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Glaube und Aberglaube Moderne Hexen sind Ich-AGs

"Hokuspokus fidibus, abrakadabra und hex, hex!" Zur Walpurgisnacht im Harz rufen wieder Zehntausende diese Zauberformeln. Der Hexentanz wird gefeiert wie Karneval. Unbehagen löst das bei den "modernen Hexen" aus, die meinen, über echte magische Kräfte zu verfügen.

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Hexen wie Renate Pahl beschwören vor allem die "weiße Magie".

(Foto: dpa)

Pythia schwingt ihren Zauberstab aus Weidenholz im Uhrzeigersinn - und öffnet das Tor zur Anderswelt. Zusammen mit ihrer Hexenschwester steht sie an einem Kreis aus Kerzen. Sie sieht konzentriert aus, ihre strahlend blauen Augen sind leicht zusammengekniffen. Ihr Blick fällt auf das Ehepaar, das in der Mitte des Kerzenkreises sitzt. Die Hände der Frau und des Mannes hat Pythia mit einem Band umwickelt. Zu ihrem zehnten Hochzeitstag haben sich die beiden entschieden, ein Hexenritual mitzumachen.

"Eko, eko, azerak, eko, eko, zamelak, eko, eko, karneina, eko, eko, aradia." Mit diesen Worten ruft Pythia erst die Wächter und dann Gott und Göttin aus der Anderswelt in den Kreis. Sie sollen dafür sorgen, dass die Wünsche des Paares in Erfüllung gehen. In kleiner Schrift stehen sie auf einem Blatt Papier. Pythia hängt es auf einen Draht über einem mit einem Halbmond und einem Stern bemalten Teller. Dann verbrennt sie die Wünsche in einem Kessel aus Kupfer.

"Ich bin eine Hexe", sagt Renate Pahl und guckt dabei ganz ernst. Sie sitzt an einem gewöhnlichen Holztisch in ihrem Haus im Harz, im idyllischen Dorf Langelsheim. Durch ein geöffnetes Fenster dringt Vogelgezwitscher in ihr Wohnzimmer. Pahls henna-rot gefärbte Haare sind kurz und stehen vom Kopf ab. Sie ist kein lebendes Klischee: Eine Hakennase, Warzen im Gesicht oder gar einen schwarzen Raben auf der Schulter hat die 63-Jährige nicht. Einzig der schwarze Rollkragen-Pullover und eine Kette mit einem Spinnen-Anhänger, so groß wie eine Hand, geben ihr etwas Geheimnisvolles.

Walpurgisnacht im Harz

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Wenn im Harz die Hexen tanzen, ist der Winter zu Ende. Die Walpurgisnacht läutet immer am 30. April die warme Jahreszeit ein.

(Foto: dpa)

Die andächtige Ruhe vor Pahls Haustür wird am Samstagabend gestört: Wie jedes Jahr kommen am 30. April zehntausende Kostümierte in den Harz und wollen vor allem eins - feiern. Nach altem Volksglauben der Heiden soll sich hier ein Hexentreffen der besonderen Art abgespielt haben. In der Walpurgisnacht ritten die Hexen auf ihren Besen auf den Brocken, um mit dem Teufel Orgien zu feiern. Johann Wolfgang von Goethe beschrieb in seinem "Faust" das wilde Treiben - und machte es berühmt.

Der Name des Festes geht zurück auf die Heilige Walpurga (710-779), der Schutzpatronin gegen Pest, Tollwut und Aberglauben. Inzwischen ist die Furcht vor mystischen Bräuchen der Lust auf Verkleidung, lauter Musik und viel Alkohol gewichen. Mit "echter Magie", wie Pahl sie nennt, hat der Trubel nichts zu tun.

Wahre Hexenkunst

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Pythia leitet Hexenrituale und sorgt durch Handauflegen für Linderung und Heilung.

(Foto: dpa)

"Vor 30 Jahren habe ich erkannt, dass ich eine magische Gabe habe", erzählt Pahl. Seitdem nennt sie sich Pythia, nach der Priesterin im griechischen Orakel von Delphi. Unter ihrem Hexennamen leitet sie Hexenrituale, will durch Handauflegen Schmerzen lindern und heilen und mischt Kräutersäckchen für Wohlstand und Glück. "Zu mir kommen Menschen, die Hilfe brauchen und etwas für die Erfüllung ihrer Wünsche tun wollen", sagt sie. "Dass ich eine Hexe geworden bin, liegt sicher auch in den Genen."

Hexen wie Renate Pahl beschwören vor allem die "weiße Magie": Mit ihren magischen Kräften wollen sie nicht Böses tun, sondern heilen, weissagen und für Schutz und Liebe sorgen. "Jede Hexe entscheidet selbst, wie sie ihre Energie nutzen will."

Erlernbare Gabe

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Ein altes Buch mit Heilsprüchen.

(Foto: dpa)

Moderne Hexen sind Ich-AGs. Im Internet werben sie für ihre Dienste, sie schreiben Bücher und verkaufen Kräuterkissen. Die "weißmagische Hexe" Petra Göbel aus Emden nahe der Nordsee bietet Kartenlegen, Mond-Rituale und Lebensberatung an. "Es geht nicht um Hokuspokus, sondern darum, meine mentale Energie weiterzugeben", sagt sie. Stefanie Glaschke aus Mönchengladbach geht sogar noch weiter: Sie ist Hexenlehrerin und unterrichtet online rund 70 Hexenschüler. "Ich gehe davon aus, dass jeder magische Fähigkeiten hat", meint sie. "Sie sind nur verschüttet."

Kritik am Glauben an hexische Fähigkeiten kommt aus der Kirche. "Wenn Hexerei nicht mehr nur ein Rollenspiel ist, kann es gefährlich werden", betont Michael Utsch, Beauftragter für Weltanschauungsfragen der evangelischen Kirche. Im Menschen schlummerten zwar Kräfte, die naturwissenschaftlich nicht erklärbar seien. "Aber Hexen haben in der christlichen Lebensdeutung nichts verloren." Schließlich seien Engel und Hexen historische Gegenspieler.

"Der Glauben an Hexerei ist zu einer Alternativreligion geworden", meint auch der Kulturanthropologe Wolfgang Gabbert, Professor an der Universität Hannover. Er erklärt sich die Motivation vieler Menschen mit den grundsätzlichen Fragen des Lebens nach Liebe und Tod: "Kulte wie zum Beispiel Hexenrituale setzen immer an einer Sinnsuche an."

Ungebrochene Faszination

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Selbst zusammengestellte Kräutermischungen sollen für Wohlstand und Liebe sorgen.

(Foto: dpa)

In der Vergangenheit wurden Hexen pauschal für das Unglück in der Welt verantwortlich gemacht. Wenn Vieh starb, die Ernte ausblieb oder tödliche Krankheiten wie die Pest grassierten, sahen die meisten Menschen die Schuld in einer Hexe. Tausende Frauen - aber auch Männer - wurden seit dem späten Mittelalter öffentlich verbrannt. Als letztes Opfer gilt die Dienstmagd Anna Göldi. "Sie wurde 1782 in Glarus in der Schweiz wohl als letzte Hexe in Europa legal hingerichtet", sagt Gabbert. Auch heute noch werden böse Mächte für Krankheit und Tod verantwortlich gemacht. In Afrika zum Beispiel herrscht die Überzeugung Hexen sorgten für den Ausbruch von Aids. Aber auch in Deutschland ist der Glauben an Schaden und Verwünschungen durch "schwarze Magie" weiter verbreitet als angenommen.

"Laut Umfragen glauben 10 bis 20 Prozent der Deutschen an böse Hexerei", sagt Gabbert. Bei Schicksalsschlägen werden Menschen beschuldigt, sie hätten im Schlaf ihre Seele ausgeschickt, um anderen zu schaden. "Verdächtigt werden fast immer Menschen aus dem Nahbereich, Nachbarn zum Beispiel." Die positive Betrachtung von Hexen existiere erst seit der deutschen Romantik vom Ende des 18. Jahrhunderts an: "Hier gab es eine Umdeutung von bösen Hexen zu weisen und kräuterkundigen Frauen."

Doch auch die Faszination für Magie und Zauberei ist ungebrochen. Viele Helden der Kindheit haben mit Hexerei zu tun: Mehr als 400 Millionen Harry-Potter-Bücher wurden weltweit verkauft. Viele Kinder sind mit Otfried Preußlers Kinderbuch-Klassiker "Die kleine Hexe" aufgewachsen - und der Hexenspruch "Eene meene mei, flieg los, Kartoffelbrei. Hex hex" von Bibi Blocksberg plingt fast jedem Mädchen in den Ohren.

"Flucht aus der Realität"

"Unsere Liebe zur Hexerei hat mit unseren Allmachtsfantasien zu tun", erklärt Wissenschaftler Gabbert. Jeder Mensch träume davon, Dinge bewegen und fliegen zu können. "Die Hexenrituale sind vor allem eine Flucht aus der Realität - genau wie bei Computerspielen." Hier kann sich jeder seine eigene Wirklichkeit aufbauen und zu einer anderen Persönlichkeit werden.

"Hexensilvester" nennt die Hexe Pythia die Walpurgisnacht. "Aber was da im Harz passiert, ist vor allem Folklore", sagt Pahl energisch mit einem Blitzen in den Augen. "Touristisch ist das okay, aber als echte Hexe ist mir das Treiben aus tiefsten Herzen zuwider." Deswegen werde sie nicht auf dem Brocken tanzen, sondern mit ihren Hexenschwestern ein Ritual begehen - mit einem Kreis aus Kerzen und dem Ruf an Wächter, Gott und Göttin. Dieses Mal wird aber sie ihren eigenen Wunsch in die Anderswelt schicken: "Alle Welt möge das Hexengesetz beherzigen - das da lautet "Tu, was du willst, aber schade niemandem!"

Quelle: n-tv.de, Anja Hübner, dpa

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