Panorama

Der Fall Jakob von Metzler Eine Tragödie, die nicht vergeht

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Jakob von Metzler wurde 2002 ermordet.

(Foto: dpa)

Jakob von Metzler wäre heute 21. Der Bankierssohn wurde vor zehn Jahren entführt und ermordet. Seine Familie spricht öffentlich nicht über die Entführung und Ermordung ihres Sohnes. Doch der Film über den Fall lässt ahnen, wie es ihr ergangen ist.

"Der Fall Jakob von Metzler" beginnt mit der Entführung des elfjährigen Bankierssohns durch den Jurastudenten Magnus Gäfgen vor zehn Jahren und endet mit der Verurteilung des Chefermittlers Wolfgang Daschner 2004. Unter strengster Geheimhaltung gedreht, sorgte die Produktion bereits seit Bekanntwerden vor einigen Wochen immer wieder für Schlagzeilen. Wie stehen Jakobs Eltern und Geschwister zu der Verfilmung? Die Antwort gaben die Macher bereits auf der ersten Pressekonferenz in Hamburg - um einen Protest Gäfgens zu verhindern, wurde der Film nicht auf DVD verschickt: Der Frankfurter Bankiersfamilie war die Verfilmung ein "persönliches Anliegen", sagte die zuständige ZDF-Redakteurin Caroline von Senden.

Es habe diesen einen Moment im Büro Friedrich von Metzlers gegeben, beschreibt Filmproduzent Nico Hofmann. Diesen Moment zwischen dem Vater des entführten und ermordeten Jakob von Metzler und dem damaligen Frankfurter Vize-Polizeichef Wolfgang Daschner, als Daschner sich dann doch bereiterklärt zu dem Projekt. Von Metzler soll geantwortet haben: "Egal, was uns allen widerfahren ist, ich bin Ihnen so unendlich dankbar."

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Für die Tat wurde Magnus Gäfgen verurteilt.

(Foto: picture alliance / dpa)

Der Familie ging es darum zu zeigen, wie sehr sich die Polizei eingesetzt habe. Von Senden: "Es war das Gefühl der Familie Metzler, dass hier jemandem, der das Leben ihres Sohnes versucht hat zu retten, Unrecht widerfahren ist." Und auch Schauspieler Robert Atzorn, der den Chefermittler Daschner verkörpert, hofft, dass dieser Film "auch ein bisschen zu seiner Rehabilitierung beiträgt".

Akribische Rekonstruktion

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Der frühere Frankfurter Vize-Polizeipräsident Wolfgang Daschner wurde dafür verurteilt, dass er Gäfgen Gewalt androhen ließ.

(Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb)

Daschner erklärte sich erst nach langem Zögern bereit, mit dem Drehbuchautor Jochen Bitzer zu sprechen. Dass er es schließlich tat, macht den Film schmerzlich authentisch. Die Familie von Metzler gestattete dem Filmteam, ein Foto ihres Sohnes zu verwenden und Dreharbeiten vor ihrem Haus. Am Ende setzten die Autoren auf die akribische Rekonstruktion des Falles. Hofmann hat das so beschrieben: Der Film folge nicht dem Gesetz der Dramaturgie, sondern der Faktenvorgabe. Alles, was er zeige, sei durch mindestens zwei Quellen belegbar.

So entschieden sich die Filmemacher auch dagegen, das entscheidende Verhör zu zeigen, in dem der Ermittler Ortwin Ennigkeit dem Täter Magnus Gäfgen Schmerzen androht. "Was in dem Raum passiert ist, wissen nur die beiden", betonen die Macher. Im Film leugnet Gäfgen stundenlang, lügt und legt immer wieder falsche Spuren.

Doch das Dilemma Daschners, der dem Täter im Verhör Schmerzen androhen ließ, um das Versteck des Kindes zu finden, wird nach all den Jahren wieder fassbar. Dass Jakob zu diesem Zeitpunkt bereits vier Tage tot war, konnte Daschner nicht wissen. Gäfgen hatte den Jungen bereits Stunden nach der Entführung getötet.

Komplexe, Gier und ein eiskalter Mord

Am letzten Schultag vor den Herbstferien 2002, dem 27. September, hatte Gäfgen Jakob auf dem Heimweg abgepasst und in seine nah gelegene Wohnung gelockt. Dort erstickte der verschuldete Jura-Student den Jungen mit Klebeband. Mit der Leiche im Kofferraum fuhr er zur benachbarten Villa der Bankiersfamilie und warf einen Erpresserbrief mit der Lösegeldforderung von einer Million Euro ab. Bei der nächtlichen Geldübergabe an einer Bushaltestelle beobachtete die Polizei den Täter und nahm ihn - nachdem er keine Anstalten machte, die Geisel zu versorgen oder frei zu lassen - noch am selben Tag fest.

Gäfgen nannte im Verhör zunächst zwei frühere Bekannte als angebliche Komplizen und ein falsches Geiselversteck. Weil die Zeit drängte, ließ ihm Daschner schließlich Schmerzen androhen. Daraufhin nannte Gäfgen das wahre Versteck des längst toten Jungen an einem kleinen See bei Schlüchtern in Osthessen.

Für die Tat wurde Magnus Gäfgen 2003 vom Frankfurter Landgericht zur Höchststrafe verurteilt: lebenslange Haft mit besonderer Schwere der Schuld. Der 28-Jährige habe den Tod des Elfjährigen gewollt, urteilte der Vorsitzende Richter über das kaltblütige Verbrechen.

Minderwertigkeitskomplexe und die Gier nach Luxus seiner elf Jahre jüngeren Freundin nannte der renommierte Essener Psychiater Norbert Leygraf in dem Strafverfahren 2003 als Motive Gäfgens. Der hochintelligente Mann habe nach dem Prinzip "mehr Schein als Sein" gelebt, um sein schwaches Selbstwertgefühl zu verdecken. Der Vorsitzende Richter formulierte es in seiner Urteilsbegründung so: "Dem Angeklagten ging es darum, das luxuriöse Leben mit reichen Freunden und "der Liebe seines Lebens" weiterleben zu können. Dafür musste ein Kind sterben."

Verschobene Wahrnehmung

Gäfgen beschäftigt seitdem mit immer neuen Klagen die Gerichte. Darüber ist der Mord an Jakob beinahe in Vergessenheit geraten. Auch das dürfte für die Familie des Jungen schmerzhaft gewesen sein. Sowohl die Familie als auch Daschner nannten den Film authentisch. Gäfgen hat ihn immerhin nicht juristisch zu verhindern gesucht.

Robert Atzorn gelangte in der Rolle Daschners an die Grenze seiner Belastungsfähigkeit. "Ich war danach völlig fertig, wie noch nie zuvor. So fühlt sich wohl ein Burn-Out an, ich war einfach leer", sagte der 67-Jährige der "Welt am Sonntag". Ihm war Daschners Entscheidung, Gäfgen Schmerzen anzudrohen, um möglicherweise das Leben des Kindes zu retten, nachvollziehbar. Aus seiner Sicht stand Daschner vor einem fast klassischen Dilemma wie in einer griechischen Tragödie. Das ist auch nach all den Jahren kaum auszuhalten. Manchmal gibt es einfach keine richtige Antwort.

Quelle: ntv.de, dpa

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