Panorama
Montag, 29. September 2008

Heß' Beichtvater: Es war Selbstmord

Mehr als zwei Jahrzehnte nach dem Tod von Rudolf Heß hat der letzte Beichtvater des Hitler-Stellvertreters sein bisheriges Schweigen gebrochen. Er sei "vollkommen überzeugt", dass Heß 1987 im NS-Kriegsverbrechergefängnis von Spandau tatsächlich Selbstmord begangen habe, wird der ehemalige französische Militärgeistliche Michel Roehrig in dem in Paris erschienenen Buch "Les 7 de Spandau" ("Die Sieben von Spandau") zitiert.

"Heß war am Ende seines Weges angekommen. Er hat es vorgezogen zu sterben, weil er seinen körperlichen Verfall nicht mehr ertrug." In seinen letzten Tagen sei Heß "sehr deprimiert" gewesen. Die Version des Selbstmordes von Heß war nach dessen Tod im Alter von 93 Jahren von seiner Familie angezweifelt worden. Neonazis behaupten noch heute, er sei ermordet worden.

Heß war ein anderer geworden

In dem Buch der Journalistin Laure Joanin-Llobet kommen mehrere Militärgeistliche zu Wort, die für Heß und die anderen in Spandau inhaftierten NS-Kriegsverbrecher seit 1947 zuständig waren. Roehrig und dessen Vorgänger Charles Gabel zeigen sich darin überzeugt, dass Heß in der zweiten Hälfte seiner 40-jährigen Haft einen tiefgreifenden Wandel vollzogen habe. "Zu der Zeit, als ich ihn getroffen habe, hatte er nichts mehr von einem Nazi oder einem Antisemiten", sagte Gabel, der Heß von 1977 bis 1986 betreute. "Die Art und Weise, in der er mit mir über die Religion, das Gefängnis, die Juden sprach, beweist mir, dass er eine Entwicklung durchgemacht hat." Neonazis habe Heß immer wieder als "Dummköpfe" bezeichnet, wenn sie für ihn demonstrierten.

Heß war 1920 eines der ersten Mitglieder der NSDAP und diente Hitler vor der Machtübernahme als Sekretär. 1933 wurde er Hitlers Stellvertreter und arbeitete 1935 die Nürnberger Rassengesetze mit aus. Zu der Zeit, als die Nazis 1942 die "Endlösung der Judenfrage" auf der Wannsee-Konferenz beschlossen, war Heß Kriegsgefangener in Großbritannien.

Schweigen zu Schottland-Reise

Er war 1941 heimlich nach Schottland geflogen. Es wird vermutet, dass er aus eigenem Antrieb Friedensverhandlungen mit der Londoner Regierung aufnehmen wollte. Zu dieser Frage hat sich Heß gegenüber den Pastoren von Spandau aber nie äußern wollen. 1946 wurde Heß im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess zu lebenslanger Haft verurteilt.

Quelle: n-tv.de