Tropensturm verschont ÖlleckÖlpest erreicht Mississippi

Nach Louisiana, Alabama und Florida erreicht die Ölpest im Golf von Mexiko nun auch den Staat Mississippi. Entwarnung gibt es immerhin von den Meteorologen. Der Tropensturm "Alex" wird die Unfallstelle voraussichtlich nicht treffen. Für den Ölkonzern BP werden derweil die Kosten immer höher.
Knapp zehn Wochen nach Beginn der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko hat die rostbraune Schmiere erstmals auch die Küste des US-Staates Mississippi erreicht. Ein Lichtblick im anhaltenden Desaster: Tropensturm "Alex" zog in sicherem Abstand von der Öl-Unfallstelle über das Meer in Richtung Mexiko. Damit blieben die Absaug- und Reinigungsarbeiten weiter unbeeinträchtigt. Meteorologen gehen aber von einer unruhigen Hurrikan-Saison aus, die noch bis zum 30. November geht.
Kosten für BP steigen weiter
Die Kosten für den Kampf gegen die Umweltkatastrophe steigen derweil für den Ölkonzern BP immer schneller an. In den vergangenen drei Tagen habe das Unternehmen 300 Millionen US-Dollar (243 Millionen Euro) gezahlt, teilte BP in London mit. Erstmals erreichten die Kosten pro Tag damit die 100-Millionen-Marke. Insgesamt hat der Konzern inzwischen für die Beseitigung der Umweltschäden, für Ausgleichszahlungen an Betroffene und die Rettungsmaßnahmen 2,65 Milliarden US-Dollar gezahlt.
Bisher war das meiste Öl an die Küste von Louisiana gespült worden, vereinzelt sind aber auch Strände in Alabama und in Florida betroffen. Am Sonntag wurden nun auch die ersten größeren zähflüssigen Ölflecken an zwei Urlauberstrände in Mississippi entdeckt. Führende Staatspolitiker riefen BP auf, mehr zum Schutz ihrer Küste zu tun.
BP versuchte derweil bei einem Krisentreffen in Moskau russische Bedenken an dem Unternehmen zu zerstreuen. BP-Chef Tony Hayward habe Vize-Regierungschef Igor Setschin zugesagt, dass das Unternehmen im Riesenreich unverändert aktiv bleiben wolle, teilte eine Sprecherin Setschins mit. Russland gehört zu den lukrativsten BP-Einsatzgebieten. Setschin war vor dem Treffen mit der Aussage zitiert worden, Hayward stehe angeblich vor dem Rücktritt. Diese Frage sei aber bei dem Treffen im Moskauer Sitz des Rosneft-Konzerns, an dem BP beteiligt ist, nicht besprochen worden, sagte die Sprecherin.
Sturm zieht am Bohrloch vorbei
Immerhin zeigt sich "Alex" anscheinend gnädig. Er hielt sich auf seinem nordwestlichen Kurs, weit genug von der Stelle entfernt, an der die Bohrinsel "Deepwater Horizon" am 22. April nach einer Explosion gesunken war. Bleibt es dabei, was als zunehmend wahrscheinlich gilt, könnte das Absaugen von Öl aus dem Bohrloch am Meeresboden auch dann fortgesetzt werden, wenn der Sturm möglicherweise in zwei Tagen Hurrikan-Stärke erreicht.
"Alex" wird vermutlich am Donnerstag im texanisch-mexikanischen Grenzgebiet am Golf das Festland erreichen. Wegen "Alex" hatten die Ölkonzerne BP und Shell vorsorglich Bohrplattformen im Golf von Mexiko räumen lassen.
Heftige Unwetter könnten die Arbeiten zum Eindämmen der Ölpest bis zu zwei Wochen lahmlegen. Menschen, Schiffe und Ausrüstung müssten aus der Gefahrenzone gebracht werden. Meteorologen gehen von einer unruhigen Hurrikan-Saison aus, die noch bis zum 30. November geht. Damit würden auch die Verbindungen des Auffangtrichters über dem Ölleck zu Schiffen an der Oberfläche gekappt, das Öl würde dann wieder fast ungehemmt ins Meer fließen. Bislang fängt der Deckel über der defekten Quelle mehr als 2000 Tonnen Öl pro Tag ab.
Bundesregierung ratlos
Bei möglichen Unfällen auf Ölplattformen in der Nord- oder Ostsee laufen die Geschädigten einem Bericht der "Frankfurter Rundschau" zufolge Gefahr, leer auszugehen. Die Bundesregierung räume nach Angaben des Blattes ein, dass zentrale Fragen der Haftung sowohl im europäischen als auch im nationalen Rahmen ungeklärt seien. Eine Havarie wie im Golf von Mexiko würde zahllose Rechtsprobleme aufwerfen. Eine Katastrophe wie auf der "Deep Water Horizon" könne sich in deutschen Gewässern mangels Bohrtiefe zwar kaum ereignen, wohl aber in den benachbarten Förderregionen Norwegens und Großbritanniens.
Auf die Frage, was die Bundesregierung unternehme, um vergleichbare Havarien in der Nachbarschaft Deutschlands zu vermeiden, hieß es der FR zufolge, man begrüße "die Initiative der Europäischen Kommission, den maßgeblichen EU-Rechtsrahmen einer Überprüfung zu unterziehen". Dies gehe aus einer der FR vorliegenden Antwort des Wirtschaftsministeriums auf eine parlamentarische Anfrage der Grünen hervor.
OPEC gegen "voreilige Schlüsse"
Die EU und die Organisation ölexportierender Staaten (OPEC) sind offenkundig uneins über die gebotene Reaktion auf den Ölunfall im Golf von Mexiko. "Diese Tragödie wirft sehr ernste und dringende Fragen hinsichtlich dieser Maßnahmen (zur Ölförderung) auf", sagte EU-Energiekommissar Günter Oettinger in Brüssel nach einem Gespräch mit führenden Vertretern der OPEC.
"Ich bin sicher, dass wir alle uns die Vorschriften anschauen werden. Aber wir sollten nicht in Panik verfallen und ohne genaue Untersuchungen voreilige Schlüsse ziehen", sagte OPEC-Generalsekretär Abdalla Salem El-Badri. "Wir wissen nicht, was da im Golf von Mexiko passiert ist. Im Moment gibt es für uns keinen Grund, British Petroleum zu verurteilen." El-Badri bedauerte das vorübergehende US-Verbot von Ölbohrungen im Meer: "Ich hoffe, das wird nicht lange dauern. Ich hoffe die USA werden diese Entscheidung überprüfen."
Oettinger sagte hingegen, der Ölunfall im Golf von Mexiko drohe "unseren Zugang zu den benötigten Ressourcen zu begrenzen". Als EU-Kommissar müsse er "in verbindlicher Weise jenen Bürgern antworten, die sich durch Ölförderung in den Gewässern der EU bedroht oder verunsichert fühlen". Daher müssten "alle relevanten Faktoren offen diskutiert werden".