Panorama

Divi-Chef Janssens im Interview "Hartes Weihnachten für viele Intensivstationen"

Die Lage auf den Intensivstationen ist dramatisch - die Situation für die Beschäftigten körperlich und psychisch belastend. Mit Unverständnis reagiert Intensivmediziner Janssens bei ntv daher auf Bilder voller Einkaufsstraßen. Auch Hassmails machen ihn fassungslos. Die Gesellschaft drifte auseinander, sagt er.

Mit einem dramatischen Appell macht Intensivmediziner Uwe Janssens auf die prekäre Lage in den deutschen Krankenhäusern aufmerksam. Dabei verwies er vor allem auf die körperlichen und psychischen Belastungen. "Das hat nichts mit Panikmache zu tun, das ist einfach die Realität", sagte er ntv. Sich um 20 bis 30 Patienten zu kümmern, die beatmet und "dauernd auf den Bauch gedreht" werden müssen und die an Atmungsunterstützungssystemen wie Herz-Lungen-Maschinen hängen, sei "enorm körperlich anstrengend". Hinzu komme die seelische Belastung.

Besonders "tragische Entscheidungssituationen" entstünden, wenn nicht genügend Geräte und Personal vorhanden seien, und entschieden werden müsse, wer beatmet werde und wer nicht. "Das sind natürlich katastrophal schwierige Entscheidungen. Die können Sie nicht alleine treffen, die müssen gut vorbereitet sein", sagte der Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin, Janssens. "Es gibt ein ganz klares Kriterium, das der Erfolgsaussicht." Im Fokus stehe die Überlebenswahrscheinlichkeit des Patienten. "Da gibt es einen großen Fächer an Beurteilungen." Dabei werde nicht "auf Einzelkriterien wie Behinderung, Alter, sozialer Status" geschaut, sagte er mit Nachdruck.

"Falsche politische Entscheidungen"

Dass es überhaupt zu der angespannten Situation in Deutschlands Krankenhäusern gekommen ist, sei das Ergebnis falscher politischer Entscheidungen. "Ich finde es schlimm, dass erst die Zahl von 500 bis 600 Todesfällen dazu geführt hat, dass man dann doch die Reißleine gezogen hat", sagte er. "Ich finde, die Todesfälle sollten nicht dazu führen, dass man endlich anders denkt. Man muss strategisch im Vorhinein denken."

Mit Sorge blicke er deshalb auf die jüngsten Bilder aus den Metropolen, "wie sich die Menschen vor den Geschäften durch die Einkaufsstraßen geschoben haben". Dabei werde es nochmals viele Infektionen gegeben haben - "das ist unvermeidlich", sagte er. "Ich verstehe das menschlich. Aber aus Sicht des Medizinbetriebes und eigentlich aus Sicht der Patienten, weil sie die Betroffenen sind, sind dies sehr traurige Bilder, und wir wollen hoffen, dass uns das nicht in 7 bis 10 Tagen nochmal zusätzlich auf die Füße fällt."

"Gesellschaft driftet auseinander"

Neben den Herausforderungen seiner täglichen Arbeit nimmt Janssens eine "Spaltung der Gesellschaft" wahr. "Die Gesellschaft driftet im Moment auseinander. Glauben Sie es mir, ich kann das aushalten, aber die Beschimpfungen und die Mails, die ich erhalte, möchten Sie gar nicht in der Öffentlichkeit lesen. Das ist schon traurig", sagte er. "Wir tun den Menschen nichts, wir versuchen, ihnen zu helfen. Wir versuchen, Positionen zu vertreten, und versuchen, das Bestmögliche für die Menschen zu erreichen." In Hassmails werde ihm vorgeworfen, "ich würde die Wirtschaft in Grund und Boden rammen mit meinen Äußerungen, die sind ungerechtfertigt vor dem Hintergrund, was tatsächlich auf den Intensivstationen los ist".

Dennoch arbeiteten er und seine Kollegen weiter. "Wir stehen alle parat, Pflegende wie Ärzte", sagte er. "Viele von uns werden Weihnachten nicht zu Hause unterm Weihnachtsbaum im engen Familienkreis verbringen, sondern auf den Stationen. Das wollen wir mal nicht aus den Augen verlieren. Das wird dieses Jahr für viele Intensivstationen ein hartes Weihnachten."

Quelle: ntv.de, jwu

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