Panorama

Schafherde im Weg ICE entgleist in Tunnel

Mit mehr als 200 Stundenkilometern ist ein ICE am Samstagabend südlich von Fulda in einem Bahntunnel in eine Schafherde gerast und entgleist. Von den 135 Fahrgästen wurden nach Angaben von Bahn und Bundespolizei 19 verletzt - vier mittelschwer und 15 leicht. Sie erlitten Knochenbrüche, Prellungen und Schürfwunden. Das Unglück geschah kurz nach 21 Uhr im zweigleisigen Landrückentunnel, dem mit fast elf Kilometern längsten Eisenbahntunnel Deutschlands. "Das Ausmaß der Schäden im Tunnel ist erheblich, die Schienen sind zum Teil total zerstört", sagte der Sprecher der Bundespolizei in Koblenz, Reza Ahmare. Zehn der zwölf Waggons sowie die beiden Triebköpfe seien entgleist. Die Bahn schätzte den Schaden auf "viele Millionen Euro".

Die Ermittlungen konzentrierten sich darauf, weshalb die Schafe von der benachbarten Weide auf die Gleise gelangen konnten, sagte der Sprecher der Bundespolizei. Dabei würden auch Zäune überprüft und untersucht, ob Elektrozäune intakt waren. Der Schäfer, der zum Unglückszeitpunkt nicht bei seiner Herde war, sei befragt worden, habe aber unter Schock gestanden. Andere Unglücksursachen, wie etwa eine falsch gestellte Weiche, schlossen Bundespolizei und Bahn aus. "So eine Masse von Schafen kann einen Zug schon aus der Bahn schmeißen", sagte Ahmare. Ein Sprecher der Bahn sagte: "Eine Herde von 20 Schafen wirkt wie eine Wand aus Tieren".

Mehrere Tage gesperrt

Der 1991 mit Beginn des ICE-Verkehrs eröffnete Landrückentunnel zwischen Fulda und Würzburg bleibt in beide Richtungen noch mehrere Tage gesperrt. Die Züge im Fern- und Güterverkehr auf den Strecken Kassel-Hamburg und Würzburg-München werden über Flieden-Elm-Jossa umgeleitet und haben jeweils 20 bis 40 Minuten Verspätung. Regionalzüge verkehren dort nicht. Bergungsgerät muss den verunglückten Zug auf die Gleise hieven. Dann kann der ICE aus der Röhre rollen, sagte ein Sprecher der Bahn. Mit den Vorbereitungen sei bereits begonnen worden. Bergung und Reparaturen würden voraussichtlich mehrere Tage dauern.

Der Schäfer aus Mittel-Kalbach sagte: "Ich kann mit Sicherheit sagen, dass ich meiner Sorgfaltspflicht als Schäfer nachgekommen bin. Die Tiere waren ordnungsgemäß eingeschlossen. Ich habe am Abend selber davon erfahren, als ich auf einer Familienfeier war." Er habe eine Idee, wie die Schafe dahin gekommen sein könnten, "aber dazu möchte ich mich jetzt noch nicht äußern, das ist ja ein schwebendes Verfahren", betonte der Landwirt.

Überwachung unmöglich

Auf dem Abschnitt ist Tempo 250 erlaubt. Der ICE 885 von Hamburg nach München kam nach Bahnangaben rund 500 Meter nach der Einfahrt in den Tunnel zum Halt. Die Bahn könne derartige Unglücke nicht verhindern, sagte ein Sprecher in Frankfurt. "Wir haben 34.000 Eisenbahnkilometer in Deutschland, die komplette Überwachung ist technisch nicht möglich."

Eine Reisende sagte, der Zug habe stark geruckelt, als er über die Schafe fuhr. Danach sei der Wagen, in dem sie saß, aus dem Gleis gesprungen, einige hundert Meter neben den Schienen weitergefahren und schließlich halb gekippt zum Stehen gekommen. Die Fahrgäste hätten den Zug durch die Türen verlassen und seien entgegen der Fahrtrichtung auf dem Rettungssteig aus dem Tunnel gelaufen. "In der Röhre war ein unglaublicher Qualm und Staub, ich dachte, ich ersticke", sagte die 47-Jährige unmittelbar nach dem Unglück. Etwa 50 Meter vor dem Ausgang traf die Münchnerin auf die Schafe. "Erst sah man nur eine Fleischmasse, später erkannte ich tote Schafe, halbtote Schafe, ein paar haben auch noch gelebt und mich angesehen."

Rettung

Am Tunnelausgang warteten bereits Sanitäter, Feuerwehr und Rettungskräfte. Danach wurden die Passagiere mit Bussen zum Bahnhof in Fulda oder in das Gemeindezentrum eines nahe gelegenen Ortes gebracht. Ein Vorteil für die Helfer: Die Feuerwehr hatte 2003 bei einem simulierten ICE-Unfall an dem Tunnel eine große Notfallübung absolviert.

Quelle: ntv.de