Panorama

Standby in Bangkok In der Warteschleife von Air Berlin

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(Foto: dpa)

Die Sperrungen des europäischen Luftraums haben weltweit für große Probleme gesorgt. Unzählige Gestrandete müssen tagelang auf ihre Rückkehr in die Heimat warten. Ein Redakteur von n-tv verbrachte seinen Osterurlaub in Thailand und hängt nun seit dem vergangenen Sonntag in Bangkok fest. Hier sein Bericht:

Am Mittwoch fahren wir in aller Frühe zum Flughafen Bangkok, mit Sack und Pack. Ein Air Berlin-Flug aus Düsseldorf ist am Vorabend gestartet, mit Sondererlaubnis, und wird mit kleiner Verspätung kurz nach 11.00 Uhr von Bangkok aus zurückfliegen. Dass wir - meine Frau und ich - dabei sind, ist ziemlich unwahrscheinlich. Aber jeder Versuch zählt. Nach zahlreichen Telefonaten erfahren wir, dass am Flughafen ein Standby-Verfahren stattfinden soll: Die Gestrandeten könnten sich demnach auf eine Warteliste eintragen und dürften dann hoffen, dass sie mit nach Deutschland können. Weil wir wissen, dass noch nicht einmal der ausgefallene Flug vom vergangenen Samstag "abgearbeitet" ist, sieht es für uns düster aus: Unser Flug hätte am Sonntag, den 18. April, starten müssen.

Die Abfertigung G auf dem Flughafen Bangkok ist super voll, geschäftig und für drei Stunden Schauplatz einer seltsamen Mehrklassengesellschaft. Denn bei G  fliegt Air Berlin heute den zweiten Flug nach dem Debakel nach Deutschland. Und die kleine Flughafen-Welt teilt sich in die Glücklichen, die an diesem Tag ihren regulären Rückflug antreten und die anderen, die zwischen Freitag und Montag zu Opfern eines isländischen Vulkans wurden.

Vor unserem Aufbruch zum Flughafen konnten wir im Internet lesen, dass nun wieder geflogen werde. Dazu der verheißungsvolle Satz: "In erster Linie wurden im Ausland gestrandete Urlauber zurückgeholt."

Schlechte Karten für "Stehenbleiber"

Die Realität sieht aber ganz anders aus: Air Berlin hat von Dienstag auf Mittwoch die für April übliche Menge Urlauber nach Thailand gebracht. Und am G 10 bis 13 wird an diesem Mittwoch die übliche Touristenmasse, die diesen Flug gebucht hat, zurückbefördert. Der Flug ist ausgebucht wie fast alle Flüge im April. An G 14 dürfen sich die "Stehenbleiber", wie wir im Jargon der Fluggesellschaften heißen, in eine Warteliste eintragen. Die Passagiere von Air Berlin gelten als die Privilegierten unter den Heimfahrtsuchern, denn ihre Linie fliegt.

Wegen anhaltender Proteste gegen thailändische Regierung ist es auf den Straßen Bangkoks eher ungemütlich.

Wegen anhaltender Proteste gegen thailändische Regierung ist es auf den Straßen Bangkoks eher ungemütlich.

(Foto: REUTERS)

Bei THAI Airways, der zweiten großen, mit Lufthansa liierten Fluggesellschaft für den deutschen Thailand-Tourismus, sind noch bis Donnerstag sämtliche Flüge gestrichen: Umbuchungen werden zwar angeboten, aber erst ab dem 3. Mai. Eine Familie mit kleinen Kindern würde umbuchen studiert jetzt resigniert-gefasst die Reiseführer. "Bangkok mit den Kindern? Besser nicht." Eine junge Frau, Kundin von Emirates, erzählt, dass ihr gebuchter Flug nach Dubai eben ohne sie los geflogen ist. Weil sie keinen Anschluss nach Deutschland habe, dürfe nur in die Maschine einsteigen, wer in Dubai ein Hotel nachweisen könne…

Die große Rätselfrage der Air Berliner nach dem weiteren Prozedere klärt sich erst nach einer weiteren Stunde: Die Warteliste werde chronologisch abgetragen, heißt es. Erst die Fluggäste vom 17., dann die vom 18. April und so weiter. Familien mit kleinen Kindern haben Vorrang, danach punkten die mit Gold und Silvercards. Für die erste Regel gibt es allgemeines Verständnis, für die zweite nicht. Während die Schlange der regulären Kundschaft nach und nach die Koffer aufgibt, können sich die anderen an ihren zehn Fingern ausrechnen, dass ihre Lage düster ist. Gestern, beim ersten Flug nach Deutschland, sollen ungefähr 30 Gestrandete dabei gewesen sein, die die unbesetzten Plätze auffüllen durften. Vier Flüge von Air Berlin sind wegen der Flugsperre ausgefallen. Über den Daumen gerechnet sind also 1200 Passagiere nicht nach Hause gekommen. Nur bei Air Berlin wohlgemerkt, die von THAI, Emirates und anderen Linie kommen dazu. Genau weiß es niemand.

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(Foto: dpa)

Um 10.15 Uhr, 45 Minuten vor Abflug, steht fest, wie viele Plätze noch frei sind nach Düsseldorf. Etwa 150 Menschen drängen sich um den Schalter. Der Chef von Air Berlin Bangkok springt auf den Tresen, bittet schweißgebadet um Verständnis und verkündet die Namen. Ganze neun - in Großbuchstaben NEUN - Gestrandete dürfen mit. Wenig Freude, viel Enttäuschung, ein böser Zwischenruf: "Und der Hunold hat gestern schon Staatshilfe gefordert."

Wenn das Procedere so fortgeführt wird, wird es noch Wochen dauern, bis alle Gestrandeten wieder daheim sind. Der Ortschef von Air Berlin wird mit Fragen überhäuft wie: "Kommen leere Sondermaschinen aus Deutschland, wenn der Luftraum wieder freigegeben ist?" Er glaubt es nicht.

Als die Menge sich langsam auflöst, macht das Gerücht die Runde, noch an diesem Vormittag habe Air Berlin für 900 Euro ein Ticket für diesen Flug verkauft. Ein junger Mann sammelt Namen für eine Klage, wenn man erst wieder zu Hause ist. Morgen sehen wir uns alle wieder zum Standby in Bangkok, Airport International.

Quelle: ntv.de, Jochen Dietrich

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