Panorama

Merkel nackt in DüsseldorfMillionen Narren trotzen Wetter

15.02.2010, 19:21 Uhr

Im Westen Deutschlands herrscht zurzeit Ausnahmezustand. Trotz Schnee und Eis feiern Millionen Jecken den Karneval in den Innenstädten. Ein besonderes Augenmerk gilt dem Düsseldorfer Rosenmontagszug: Dort wird Kanzlerin Merkel unanständig parodiert.

2paa3240-jpg7034341619818207204
Der "Sündenfall" in Düsseldorf. (Foto: dpa)

Trotz Schnees und Eiseskälte haben sich wieder Millionen Narren von den Rosenmontagszügen begeistern lassen. Allein in Köln kamen 1,3 Millionen, viele davon als Gorilla oder Bär in dicken Ganzkörper-Kostümen. Aber auch im Ruhrgebiet verfolgten eine Million Jecken die Züge.

Auf den Prunk- und Persiflage-Wagen in Köln, Düsseldorf und Mainz bekam die schwarzgelbe Regierungskoalition ihr Fett weg. So übernahm Bundeskanzlerin Angela Merkel in Köln am "Einschuldungstag" die Unterweisung der Erstklässler im Schuldenmachen. In Mainz spielten Merkel und ihr Vizekanzler Guido Westerwelle Lotto, um mit dem erhofften Gewinn die Steuern zu senken.

Die Düsseldorfer Jecken präsentierten fast schon traditionell eine nackte Kanzlerin: Unter dem Motto "Der Sündenfall" reckte sich eine rosige Angela Merkel im Eva-Kostüm einer Steuerflucht-CD entgegen, die ihr von einer Schlange angeboten wurde.

"Jeck wie can"

Auch den Streit um die Mohammed-Karikaturen griffen die Düsseldorfer auf: Ein abgeschlagener Narrenkopf erwies sich als zäh und biss einem heiligen Krieger ins Gesäß.

Da der Düsseldorfer Zug mit 69 Wagen unter dem Motto "Jeck we can" stand, durfte auch Barack Obama nicht fehlen. Die Jecken präsentierten ihn als abgestürzten Erlöser, der seinen Heiligenschein verloren hat.

2pad3638-jpg5884741665998365940
Auch die SPD bekam Spott ab. (Foto: dpa)

Nur Spott hatten die Karnevalisten in der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt für die SPD übrig: Der neue Parteivorsitzende Sigmar Gabriel ritt auf dem Gerippe eines Parteipferdes und kam nicht von der Stelle. In Mainz wurde Gabriel als "zartes Pflänzchen" eingetopft, seine vielen Vorgänger waren alle rasch verwelkt.

In Köln badete Silvio Berlusconi unter der Überschrift "Berlusconis G20-Gipfel" in einem Meer aus weiblichen Brüsten. Weitaus provokanter die Düsseldorfer: Sie zeigten den italienischen Ministerpräsidenten beim Sex mit einem Mafioso.

Kölner U-Bahn-Bau

Die Kölner hatten noch bis zuletzt an ihrem aktuellsten Motivwagen gefeilt, der die neuesten Enthüllungen zum Pfusch beim U-Bahnbau thematisierte: Ein dicker Elefant sitzt auf den Trümmern des eingestürzten Stadtarchivs die Probleme aus, während Stadt, Verkehrsbetriebe und Gutachter - symbolisiert durch drei Affen - nichts hören, sehen und sagen. In der Baugrube klaut ein Dieb derweil die stabilisierenden Eisenbügel.

2paa2038-jpg6130658094374120733
Die Jecken meinen: "No, he can't!" (Foto: dpa)

Als erstes startete um 10.30 Uhr der Kölner Rosenmontagszug: Mit über 11.000 Teilnehmern und 100 Fest- und Persiflage-Wagen war er wieder der größte Karnevalszug Deutschlands. Dieses Jahr war sein Weg mit sieben Kilometern sogar noch etwas länger, weil er einen Umweg um das eingestürzte Stadtarchiv machte. Das Motto des Zuges lautete "In Kölle jebützt" (In Köln geküsst).

Kamelle vom Laufband

Auch in Mainz setzte sich der Zug bei Schneegriesel und eisigen Temperaturen in Bewegung. Etwa 9800 Teilnehmer in Fußgruppen, zu Pferde und auf bunt geschmückten Wagen ließen sich das Feiern vom Winterwetter nicht verderben. Das Motto diesmal: "Bei uns in Meenz gilt die Devise, die Fassenacht kennt keine Krise". Aus zahlreichen Rucksäcken lugten Thermoskannen hervor, die Glühweinstände waren schon am Vormittag gut besucht.

In Mainz kamen nach Schätzungen der Polizei 400.000 Zuschauer, etwa 100.000 weniger als erwartet. Auch in Düsseldorf waren mit 750.000 Zuschauern witterungsbedingt etwas weniger Narren auf den Beinen als im letzten Jahr. Die Polizei hatte wenig zu tun. "Es ist ruhig und alles gut", sagte ein Kölner Polizeisprecher am Abend. "Und es schneit ja auch wieder, da bleibt es ruhig." Ähnlich äußerte sich die Düsseldorfer Polizei.

In Köln fuhr zum ersten Mal der neue Prinzenwagen mit einem besonderen "Kamelle-System" mit: Ein Laufband transportierte ständig neues Wurfmaterial nach oben. Der Prinz und sein Gefolge mussten nur noch zugreifen - Tütenaufreißen gehörte der Vergangenheit an. Die Kölner Karnevalsvereine brachten auch diesmal wieder 300 Tonnen Süßigkeiten unters Volk.

Aber nicht nur im Rheinland waren die Narren aktiv: Rottweil war wie jeden Rosenmontag eine Hochburg der schwäbisch-alemannischen Fastnacht. Beim traditionellen Narrensprung zogen rund 4000 Kleidlesträger durch die verschneite Altstadt und vollführten mit Hilfe ihrer Stangen wilde Sprünge.

Quelle: dpa