Panorama

"Eine nationale Katastrophe" Mindestens 73 Tote und 3700 Verletzte bei Explosionen in Beirut

In Beirut ereignen sich gewaltige Explosionen. Der Gesundheitsminister des Landes spricht von mindestens 73 Toten. Erste Anzeichen weisen auf ein Unglück, das hätte vermieden werden können.

In der libanesischen Hauptstadt Beirut sind bei schweren Explosionen zahlreiche Menschen getötet und verletzt worden. Nach Angaben der libanesischen Zeitung "Daily Star" sprach der Gesundheitsminister des Landes, Hassan, von mindestens 73 Toten und 3700 Verletzten. Ein Brand in einem Lagerhaus im Hafen Beiruts löste den Behörden zufolge die Explosionen aus. Vor allem die zweite war laut Augenzeugen verheerend, verwüstete weite Teile der Innenstadt.

Unter den Verletzten sind auch Mitarbeiter der deutschen Botschaft. "Auch das Gebäude, in dem sich die deutsche Botschaft befindet, wurde beschädigt", erklärte ein Sprecher des Auswärtigen Amts. Wie schwer die Schäden seien, sei noch unklar. Gegenwärtig könne nicht ausgeschlossen werden, dass weitere Deutsche unter den Opfern seien. Die Botschaft habe einen Krisenstab eingerichtet. Kanzlerin Angela Merkel erklärte, die Bundesregierung sei erschüttert. Man werde dem Libanon Hilfe anbieten.

Ministerpräsident Hassan Diab sagte in einer Fernsehansprache, die Verantwortlichen würden zur Rechenschaft gezogen. Sie würden "den Preis" für die Katastrophe bezahlen. Diab geht offenbar von einem Unfall aus. Er wolle einer Untersuchung nicht vorgreifen, aber Warnungen zu dem "gefährlichen Lagergebäude" habe es bereits 2014 gegeben. Details dazu nannte er nicht.

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(Foto: GABY MAAMARY via REUTERS)

Der Gouverneur von Beirut, Marwan Abboud, sagte nach Angaben des britischen "Guardian", dass auch Feuerwehrleute unter den Opfern seien. Vor den Detonationen hätten sie am Hafen versucht, ein Feuer zu löschen. "Sie kamen, um das Feuer zu bekämpfen, und dann sind sie verschwunden. Wir wissen nicht, wo sie sind. Wir sind hier, um nach ihnen zu suchen", sagte Abboud, der in Tränen ausbrach, während er mit den Reportern sprach. "Dies ist eine nationale Katastrophe." Der Hafen liegt nur wenige Kilometer von der Innenstadt Beiruts entfernt.

 

Ein Korrespondent des arabischen Senders Al-Dschasira sagte, Autos seien infolge der Detonationen drei Stockwerke hoch geschleudert worden und auf den Dächern von Fabriken gelandet. Das Seismologische Zentrum Europa-Mittelmeer (EMSC) meldete, die Detonationen seien noch im 240 Kilometer entfernten Zypern zu spüren gewesen. Sowohl die EU, Großbritannien und die USA als auch Israel und der Iran boten dem Libanon Hilfe an. Der französische Präsident Emmanuel Macron twitterte auf Französisch und Arabisch, Hilfe sei bereits unterwegs.

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Bereits vor der Ansprache des libanesischen Ministerpräsidenten hieß es, die Detonationen könnten in einem Lagerhaus verursacht worden sein. Es könnte sich um "hoch explosive Materialien" handeln, die "vor einer Weile" konfisziert worden seien, sagte Sicherheitschef Abbas Ibrahim. Innenminister Mohammed Fahmi sagte, die Detonationen könnten durch Ammoniumnitrat ausgelöst worden sein. Diese Substanz wird sowohl für die Herstellung von Sprengstoff als auch für Düngemittel benutzt.

Der Außenminister des Nachbarlandes Israel, Gabi Ashkenazi, sagte im israelischen Fernsehen, er sehe "keinen Grund, den Berichten aus Beirut nicht zu glauben, dass dies ein Unfall war".

Nach Angaben eines AFP-Reporters stand ein Schiff im Hafen von Beirut in Flammen. Über der gesamten Hafengegend war eine riesige Rauchwolke zu sehen. Der libanesische Präsident Michel Aoun berief den Obersten Verteidigungsrat zu einer Dringlichkeitssitzung ein. Auch die Residenz des Präsident wurde durch die Explosionen beschädigt. Die Regierung erklärte den Mittwoch zum Tag der nationalen Trauer.

Anwohner berichteten von zwei aufeinanderfolgenden Explosionen. Örtliche Medien zeigten Bilder von unter Trümmern feststeckenden Menschen, viele von ihnen blutüberströmt.

Ein Bewohner Beiruts schrieb bei Twitter von "bebenden Gebäuden". Ein anderer schrieb: "Beirut wurde gerade von einer gewaltigen, ohrenbetäubenden Explosion verschlungen. Ich habe es in meilenweiter Entfernung gehört."

Derzeit kein Hinweis auf einen Anschlag

Im Internet kursieren Fotos von zerstörten Fenstern an Wohnhäusern und Trümmern auf den Straßen. Ein Polizist sagte, die Schäden erstreckten sich kilometerweit. Kurz nach der Explosion fielen Telefon und Internet in der Stadt aus. "Wir saßen in unserem Wohnzimmer, und plötzlich fielen uns die Wand und Glas auf den Kopf", sagte ein Anwohner.

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(Foto: AP)

Wenige Kilometer vom Ort der Explosion entfernt waren 2005 der damalige libanesische Ministerpräsident Rafik Hariri und 21 weitere Menschen bei einem Sprengstoffanschlag getötet worden. Auch der Wohnsitz seines Sohnes, des früheren Ministerpräsidenten Saad Hariri, wurde bei der Explosion am Dienstag beschädigt.

USA kündigen Hilfe an

Die US-Regierung zeigte sich erschüttert über die verheerenden Explosionen und bot dem Land ihre Hilfe an. US-Außenminister Mike Pompeo sprach den Betroffenen sein "tief empfundenes Beileid" aus. Die USA stünden angesichts der "schrecklichen Tragödie" bereit, dem Libanon zu helfen.

Land in der Krise

Der Libanon durchlebt derzeit die verheerendste Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten. Fast die Hälfte der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze. Seit Mitte Juni befindet sich das libanesische Pfund im freien Fall, die Arbeitslosenrate steigt. Aus Protest gegen wochenlange massive Stromausfälle hatten Demonstranten am Dienstag versucht, das Energieministerium in Beirut zu besetzen. In Teilen des Landes hatte es in den vergangenen Wochen bis zu 20 Stunden am Tag keinen Strom gegeben.

 

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Zuletzt hatten sich auch die Spannungen zwischen dem Libanon und dem Nachbarland Israel wieder erheblich verschärft. Ende Juli hatte die israelische Armee erklärt, einen "Infiltrationsversuch" im israelisch-libanesischen Grenzgebiet vereitelt zu haben. Demnach hatte eine Gruppe aus bewaffneten Männern die sogenannte Blaue Linie im umstrittenen Berg-Dow-Gebiet in den Golanhöhen überquert. Israel macht die radikalislamische Hisbollah-Miliz für den Vorfall verantwortlich, der Libanon warf Israel seinerseits eine "gefährliche Eskalation" vor.

Die Explosionen in Beirut ereigneten sich zudem nur wenige Tage, bevor am Freitag vor einem Sondergericht in Den Haag das Urteil im Prozess um den tödlichen Anschlag auf Rafik Hariri fällt. Vier angebliche Mitglieder der schiitischen Hisbollah-Miliz sind wegen des Selbstmordanschlags auf den sunnitischen Politiker angeklagt. Der Prozess findet in Abwesenheit der Angeklagten statt. Viele Libanon machen die Führung des Nachbarlandes Syrien für den Anschlag auf Hariri verantwortlich. Er hatte vor seinem Tod den Abzug der damals im Libanon stationierten syrischen Truppen verlangt.

Quelle: ntv.de, hvo/ysc/bad/AFP/dpa