Schlag gegen Mafia-ClansGroßrazzia in San Luca
San Luca, das wussten die Ermittler seit Jahren, gilt als die Hochburg der kalabrischen Mafia-Organisation 'Ndrangheta schlechthin.
San Luca, das wussten die Ermittler seit Jahren, gilt als die Hochburg der kalabrischen Mafia-Organisation 'Ndrangheta schlechthin. Immer wieder fielen dort seit 1991 Menschen einer blutigen Familienfehde zum Opfer, Drogen- und Waffenhandel sowie die Angst sind seit langem die ständigen Begleiter der Bürger. Aber erst jetzt, nach den Todesschüssen auf sechs Italiener in der Nacht zum 15. August in Duisburg, kam es zu einem Großeinsatz gegen die Clans des Örtchens.
Über 40 Haftbefehle und mehr als 30 Festnahmen sind das Resultat der Aktion. "Dies ist ein erster wichtiger Erfolg gegen die Mafia-Clans in der Gegend", brachte es Staatsanwalt Franco Scuderi auf den Punkt. Dennoch: Die Mörder von Duisburg wurden bei der Operation nicht gefasst.
Die Szene im Morgengrauen wirkt wie in einem Film: Klammheimlich umstellen 500 Beamte das kalabrische Dorf, Hubschrauber tauchen den noch dunklen Himmel in gleißendes Licht und reißen die Einwohner abrupt aus dem Schlaf. Die Aktion war gut vorbereitet, alle Fluchtmöglichkeiten sollten versperrt werden. Polizei und Carabinieri durchsuchten Haus um Haus - und wurden fündig.
Zahlreiche mutmaßliche Mafiosi konnten gefasst werden, teilweise sollen sie in den Mord an der Ehefrau eines Clan-Bosses im vergangenen Dezember verwickelt sein. Die Tat gilt bei den Behörden als Auslöser für die Duisburger Morde. Sogar ein Bunker wurde mitten im Zentrum von San Luca unter einem Wohnhaus entdeckt und von Spezialkräften mit einem Presslufthammer aufgebrochen. Innen hockten drei der Gesuchten, auch für sie klickten die Handschellen.
Der oberste Antimafia-Staatsanwalt Pietro Grasso zeigte sich anschließend optimistisch und erklärte, nun gebe es die Hoffnung, dass die Blutfehde endlich beendet werden kann. Immerhin gehört ein großer Teil der Inhaftierten den beiden verfeindeten Familienclans Strangio-Nirta und Pelle-Romeo an. Das italienische RAI-Fernsehen war da schon pessimistischer und kommentierte in den Mittagsnachrichten: "Bis in dem Ort niemand sagt "Es reicht!", wird hier weiter Blut fließen."
Sicher ist immerhin, dass sich nach den Todesschüssen von Duisburg etwas bewegt. So wurde ebenfalls am Donnerstag bekannt, dass die deutsche Polizei mittlerweile eine "vielversprechende Spur" verfolgt. "Die Voraussetzungen sind erfüllt, um zur Wahrheit über die tragische Tat zu gelangen", erklärte Scuderi.
Dennoch ist es oft gerade die Mauer des Schweigens, die den Ermittlern die Arbeit so schwer macht. "Omert" heißt diese aus dem Ehrgefühl der Mafia heraus geborene Pflicht, vor Polizei und Behörden Stillschweigen zu bewahren. Wer gegen dieses seit Jahrzehnten ungeschriebene Gesetz verstößt, wird zumeist mit dem Tode bestraft. Das ist auch in San Luca nicht anders, wo die mächtige 'Ndrangheta seit vielen Jahren zumeist ungeschoren schalten und walten kann. Da hilft nur ein rabiates Einschreiten der Behörden, um das Schweigen zu brechen. Aber ob die Blutfehde und das Morden jetzt ein Ende haben, bleibt abzuwarten.
Carola Frentzen, dpa