UNICEF startet Impfprogramm in HaitiHelfer erreichen langsam Provinz
Drei Wochen nach dem Erdbeben in Haiti kämpfen sich die Helfer langsam in abgelegene Landesteile vor, die bisher keine Hilfe erhalten haben. Die UNICEF startet derweil eine große Impfaktion für Kinder. Eine Neueinspielung von "We are the World" soll Spenden für das Land sammeln.
Auch drei Wochen nach dem Erdbeben in Haiti stoßen die Helfer angesichts des ungeahnten Ausmaßes der Zerstörung immer wieder an ihre Grenzen. So kommt die Hilfe nach Angaben der Malteser in der zu 90 Prozent zerstörten Stadt Leogane erst langsam an. Deutschland ist dabei, in dieser Stadt mit über 130.000 Einwohnern ein zweites Standbein ihrer Hilfe für Haiti aufzubauen. In der Region des Epizentrums rund 40 Kilometer westlich von Port-au-Prince stoßen die Einsatzkräfte auch auf Dörfer, die bisher noch keine Hilfe erhalten haben. Die deutsche Welthungerhilfe verteilte am Montag zum ersten Mal ohne Zwischenfälle in Petitguave westlich von Leogane größere Mengen von Lebensmitteln.
Rund 100 Top-Künstler haben unterdessen den Welthit "We are the World" für die Erdbebenopfer in Haiti neu eingespielt. An der sechsstündigen Aufnahme - 25 Jahre nach dem Original - beteiligten sich Musiker wie Barbra Streisand, Celine Dion, Kanye West und Carlos Santana. Die Vereinten Nationen forderten unterdessen einen besseren Schutz für Kinder. Das Kinderhilfswerk UNICEF kündigte eine Impfaktion für 700.000 Mädchen und Jungen an.
Eine Million Waisen
Die Zahl der verwaisten Kinder in Haiti hat sich mehr als verdoppelt und nach jüngsten Schätzungen rund eine Million erreicht. Das geht aus einer Übersicht der EU-Kommission hervor. Dies umfasse Voll- und Halbwaisen, aber auch Kinder, die durch die Katastrophe von ihren Eltern getrennt wurden. Bereits vor dem Erdbeben habe es etwa 380.000 Waisenkinder in Haiti gegeben. UNICEF hat vor einigen Tagen mit der Registrierung der unbegleiteten Kinder begonnen.
Nach Angaben von UNICEF erhalten in den überfüllten Notunterkünften der Hauptstadt Port-au-Prince die ersten Jungen und Mädchen Impfschutz gegen Masern, Diphtherie, Tetanus und Keuchhusten. UN-Experten warnten außerdem in Genf, dass Waisen und Kinder ohne Begleitung Erwachsener entführt, verkauft oder als Sklaven missbraucht werden könnten. Die Regierung hat internationale Adoptionen vorerst ausgesetzt, um Menschenhandel zu verhindern.
Präsident für Dezentralisierung
Fast eine halbe Million Menschen haben die Hauptstadt Port-au-Prince inzwischen verlassen. Die meisten von ihnen seien bei Verwandten auf dem Land untergekommen, teilte die Nothilfe-Koordination der Vereinten Nationen (OCHA) mit. Die haitianische Regierung hatte kostenlos Busse zur Verfügung gestellt. Die Ankunft der Erdbebenflüchtlinge habe die Lebensmittelpreise in den betroffenen Gegenden drastisch in die Höhe getrieben. Präsident René Préval will sich für eine stärkere Dezentralisierung Haitis einsetzen, um den Zustrom von Arbeitssuchenden nach Port-au-Prince in Zukunft zu verringern.
Die Regierung ist erleichtert über jeden, der die Hauptstadt verlässt. Dort hausen Zigtausende in selbst gebastelten Zelten auf Plätzen und in Seitenstraßen. Nach Schätzungen der EU brauchen eine Million Menschen Notunterkünfte, vor allem mit Blick auf die bevorstehende Wirbelsturm-Saison. In den kommenden zwei Wochen sollen vier der Feldlazarette wieder abgebaut werden. Die haitianische Regierung bittet darum, dass die medizinischen Experten länger im Land bleiben, um beim Wiederaufbau des zusammengebrochenen Gesundheitssystems zu helfen. Es wurden Fälle von Tetanus und Verdacht auf Masern in den Flüchtlingslagern bekannt.
Bei dem Erdbeben am 12. Januar kamen schätzungsweise 180.000 Menschen ums Leben, darunter 92 Mitarbeiter der Vereinten Nationen. Das Hauptquartier der UN-Mission war zerstört worden. Die seit 2004 in Haiti stationierte UN-Mission MINUSTAH hat etwa 7000 Soldaten, um das wirtschaftlich und politisch ruinierte Land zu stabilisieren.
USA ziehen drei Schiffe ab
Bei der Aufnahme von "We Are the World" wirkten Künstler vom 83 Jahre alten Tony Bennett bis zum 15-jährigen Teeniestar Justin Bieber mit. Produzent Quincy Jones kündigte an, dass der Gewinn in Hilfen für Haiti fließen soll. 1985 hatte der von Lionel Richie und Michael Jackson geschriebene und von Jones produzierte Song mehr als 50 Millionen Dollar für einen Afrika-Hilfsfonds eingebracht.
Die neue Single soll erstmals am 12. Februar während der Olympia-Eröffnungsfeier beim US-Sender NBC zu hören sein. Die Jubiläumsplatte war schon seit Monaten in Planung. Ursprünglich sollte der Erlös erneut Hilfsprogrammen in Afrika zufließen, doch nach dem verheerenden Beben in Haiti disponierten die Veranstalter um.
Die USA zogen derweil drei Schiffe vom Hilfseinsatz für die Opfer in Haiti ab. Luftwaffengeneral Douglas Fraser begründete den Abzug in Miami im US-Bundesstaat Florida mit dem Hinweis, die USA hätten auch ohne den Flugzeugträger "USS Carl Vinson", den Lenkwaffenkreuzer "USS Bunker Hill" und das Forschungsschiff "USNS Henson" genug Kapazitäten für ihren Einsatz. Insgesamt seien noch 19 US-Schiffe im Einsatz, sagte der Oberbefehlshaber der US-Streitkräfte für die Karibik, Mittel- und Südamerika (Southcom). Auf dem Weg nach Haiti sind laut Fraser sieben weitere Schiffe. Zehn Hubschrauber des Flugzeugträgers blieben im Einsatz.
92 tote UN-Mitarbeiter bestätigt
Die Zahl der bei dem Erdbeben in Haiti getöteten Mitarbeiter der Vereinten Nationen ist auf 92 gestiegen. Sieben UN-Beschäftigte seien noch vermisst, teilte der Chef der UN-Mission Edmond Mulet in Port-au-Prince mit. Das Hauptquartier der UN-Mission war bei dem Beben am 12. Januar gänzlich zerstört werden. Die Mitarbeiter nutzen vorerst die Büros des Logistikzentrums der UN-Mission nahe dem Flughafen. Die seit 2004 in Haiti stationierte UN-Mission MINUSTAH hat etwa 7000 Soldaten, um das Land zu stabilisieren.
Derzeit patrouillieren sie verstärkt in den Straßen von Port-au-Prince, um Plünderungen zu verhindern. Sie sichern außerdem die Verteilung von Hilfsgütern ab. Der aus Guatemala stammende Mulet ist der Nachfolger des Tunesiers Hédi Annabi, der bei dem Erdbeben ums Leben kam.
Ein französischer Wissenschaftler warnte derweil die Regierung in Haiti vor einem möglichen weiteren Erdbeben in einer Stärke von bis zu 5,5 gewarnt. "Es wird vermutlich noch starke Nachbeben geben, niemand sollte sich in falscher Sicherheit wiegen", sagte der Erdbebenexperte Eric Calais dem haitianischen Sender RFM. Es sei dringend nötig, die beschädigten Häuser von Experten prüfen zu lassen, sagte Calais, der zuvor mit dem haitianischen Präsidenten René Préval zusammengetroffen war.