasochismus und Gewalt waren seine Themen. Zusammen mit der experimentellen Musik strömten die Lieder eine düstere Stimmung aus und wurden so zu Hymnen der Gegenkultur.

Das war nicht die Welt, in der Reed aufgewachsen war. Er stammte aus einem konservativen Elternhaus. Seiner Aufsässigkeit, aber auch seinen angeblichen homoerotischen Fantasien begegneten seine Eltern, indem sie ihn in die Psychiatrie stecken ließen. Dort wurde er mit Elektroschocks malträtiert. Es war ein Erlebnis, das ihn nie wieder losließ und das er immer wieder in Songs verarbeitete.

Schon früh hatte er seine Liebe zur Musik entdeckt, hatte sich mit Rock und Blues, später auch mit Jazz beschäftigt. Nach einem Englischstudium zog Reed nach New York und schrieb Tanzsongs für ein Plattenlabel. Gleichzeitig kollaborierte er mit John Cale, einem Waliser, der in den USA klassische Musik studiert hatte, sich aber für experimentelle und Rockmusik interessierte. Zusammen gründeten sie 1964 die Band "The Primitives", arbeiteten an neuen Songs und tingelten mit einem Rock'n'Roll-Repertoire durch New Yorker Kneipen.

Unter Warhols Fittichen

Inspiriert von einem Buch von Michael Leigh, das von Sadomasochismus und dem US-amerikanischen Sexleben handelte, benannte sich die Band (verstärkt durch Maureen Tucker und Sterling Morrison) in "The Velvet Underground" um. Ihre Karriere begann allerdings erst, als Andy Warhol auf sie aufmerksam wurde. Der Pop-Art-Künstler war fasziniert von der ungewöhnlichen Musik der Gruppe, die ihre Auftritte mit dem Rücken zum Publikum bestritt.

Warhol nahm die Band unter seine Fittiche, konzipierte mit ihnen Performance-Auftritte und ließ sie in seiner "Factory" proben. Zudem gestaltete er das Cover des Debütalbums - die legendäre Darstellung einer Banane. "The Velvet Underground & Nico" von 1967 gilt heute als Klassiker. Warhol setzte durch, dass die Deutsche Nico als Sängerin auftrat. Die Band akzeptierte widerwillig. Auch durch die Intrigen von Reed, der gleichzeitig eine Affäre mit Nico begann, verließ sie bald wieder die Band. Auch Warhol wandte sich langsam von der Gruppe ab.

Auf eigene Füße gestellt, radikalisierte sich die Band. "White Light/White Heat", das zweite Album, war noch experimenteller als das Debüt. Da konnte man die Rezitation einer Kurzgeschichte von Reed hören und das 17-minütige "Sister Ray", das mit seinen noisigen Klängen die Rockmusik zu neuen Ufern führte. Zwei weitere Alben folgten, "The Velvet Underground" und "Loaded", doch sie waren gefälliger, eingängiger. Kein Wunder, dass Lou Reed die Band 1970 verließ. John Cale war bereits zwei Jahre zuvor gegangen.

"Walk on the Wild Side" und "Perfect Day"

Zu Reeds Solo-Durchbruch wurde "Transformer", das er 1972 herausbrachte. Unter dem Produzenten David Bowie, damals einer der erfolgreichsten Musiker, wandte sich Reed dem Glam zu. Songs wie "Walk on the Wild Side" und "Perfect Day" stiegen in die Charts ein und zählen heute zu Reeds bekanntesten Kompositionen. Die Themen waren freilich noch die gleichen: Drogenkonsum, Heroinsucht, (Trans-) Sexualität, ein Kaleidoskop gesellschaftlicher Abgründe, gekleidet in melodische Nummern, die zum Mitsummen einluden. War Reed in den 60er Jahren noch seiner Zeit voraus, entsprachen diese Themen immer mehr der düsteren Gegenwart der USA.

1973 legte Reed nach. Auf dem Konzeptalbum "Berlin" sang er erneut von Drogenmissbrauch, Gewalt, Prostitution und Selbstmord. Auch musikalisch wandte er sich radikal vom Mainstream ab. "Metal Machine Music" von 1975 bestand eigentlich nur noch aus Verzerrungen. Doch der finanzielle Misserfolg dieser experimentellen Musik führte zu einem Kreislauf aus Exzessen, Krisen, Drogenproblemen und weiteren musikalischen Rückschlägen.

Erst in den 80er Jahren fand Reed aus dem Drogensumpf heraus und legte sich einen nüchternen, regelmäßigen Arbeitsstil zu. Seitdem wandte sich Reed immer wieder neuen Projekten zu. Er schrieb Musik für Theaterstücke, arbeitete mit dem Regisseur Robert Wilson an dem Stück "POEtry" zusammen und beschäftigte sich auch auf dem Doppelalbum "Der Rabe" mit dem Werk von Edgar Allan Poe. Daneben arbeitete er immer wieder mit anderen Musikern zusammen, mit The Killers, den Gorillaz und mit Metallica. Mit ihnen nahm er 2011 "Lulu" heraus, das auf dem Stück von Frank Wedekind basiert. Für Reed dürfte es die perfekte Kombination gewesen sein: Ein Konzeptalbum mit einer Heavy-Metal-Band.

Quelle: n-tv.de

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