Panorama

Mehr Verbrechen In der Krise gedeiht die Gewalt

Wenn der Arbeitsplatz weg ist und das Geld knapp wird, schwindet auch die Hoffnung. Mehr als zwei Millionen Menschen haben in den USA in der derzeitigen Rezession den Job verloren, es werden immer mehr, und parallel zum Anstieg der Arbeitslosigkeit beobachten Kriminologen einen Anstieg blutiger Gewalttaten. Krisenstimmung, Existenzsorgen und das Gefühl der Ausweglosigkeit sind ein idealer Nährboden für Gewalt, sagen US-Experten - nicht unbedingt in Form sozialer Unruhen, sondern eher als individuelle Verzweiflungstaten daheim oder am Arbeitsplatz.

Allein im März und April registrierte die Polizei in den USA acht Amokläufe mit 57 Toten, viel mehr als sonst in zwei Monaten. Kriminalprofessor Jack Levin von der Northeastern University in Boston ist Experte für solche Taten. "Ein Mehrfachmörder ist fast immer jemand, der einen katastrophalen Verlust erlebt hat", sagt Levin. "Das ist das Bindeglied zwischen einer Rezession und Massentötungen." Denn seit dem Einsetzen der Rezession im September häuften sich für viele US-Bürger die als katastrophal empfundenen Verluste: Verlust des Arbeitsplatzes, Verlust von Erspartem, Verlust der Beziehung.

Leben außer Kontrolle

Als die Rezession die USA Anfang der 90er Jahre schon einmal fest im Griff hatte und vielen Bürgern den Boden unter den Füßen wegzog, stiegen die Mordraten ebenfalls an. Wenn die Wirtschaft auf Talfahrt ist, gebe es in den USA regelmäßig "viel mehr Morde mit vielen Opfern, weil es mehr Amerikaner gibt, die das Gefühl haben, dass ihr Leben vollständig außer Kontrolle geraten ist", sagt Levin. "Ehemänner und Väter verlieren ihre Jobs und haben das Gefühl, dass ihnen die Kontrolle über ihre Familien entgleitet."

Die Fälle sind jeweils individuell, doch in letzter Zeit fallen den Experten eine Reihe von Gewalttaten mit Bezug zur Wirtschaftskrise auf. Im Ort Binghampton in New York erschoss ein arbeitslos gewordener Einwanderer aus Vietnam 13 Menschen und dann sich selbst. Ein Familienvater in Los Angeles erschoss seine Frau und seine fünf Kinder, nachdem er seinen Job verloren hatte. Ein Ingenieur in Kalifornien tötete drei Kollegen, nachdem er entlassen worden war. Es sind nur einige von vielen Fällen.

Ärger kann explodieren

Die New Yorker Psychologieprofessorin Chitra Raghavan beobachtet, dass sich Sorgen und Nöte in der Krise oft in häuslicher Gewalt niederschlagen. Jobverlust und Existenzsorgen "führen zu einer bestimmten Art von Hoffnungslosigkeit, und das intensiviert sich in einer Rezession", sagt sie. "Unsicherheiten werden stärker, insbesondere wenn die Frau noch arbeitet und der Mann nicht mehr. Lang angestauter Ärger kann unter diesen Umständen explodieren." Das Risiko bestehe vor allem für Männer darin, dass sie in einen Teufelskreis geraten. Raghavan beschreibt ihn mit den Worten "arbeitslos, gedemütigt, misstrauisch, hoffnungslos".

Auch Cindy Southworth, Direktorin des Safety Net Projekt für misshandelte Frauen, weist darauf hin, dass die Täter fast ausschließlich Männer seien. "Wenn es in einem Haushalt sowieso schon Gewalt gab und der Mann seinen Job verloren hat und die ganze Zeit zu Hause ist, dann gibt es einfach mehr Risikozeit", sagt sie. Die Wurzeln der Gewalt reichten indes tiefer als die derzeitige Wirtschaftskrise, gibt die Sozialarbeiterin zu bedenken: "Eine schlechte Konjunktur verursacht häusliche Gewalt ebenso wenig, wie eine gute Konjunktur sie heilt."

Quelle: ntv.de, Alex Ogle, AFP