Panorama

Atom-Gefahr durch WaldbrändeKeine Atempause in Russland

05.08.2010, 20:17 Uhr

Die Waldbrände in Russland stellen die Behörden vor immer neue Probleme. Nun befürchtet das Zivilschutzministerium gar, dass in dem Gebiet, dass durch die Tschernobyl-Katastrophe verunreinigt wurde, radioaktive Stoffe in die Atmosphäre gelangen könnten. Eine Atempause für die Rettungskräfte zeichnet sich unterdessen nicht ab.

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Die Feuerwehrleute sind weiterhon unermüdlich im Einsatz. (Foto: dpa)

Angesichts der verheerenden Waldbrände in Russland befürchten die Behörden, dass in Gebieten, die bei der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor knapp einem Vierteljahrhundert verstrahlt wurden, radioaktive Stoffe freigesetzt werden könnten. Durch die Hitze könnten Radionuklide in die Atmosphäre entweichen. "Wir kontrollieren sorgfältig die Situation in der Region Brjansk, besonders im Süden im Distrikt Nowosybkow, der infolge der Tschernobyl-Katastrophe schwer verunreinigt wurde", sagte Katastrophenschutzminister Sergej Schoigu.

Erhöhte Aufmerksamkeit richten die Behörden auch auf Munitionslager. Einige wurden bereits von Raketen und Artillerie beräumt.

Unterdessen stieg die Zahl der Toten durch die Feuersbrunst auf 50. Russische Hilfsorganisationen gehen jedoch davon aus, dass es weit mehr Opfer gibt. Hunderte wurden verletzt, Tausende sind obdachlos. Verzweifelt kämpfen Hunderttausende Rettungskräfte gegen die gewaltige Feuersbrunst an - zugleich wächst die Kritik an der politischen Führung.

Eine Entspannung der Lage ist nicht in Sicht. Es gibt weiter keinen Regen in der größten Gluthitze seit mehr als 130 Jahren. Die Temperaturen sollen vielerorts auf über 40 Grad steigen.

Hilfsangebot von Merkel

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Medwedew verzichtet (noch) auf deutsche Hilfe. (Foto: dpa)

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bot Kremlchef Dmitri Medwedew in einem Telefonat Hilfe bei der Bekämpfung der Waldbrände an. Nach Angaben der Bundesregierung äußerte Russland zunächst aber keine konkreten Wünsche nach deutscher Hilfe. Auch die Europäische Union wurde von Moskau bisher nicht um Hilfe gebeten. Deshalb gebe es auch keine Pläne, Hilfsmechanismen in Gang zu setzen, erklärte ein EU-Sprecher in Brüssel.

Das Zivilschutzministerium registriert zurzeit etwa 850 Wald- und Torfbrände. Landesweit wurden Dörfer evakuiert. In der Umgebung des atomaren Forschungszentrums in Sarow rund 400 Kilometer östlich der russischen Hauptstadt verhinderten zahlreiche Helfer ein Vordringen der Flammen. Auch Löschflugzeuge wurden eingesetzt.

In Togliatti an der Wolga brachten die Behörden zwischenzeitlich 1700 Menschen wegen dichten Qualms in Sicherheit. Ein Park war in Brand geraten. Hingegen verzog sich in Moskau vorerst der von den Torfbränden rund um die Millionenmetropole.

Getreideexport gestoppt

Wegen der schweren Dürre und der verheerenden landesweiten Brände stoppt Russland vom 15. August an seinen Getreideexport. Die Regelung gelte bis 31. Dezember, sagte Regierungssprecher Dmitri Peskow. Zuvor hatte Regierungschef Wladimir Putin ein zeitweiliges Exportverbot befürwortet - auch für Produkte aus Getreide. Russland wollte in diesem Jahr 15 Millionen Tonnen exportieren.

Moskau hatte wegen der extremen Trockenheit die Prognose für die Getreideernte bereits deutlich nach unten korrigiert - auf etwa 70 Millionen Tonnen. Die Preise für Lebensmittel sind wegen der Dürre- und Brandkatastrophe schon um etwa 15 Prozent gestiegen.

Russland ist einer der weltgrößten Exporteure von Weizen. Daher erwarten Experten Turbulenzen auf den internationalen Getreidemärkten, wenn die Lieferungen ausbleiben. Falls die Wald- und Torfbrände sich weiter ausbreiteten, könnte sich nach Einschätzung der Vereinten Nationen weltweit auch das Holz verknappen.

Kritik an Regierung

Angesichts der seit Wochen wütenden Brände macht sich auch Ärger über die Politik breit. Besonders der Gouverneur Nikolai Winogradow des Gebiets Wladimir geriet unter Druck. In einem Brief an Kremlchef Dmitri Medwedew forderten mehrere hundert Einwohner bei Moskau die Entlassung von Gouverneur Winogradow. Dieser habe sich ausgeruht, während das Land verbrannte, schrieben die Bewohner.

"Das Ausmaß dieser Katastrophe zeigt den Zusammenbruch der Regierung", wetterte Kommunisten-Chef Gennadi Sjuganow. Er kritisierte vor allem das Waldgesetz, das der damalige Präsident und heutige Regierungschef Wladimir Putin 2007 erlassen hatte. Demnach sind Pächter oder örtliche Verwaltungen für die Brandvorsorge verantwortlich und nicht wie früher die Forstverwaltung.

Quelle: AFP/dpa