Kelten-Wurst und Kelten-BrotGlauberg wird zur "Keltenwelt"
Der Glauberg in der Wetterau war vor 2500 Jahren ein Zentrum der Kelten. Das soll er wieder werden: Auf dem Hügel eröffnet bald ein Museum, das die Welt des antiken Volkes aufleben lässt. Unten im Dorf wird es auch schon immer keltischer.
Der Weg zu den alten Kelten führt an einem Neubaugebiet vorbei und in einen Wald hinein. Stille. Die Bäume ringsum wachsen auf merkwürdigen Wällen in die Höhe. Wer das nötige Wissen besitzt, erkennt in ihnen Reste eines Bollwerks. Wer Fantasie hat, sieht zudem weiße Mauern, die hier, auf dem Glauberg in der Wetterau, vor 2500 Jahren eine keltische Siedlung schützten. Die Welt dieses antiken Volkes ist lange untergegangen, in diesem Frühjahr soll sie wieder auferstehen: Die "Keltenwelt am Glauberg" feiert Anfang Mai Eröffnung. Darauf haben Archäologen und die Gemeinde Glauburg unterhalb des rund 270 Meter hohen Hügels lange gewartet. Nun laufen die letzten Vorbereitungen.
Fernglas in die Vergangenheit
Zur "Keltenwelt" gehören ein Museum, ein etwa 30 Hektar großer archäologischer Park, der noch Gestalt annimmt, und ein Forschungszentrum. Der Neubau hat die Form einer riesigen Schuhschachtel und ist halb in einen Hang gebaut. Die Panoramafensterfront richtet sich wie ein Fernglas in die Vergangenheit zu einem rekonstruierten Fürstengrabhügel aus. Die Funde, die Archäologen in den 1990er Jahren darin und in weiteren Herrschergräbern machten, kommen ins neue Museum. Berühmtestes Stück: Der "Keltenfürst vom Glauberg", eine mannshohe Steinstatue aus dem 5. Jahrhundert vor Christus. Die Entdeckung 1996 war eine Sensation.
Der Grundstein für die "Keltenwelt" wurde 2008 gelegt. Das Land investierte in das Gebäude gut acht Millionen Euro. Bis zu 80.000 Besucher sollen hier bald pro Jahr auf Zeitreise gehen - eine große Zahl für eine Gemeinde von 3100 Einwohnern. "Das ist sehr spannend für uns, es kommt nicht alle Tage vor, dass ein Landesmuseum dieser Größe in einer kleinen Gemeinde gebaut wird", sagt denn auch Glauburgs Bürgermeister Carsten Krätschmer. Der Rathauschef hofft, dass dadurch Tourismus, Handel und Gastronomie angekurbelt werden. "Das ist eine gewaltige Chance für uns und die Region."
"Riesensache für die Region"
So sieht es auch der Wetteraukreis, der Landrat Joachim Arnold zufolge froh ist, dass die Funde auf dem Glauberg gezeigt werden. Als Ausstellungsorte waren auch Darmstadt oder Bad Nauheim im Gespräch. Dagegen liefen die Glauburger Sturm, es gab Demos und eine Unterschriftenaktion - mit Erfolg. "Das Museum", sagt Arnold, "ist eine Riesensache für die ganze Region, an die sich viele Hoffnungen knüpfen, insbesondere was die touristische Erschließung angeht". Auch andere Kommunen mit keltischer Vergangenheit wie Büdingen, Bad Nauheim oder Butzbach könnten von der Entwicklung profitieren. Er ist überzeugt, dass die "Keltenwelt" ein Besuchermagnet wird. Das sieht manch ein Glauburger auch mit Sorge, wie Gemeindechef Krätschmer verrät. Immerhin könnte es dann mit der Ruhe auf dem Hügel vorbei sein.
Glauburg ist eine beschauliche Gemeinde. Die beiden Ortsteile Glauberg und Stockheim haben je einen Bahnhof, eine Hauptstraße, einige stille Gassen - und ihren "Keltenfürsten" in diversen Ausführungen. Mittlerweile ist die Statue fast ein Maskottchen geworden: Der Herrscher mit seinem markanten Kopfschmuck, der sein Haupt wie Ohrenwärmer umgibt, prangt als großer Scherenschnitt neben dem Ortseingangsschild. Er ziert einen Kreisverkehr und schmückt die Tüte einer Bäckerei, die "Kelten-Brot" verkauft. Die Dorf-Metzgerei hat "Kelten-Wurst" in Form des Herrschers im Angebot.
Die "Keltenwelt" wirbt ebenfalls mit der Figur für sich - unter anderem mit Untersetzern aus Filz. Und das kleine Ortsmuseum, das vom Heimat- und Geschichtsverein Glauburg betrieben wird, besitzt derzeit sogar eine maßstabsgetreue Kopie der Statue.
Auf dem Weg hinauf zum Glauberg gibt es keine derart deutlichen Zeichen seiner antiken Bewohner mehr, die mehrere Jahrhunderte lang in Mitteleuropa lebten und um Christi Geburt aus der Geschichte verschwanden. Ihre Spuren liegen in der Landschaft verborgen. Werner Erk, Vorsitzender des Heimat- und Geschichtsvereins, kann sie sehen. Etwa das Wasserreservoir, das die Kelten hier einst errichteten. Heute ist davon nur eine etwa 150 Meter lange und 50 Meter breite, umwallte Bodensenke übrig.
Der 62-Jährige kennt den Berg seit seiner Kindheit. Als Junge lief er "über die Wälle und durch die Hecken", wie er erzählt. Seit seinem Studium beschäftigt sich der Lehrer mit der Geschichte des Ortes und engagierte sich mit seinen Vereinsfreunden dafür, dass auf dem Glauberg gegraben wird. 1988 schoss er ein Foto, das die ersten Hinweise auf die Keltengräber lieferte.
"Hier sitzt der Chef"
Der Weg führt weiter bergan, zu einem Plateau hinauf, und die Wälle werden breiter und höher. Der ehrenamtliche Denkmalpfleger weiß: Das sind die verfallenen, überwucherten Reste eines Ringwalls. Früher standen darauf imposante Mauern. Sie sollten Erk zufolge Freund und Feind schon von der Ferne zeigen: "Hier bin ich, hier sitzt der Chef." Wer das war, weiß jedoch niemand.
Ines Balzer arbeitet daran, die Rätsel des Glaubergs zu lösen. Sie leitet das Kelten-Forschungszentrum und erklärt: Seit der Steinzeit war der Glauberg, ein Basaltausläufer des Vogelsbergs, eine beliebte, aber auch normale Höhensiedlung. Im fünften Jahrhundert vor Christus änderte sich das plötzlich und es entstanden die mächtigen Mauern, Wälle und Herrschergräber.
Die Funde - neben der Steinstatue auch Schmuck und eine Bronzekanne - bieten "einen Spotlight in eine Generation, die uns sehr beschäftigt", wie Balzer sagt. "Für uns ist es ein Riesenfragezeichen, was passierte, und das macht es so spannend." Waren es weltliche Führer, die ihre Stärke demonstrieren wollten? Geistliche, die hier ihr Kultzentrum hatten? Fragen, über die auch die künftigen Besucher rätseln dürfen.
Mitmachen und Mitdenken gehört zum Museumskonzept, wie die Leiterin der "Keltenwelt", Katharina von Kurzynski, erklärt. "Die Welt der Kelten soll mit allen Sinnen erfahren werden", sagt sie. Die sechs Mitarbeiter der "Keltenwelt" arbeiten auf Hochtouren an Informationstexten, Installationen und planen den Einsatz verschiedener Medien für die Ausstellung.
Das Leben war anstrengend
Dazu gehört auch ein Comic mit Figuren à la Asterix, der eine fiktive Geschichte erzählt rund um das Begräbnis des "Keltenfürsten". Für den Museumspädagogen Thomas Lessig-Weller ist dabei wichtig, dass die vergangene Zeit spielerisch vermittelt, aber keinesfalls verniedlicht wird. "Das Leben vor 2500 Jahren war anstrengend und kein Abenteuerspielplatz", betont er.
Noch ist das neue Museum oben auf dem Glauberg leer, und kahle, dunkle Wände dominieren. Handwerker laufen mit ihrem Werkzeug durchs breite Treppenhaus. Ein Lieferwagen steht vor dem Gebäude, dahinter ein Schild, das die "Keltenwelt" bewirbt. Wenn sie Eröffnung feiert, werden längst nicht alle Geheimnisse der Kelten gelüftet sein. "Wir sind ehrlich", sagt Lessig-Weller. Auf einige Fragen hätten die Forscher noch keine gesicherten Antworten, und das werde nicht verschwiegen.
Manch ein Glauburger hat bereits seine ganz eigenen Antworten gefunden. Warum etwa sind die Kelten verschwunden? Die Bäckerei, die das rustikale "Keltenbrot" mit der Knusperkruste verkauft, bietet auf ihren Tüten die Erklärung: "Kelti könnt heut' noch leben, hätt's damals schon Zinn's Brot gegeben!"