Panorama

Coronavirus in Deutschland Experte erwartet bis zu 70 Prozent Infizierte

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Wie problematisch die Corona-Epidemie in Deutschland wird, hängt davon ab, wieviele Fälle zur selben Zeit auftreten.

(Foto: picture alliance/dpa)

In Deutschland steigt die Zahl der Menschen, bei denen das Corona-Virus nachgewiesen wird. Ein Experte von der Berliner Charité glaubt, dass sich ein großer Teil der Bevölkerung früher oder später mit dem Erreger infizieren wird. Entscheidend sei, in welchem Zeitraum.

In Deutschland sind nach Ansicht eines Experten hohe Infektionszahlen mit dem neuen Coronavirus zu erwarten. "Es werden sich wahrscheinlich 60 bis 70 Prozent infizieren, aber wir wissen nicht, in welcher Zeit", sagte der Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité. "Das kann durchaus zwei Jahre dauern oder sogar noch länger." Problematisch werde das Infektionsgeschehen nur, wenn es in komprimierter, kurzer Zeit auftrete. "Darum sind die Behörden dabei, alles zu tun, um beginnende Ausbrüche zu erkennen und zu verlangsamen."

Zahlen aus China deuten laut Drosten darauf hin, dass es so kommen könnte wie bei den großen Grippe-Pandemien 1957 und 1968. "Dass es so wird wie die Spanische Grippe 1918, glaube ich nicht." Das Muster mit einem Rückgang der Zahlen im Sommer und einem Wiederauftreten danach könne aber ähnlich sein.

Deutschland sei hervorragend auf die Lungenkrankheit Covid-19 vorbereitet. "Wenn das ganze Pandemiegeschehen, bevor das Virus zu einem landläufigen Erkältungsvirus wird und nicht mehr weiter auffällt, sich so in zwei Jahren abspielt, da können wir damit umgehen", sagte Drosten. "Wenn es ein Jahr ist, wird es deutlich schwerer, weil wir dann in derselben Zeit deutlich mehr Fälle haben." Er mahnte dennoch: Die benötigte Zahl der Therapiebetten auf den Intensivstationen könne man schwer vorhersagen, aber "wenn wir jetzt nichts tun, dann werden die vielleicht nicht ausreichen".

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Ansteckungsrisiko derzeit klein

Das Virus vermehre sich im Rachen, erklärte der Virologe weiter. Während ein Infizierter spreche oder huste, gebe er Tröpfchen von sich. "Die fliegen vielleicht so 1,5 Meter weit und fallen relativ schnell zu Boden. Es ist das Einatmen einer solchen Wolke, die einen in den meisten Fällen infiziert." Im Moment sei das Risiko, bei einem Kratzen im Hals eine Covid-19-Erkrankung zu haben, in Deutschland "unglaublich klein". "Ich glaube, dass wir das Virus hier bei uns auf sehr, sehr kleiner Flamme halten können, vielleicht sogar auf so kleiner Flamme, dass wir das kaum noch bemerken im Alltag", so Drosten. "Das heißt aber deswegen nicht, dass es weg ist." Man müsse dann weiterhin gezielt danach suchen.

So schützen Sie sich gegen das Coronavirus

Um die Ausbreitung des Coronavirus zu vermeiden, empfiehlt das Robert-Koch-Institut einige Verhaltensregeln:

  • Hände mehrmals am Tag für 20 bis 30 Sekunden gründlich mit Seife waschen.
  • In die Ellenbeuge husten und niesen, damit die Hände sauber bleiben. Dabei Abstand zu anderen Menschen halten.
  • Hände vom Gesicht fernhalten, aufs Händeschütteln verzichten.
  • In öffentlichen Einrichtungen Hände möglichst mit einem Papiertuch trocknen.
  • Im Büro und zu Hause regelmäßig lüften.

Derweil kam der Krisenstab der Bundesregierung in Berlin zusammen, um über weitere Vorkehrungen gegen das Virus zu beraten. Unter anderem sollen Kriterien zum Umgang mit Großveranstaltungen wie Messen erarbeitet werden. Dies soll den zuständigen Behörden vor Ort helfen, über Maßnahmen zu entscheiden. Thema ist auch die Verfügbarkeit von Schutzausrüstung wie Atemmasken und Spezialanzügen, die weltweit stark gefragt sind.

Erste Maßnahmen hat der Krisenstab bereits auf den Weg gebracht: So sollen auch Flugpassagiere, die mit Maschinen aus Südkorea, Japan, Iran und Italien kommen, Angaben zu ihrer Erreichbarkeit nach der Landung machen. Dies gilt bereits für Direktflüge aus China. Solche "Aussteigekarten" sollen eine rasche Kontaktaufnahme ermöglichen, wenn sich herausstellt, dass jemand an Bord infiziert war.

35 neue Infektionen im Kreis Heinsberg

In Deutschland stieg die Zahl der erfassten Infektionen an diesem Freitag laut dem Robert-Koch-Institut auf 53, hauptsächlich in den Bundesländern Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg. Im Laufe des Tages wurden weitere bestätigte Infektionen gemeldet. Betroffen sind auch die Bundesländer Bayern, Rheinland-Pfalz, Hessen und Hamburg beziehungsweise Schleswig-Holstein.

Allein in dem stark betroffenen Kreis Heinsberg in Nordrhein-Westfalen stieg die Zahl der Infizierten bis Freitagnachmittag auf 35. Ein Ehepaar dort wird im Krankenhaus behandelt. Alle anderen seien nicht stationär aufgenommen worden, sagte Landrat Stephan Pusch. Der Krankheitsverlauf sei bei ihnen vergleichsweise mild.

Ein 47-jähriger Mann aus Gangelt sowie seine 46-jährige Frau werden demnach weiter in der Düsseldorfer Uniklinik behandelt. Der Mann war als erster Patient mit dem neuen Virus Sars-CoV-2 in NRW identifiziert worden. Laut Uniklinik befindet er sich weiterhin in kritischem Zustand, dieser habe sich aber etwas stabilisiert. Wo er sich infiziert hat, ist nach wie vor unklar. Der "Patient Null" werde vielleicht auch nie gefunden, sagte Pusch. Unter den 35 Infizierten sind nach Kenntnis des Landrats bisher keine Kinder. Allerdings stehen noch die Testergebnisse von Kindern eines Kindergartens aus, in dem die 46-jährige Infizierte als Erzieherin tätig ist.

Quelle: ntv.de, hul/dpa