Der Exorzismus stirbt nichtGlaube ans Böse mit brutalen Folgen

Eine Frau kommt bei einer "Teufelsaustreibung" in Frankfurt ums Leben - im Dezember 2015. Nicht nur im Mittelalter, auch heute noch finden in Deutschland regelmäßig Austreibungen des Bösen statt. Bloß im Verborgenen.
Verzerrte Gesichter, wilde Flüche in nie erlernten Sprachen, willenlose, vom Teufel besessene Menschen und Priester, die mit vorgehaltenem Kreuz gegen das Böse kämpfen. Die meisten Vorstellungen von Exorzismen sind brutal und basieren auf Kinofilmen. Unvergessen sind die Bilder der besessenen Regan in "Der Exorzist", der sich wie wild drehende Kopf, die nach hinten gedrehten Augen, der einen Meter über dem Bett schwebende Körper.
Teufelsaustreibungen gab und gibt es in vielen Religionen. Schon im Alten Testament wird Satan namentlich erwähnt, Herkunft und Ursprung der Dämonen aber erst im Neuen Testament beschrieben. Im Christentum ist die Teufelsaustreibung seit dem Mittelalter bekannt, als sich der Volksglaube an Dämonen, Geister und Teufel ausbreitete. Im 17. Jahrhundert schrieb die katholische Kirche einen Gebetstext vor, der den Exorzismus regelt. Der Priester betet: "Ich befehle dir im Namen unseres Herrn Jesus Christus, verlasse den Körper, den du dich bemächtigt hast."
In der modernen Theologie kommt der Teufel kaum mehr vor oder nur in einer milden psychologischen Form. Dennoch sind in vielen Ländern Teufelsaustreibungen ein wichtiges Thema. In Italien gibt es etwa 300 Exorzisten. Auch Papst Franziskus hat mehrmals betont, dass es das Böse auch heute noch gibt. In Deutschland gibt es keine offiziellen Zahlen zu Teufelsaustreibungen, dennoch wird auch hierzulande immer noch exorziert, nur findet die Austreibung des Bösen häufig im Geheimen statt.
Der tragische Tod der Anneliese Michel
Ans Licht der Öffentlichkeit kommen nur einzelne Fälle, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert. So wie Ende vergangenen Jahres in einem Zimmer eines Frankfurter Luxushotels geschehen. Fünf Angehörige einer koreanischen Familie sollen gemeinschaftlich eine 41-jährige Verwandte während einer Teufelsaustreibung ermordet haben. Laut Anklageschrift sollen sie der Frau über mehrere Stunden Gewalt angetan haben, um ihr einen Dämon auszutreiben.
Der letzte Exorzismus, der weit über die deutschen Landesgrenzen für Schlagzeilen sorgte, war der Fall der Anneliese Michel im Jahr 1976. Die 23-jährige Pädagogikstudentin aus dem unterfränkischen Klingenberg hatte jahrelang an Anfällen gelitten, Medikamente gegen Epilepsie genommen, aber offenbar nicht vertragen. Trotz klarer Anzeichen einer Schizophrenie wurde sie nie zum Arzt, dafür aber zur Teufelsaustreibung geschickt. Zwei katholische Priester versuchten über mehrere Monate, ihr einen Dämon auszutreiben. Im guten Glauben, gegen das Böse anzukämpfen, waren die Priester blind dafür, dass die Frau keine Nahrung mehr zu sich nahm. Nach insgesamt 67 Exorzismen starb Anneliese im Beisein ihrer Eltern, nur 31 Kilo schwer, an Entkräftung und einer Lungenentzündung.
Die ganze Welt zeigte sich geschockt, der Fall wurde sogar in dem Film "Requiem" aufgerollt. Noch heute geistern Tonaufnahmen im Internet herum, die angeblich Annelieses Besessenheit beweisen. Die beteiligten Priester, aber auch die Eltern der jungen Frau wurden in einem aufsehenerregenden Prozess zu bedingten Haftstrafen verurteilt. Der Exorzismus geriet in Verruf.
"Wirklicher Exorzismus ist weit brutaler"
Für die katholische Kirche war der Klingenberg-Fall ausschlaggebend, strenge offizielle Vorgaben zu erheben, wann ein Exorzismus durchgeführt werden darf. Im Vorfeld muss mit Ärzten und Psychiatern geklärt werden, ob nicht eine psychische Störung vorliegt. Und die Teufelsaustreibung muss vom zuständigen Bischof genehmigt werden. Von den 27 deutschen Bistümern haben offiziell nur noch sieben einen Exorzisten in ihren Reihen.
Der Journalist Marcus Wegner, der sich seit langem intensiv mit dem Thema beschäftigt, ist jedoch überzeugt, dass fast täglich irgendwo in Deutschland ein Exorzismus stattfindet. Menschen, die glauben, vom Teufel oder von Dämonen besessen zu sein, wenden sich an Priester, Pfarrer oder Geistheiler aus der Esoterik-Szene. Besonders häufig finde man das Phänomen bei evangelikalen Freikirchen. Diese auch neucharismatisch genannten Gemeinden hüllen die Teufelsaustreibung in ein neues sprachliches Gewandt. Gläubige sind bei ihnen nicht mehr "vom Teufel besessen", sondern "von Dämonen belastet". Ihnen wird dieser Dämon auch nicht mehr ausgetrieben, sondern sie nehmen an einem "Befreiungsdienst" teil.
Laut Wegner ist der "wirkliche Exorzismus weitaus brutaler, als was uns auf der Leinwand präsentiert wird". In seinem 2009 erschienenen Buch "Exorzismus heute. Der Teufel spricht deutsch" schreibt er: "Es gibt in Deutschland eine regelrechte Exorzisten-Szene. Zahlreichen unerlaubten Exorzismen stehen große Reserven und Vorsicht der deutschen Bischöfe gegenüber. Auf beiden Seiten mangelt es an Transparenz."