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"Karl May unserer Tage" Fälscher beschönigen Relotius bei Wikipedia

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Claas Relotius, Truman Capote, Egon Erwin Kisch - sollten diese Namen in einem Atemzug genannt werden?

(Foto: picture alliance / dpa)

Als Claas Relotius beim "Spiegel" als Fälscher auffliegt, existiert bei Wikipedia noch kein Eintrag über ihn. An Aufbau und Pflege der Seite über den Reporter beteiligt sich auch eine Handvoll dubioser Neu-Autoren. Diese sind einem Schweizer Zeitungsbericht zufolge Relotius auffällig wohlgesonnen.

Über acht Wikipedia-Konten haben ein oder mehrere Unbekannte über Monate hinweg den Eintrag über den "Spiegel"-Fälscher Claas Relotius manipuliert. Das berichtet der Schweizer "Tagesanzeiger" und nennt die Vorgänge "eine der größten Manipulationsoperationen in der deutschsprachigen Ausgabe von Wikipedia".

Offenbar machten sich der oder die Nutzer wenige Wochen nach Bekanntwerden des Relotius-Skandals im Dezember 2018 daran, den neu entstandenen Eintrag über den Journalisten zu bearbeiten. Dabei seien zunächst eher harmlose, fast schon satirische Beschönigungen eingefügt worden. So wurde Relotius in eine Reihe mit Reporterlegende Egon Erwin Kisch gestellt oder als "Karl May unserer Tage" bezeichnet. Er habe Gemeinsamkeiten mit Tom Wolfe, Paul Auster und Truman Capote.

Im weiteren Verlauf versuchten Nutzer mit Pseudonymen wir "PreRap", "Snapperl" oder "Klussmann" dem Bericht zufolge, Relotius Taten durch gefälschte Belege zu relativieren. Zudem hätten sie einen Großteil des Abschnitts über die Fälschungsvorwürfe gegen Relotius komplett gelöscht. Aussagen aus dem "Spiegel"-Abschlussbericht zu der Affäre wurden verfälscht wiedergegeben. Auch wurden Passagen getilgt, die sich mit den Darstellungen des Enthüllungsjournalisten Juan Moreno zu dem Fall beschäftigen.

Die Spur führt nach Niedersachsen

Identität und Motivation der oder des Wikipedia-Fälschers ist nicht bekannt. Fünf der acht Konten führten offenbar zu ein und demselben Computer, bei den drei übrigen sei dies nicht mehr nachzuvollziehen, da sie zum Zeitpunkt der Prüfung bereits aufgelöst worden seien.

Von den jeweils neu gegründeten Konten aus wurde nahezu ausschließlich an dem Eintrag zu Relotius gearbeitet. Eingegriffen wurde darüber hinaus nur an Passagen über Fehler anderer Journalisten. So wurden kleinere Verfehlungen von Hans Leyendecker oder Dirk Kurbjuweit ausgeschmückt.

Durch ein im "Tagesanzeiger" nicht näher beschriebenen Lapsus der Fälscher ist die IP-Adresse bekannt. Sie führt demnach in die niedersächsische Gemeinde Seevetal. Aus deren Nachbarort Tötensen stammt Claas Relotius.

Quelle: n-tv.de, jog

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