Panorama

Faszination für Wesen in OstseePsychologe: Gestrandeter Wal ist "Schicksal-Analogie unseres Lebens"

22.04.2026, 11:04 Uhr IMG_9087Von Max Patzig
00:00 / 04:19
Der-Buckelwal-liegt-wieder-vor-der-Insel-Poel
Der Buckelwal liegt weiter in der Kirchsee an der Insel Poel. (Foto: picture alliance/dpa)

Ein Buckelwal hält seit Wochen ganz Deutschland auf Trab. Er liegt in der Ostsee und rührt sich nur widerwillig vor den Augen Tausender Menschen. Woher kommt die Begeisterung für das Tier?

Deutschlandweit fiebern Tausende mit dem in der Ostsee gestrandeten Buckelwal mit. Auch über die Landesgrenzen hinaus richten sich die Blicke zur Insel Poel, wo er zum insgesamt fünften Mal gestrandet ist. Doch woher kommt diese Faszination für das riesige Tier? "Da sind zwei Phänomene", erklärt Psychologe Stephan Grünewald. "Der Wal ist einerseits ein archaisches Urtier", führt er im Gespräch mit ntv.de aus. "Er repräsentiert durch seine schiere Größe wie kaum ein anderes Tier Mutter Natur - also die Natur, die schöpferisch ist, die uns aber auch wohlgesinnt ist."

Der Experte zieht einen biblischen Vergleich: "Es gibt ja diese Parabel von Jonas, der im Bauch eines Wals landet, aber nicht wie vom Hai zerfetzt, sondern wieder ausgespuckt wird. Und damit hat der Wal als Sinnbild für Mutter Natur wirklich auch eine fürsorgliche, eine mütterliche Seite." Zu dieser Analogie passe, dass der Mensch sich als Baby ebenfalls im Bauch eines anderen Menschen befand und entwickelte. "Der Wal erinnert uns, dass wir alle Kinder von Mutter Natur sind. Darum fühlen wir uns der Natur und dem Wal verbunden und hoffen, ihn auch wieder flottmachen zu können", sagt Grünewald, Gründer des Rheingold-Instituts.

In der zweiten Dimension bezeichnet der Marktforscher den Buckelwal als "Schicksal-Analogie unseres eigenen Lebens". Viele Menschen hätten das Gefühl, "im falschen Fahrwasser" zu sein. "Das ganze Land ist mittlerweile in einem Zustand der Manövrierunfähigkeit." Die Menschen würden sich festgefahren und ohnmächtig fühlen. Der Wal sei somit ein Gleichnis "für unsere eigene Befindlichkeit", sagt Grünewald. "Das erklärt auch diese immense Hoffnung: Wenn wir den Wal flottmachen, dann machen wir uns und unser Land auch wieder flott."

Experte: Schicksal des Wals nicht vergleichbar

Dass sich im Internet viele Menschen mit dem Meereslebewesen solidarisieren und seine Rettung fordern, liegt laut Physiker Holm Hümmler daran, dass der Wal über die Jahre zu einem Symbol des Umweltschutzes wurde. Im Kampf gegen Walfang hätten große Organisationen "das Leben von einzelnen Walen sehr stark emotionalisiert", erklärt Hümmler ntv.de. "Leute, die ihr Leben riskiert haben, um Walfang zu stören, sind sehr positiv bewertet worden und haben Heldenstatus erlangt." Jetzt würden einzelne Personen versuchen, diese positive Bewertung auf sich zu übertragen, indem sie sich ebenfalls für das Tier einsetzen.

Der gestrandete Wal stehe in den Augen vieler Betrachter für "Ruhe und Friedfertigkeit". Hümmler könne dies aus seinen Walbeobachtungserfahrungen nicht ganz nachvollziehen. Buckelwale könnten sich auch ganz anders verhalten, als das gestrandete Exemplar dies jetzt tut. Sein Schicksal lasse sich "überhaupt nicht" mit denen der Wale vergleichen, um die es vor vielen Jahren einmal ging, sagt Hümmler deutlich.

Das hält Tausende Menschen dennoch nicht davon ab, diverse Livestreams im Internet zu verfolgen, in denen der Wal seit nunmehr drei Wochen vor der Küste Mecklenburg-Vorpommerns liegt - nahezu regungslos. Nur hin und wieder gibt es Anzeichen, dass das Tier noch lebt. Experten sind sich einig, dass man es in Ruhe lassen sollte. Die Rettungsmaßnahmen würden sich nicht positiv auf den Gesundheitszustand des Buckelwals auswirken. Eine Privatinitiative um Mediamarkt-Gründer Walter Gunz und Unternehmerin Karin Walter-Mommert versucht, das Leben des Meeresbewohners dennoch zu retten.

Quelle: ntv.de

WaleOstsee