Panorama

Clankriminalität in Neukölln "Remmo-Familie macht uns richtig Ärger"

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Neukölln will mit aller Härte gegen Clankriminalität vorgehen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Drogen-, Waffen- und Sprengstoffhandel: Erneut hat die Polizei zu einem Schlag gegen die Clankriminalität ausgeholt. Hunderte Polizisten durchsuchen am Donnerstagmorgen mehrere Objekte in Berlin und Umgebung - darunter auch welche in Neukölln, die dem berüchtigten Remmo-Clan gehören sollen. Solche Großrazzien seien in Neukölln mittlerweile keine Seltenheit, sagt der Jugendstadtrat, Falko Liecke. Er engagiert sich seit Jahren im Kampf gegen die organisierte Kriminalität. Im Gespräch mit ntv.de erklärt der CDU-Politiker welche Probleme die Clans in seinem Bezirk hervorbringen und warum es so schwer ist, gegen ihre Mitglieder vorzugehen.

ntv.de: Bei dem Großeinsatz der Berliner Polizei sollen die Beamten auch einen Kiosk in Neukölln durchsucht haben, der dem Remmo-Clan zugerechnet wird. Überrascht Sie das?

Falko Liecke: Das hat mich absolut nicht überrascht. Die Remmo-Familie macht uns richtig Ärger in Neukölln. Und das wiederum ärgert mich. Allein in der Jugendgerichtshilfe hat es die Justiz mit 248 Taten von mutmaßlich 23 Tätern unter 27 Jahren aus diesem arabischen Clan zu tun. Von Betrug über schwere Körperverletzung bis hin zum Mord ist alles dabei. Die Straftaten zeichnen sich durch ihre Massivität und auch Dreistigkeit aus. Daher finde ich es ganz wichtig und richtig, dass diese Razzien gemacht werden und die Vergehen mit aller Härte verfolgt werden.

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Falko Liecke ist seit 2009 Bezirksstadtrat in Berlin-Neukölln und seit 2011 auch stellvertretender Bürgermeister des Bezirks.

Wie groß ist das Problem der Clankriminalität in Berlin? Welche Dimensionen haben Clan-Verbrechen im Verhältnis zu anderen Straftaten?

Aus wirtschaftlicher Sicht ist Clankriminalität sicherlich nicht das größte Feld. Aber wenn nur eine Familie 77 Immobilien aus vermeintlich illegalem Geld erworben hat, geht es um große Summen. 10 bis 15 Millionen Euro stehen da im Raum. Zudem steht eine Haltung hinter den Clan-Machenschaften, die unser Gesellschaftssystem komplett ablehnt, keinen Respekt vor unseren Werten hat und eine Paralleljustiz geschaffen hat. Clans verstehen den Staat als Beutestaat. Es geht darum, möglichst viel Geld aus dem System zu pressen, um Einfluss und Macht in der Szene zu haben.

Wie äußert sich diese Macht?

Zum Beispiel sollen Kinder in der Schule vor dem Namen Remmo Angst haben. Und tatsächlich funktioniert das auch häufig, wenn gesagt wird: "Ich hole meine großen Brüder und dann gibt's auf die Fresse." Sie haben tatsächlich umfassenden Einfluss, auch wenn das normale Bürger in Neukölln nicht unbedingt mitbekommen, da sich vieles in der Parallelwelt der Clans abspielt. Das zeigt sich jetzt auch in den heftigen Revierkämpfen mit den Tschetschenen, um die es ja auch bei der Razzia ging. Unterschiedliche Gruppen versuchen, ihre Reviere neu abzustecken, um wirtschaftlichen Erfolg zu erzielen. Das wollen und müssen wir mit allen Mitteln verhindern.

Hat Clankriminalität in den letzten Jahren zugenommen?

Zumindest wird jetzt von den Behörden intensiver hingeschaut und ganz gezielt ermittelt. Das Problem gibt es allerdings schon viel länger, wenn auch vielleicht nicht in der Intensität. Doch die Politik hat viel zu lange weggeschaut. Es wurde als Integrationsproblem abgetan und als nicht besonders wichtig erachtet. Bis die begangenen Straftaten so intensiv wurden, dass man Clankriminalität nicht mehr ignorieren konnte.

Auch Sie haben sich dem Kampf gegen diese besondere Form der organisierten Kriminalität angeschlossen. Wie kam es dazu?

Ich bin seit 2011 Jugendstadtrat, und da ist mir aufgefallen: Warum habe ich eigentlich so viele jugendliche Straftäter aus einer Familie? Daher haben wir in Neukölln als einziger Bezirk eine Arbeitsgruppe zu Kinder- und Jugendkriminalität eingerichtet. Uns fällt dabei immer wieder auf, dass die Remmo-Familie offensichtlich nicht in der Lage ist, ohne Kriminalität auszukommen. Und deshalb wollen wir auch massiven Druck auf sie ausüben.

Wie reagieren Clan-Mitglieder auf Ihr Engagement?

Sie fühlen sich zu Recht verfolgt. Auf meiner Instagram-Seite bekomme ich Nachrichten von Mitgliedern, die mich mit Nazis vergleichen und behaupten, dass ich ähnlich wie bei der Judenverfolgung Jagd auf arabischstämmige Menschen mache. Solche irren Vergleiche gibt es häufiger, weil wir hier in Neukölln solche Formen der Kriminalität nicht länger akzeptieren.

Immer wieder ist von großangelegten Razzien wie von heute in dem Milieu zu hören. Auch Gerichtsprozesse sind inzwischen keine Seltenheit. Doch meist bleiben sie eher ergebnislos. Warum ist es so schwer, gegen Clans und deren Mitglieder anzukommen?

Es ist anders als bei Rockerbanden, Rechts- oder Linksextremisten oder Islamisten. Da schließt man sich einer bestimmten Ideologie an und tritt dann quasi in eine Organisation ein. Ob man aber einem Clan angehört, ist mit der Geburt festgelegt. Mitglieder wachsen da rein und sind Teil einer Familienstruktur. Somit ist es unmöglich für Ermittler, jemanden von ihnen in diese Strukturen reinzubringen. Bei Rockerbanden oder Extremisten gelingt es durchaus, mal einen V-Mann zu installieren. Die Hauptorganisation bei Clans ist jedoch die Familie, und somit werden auch nur Familienmitglieder in die Geschäfte involviert. Außenstehende haben da gar keinen Zugriff. Deshalb ist es so schwer, gegen Clans vorzugehen.

Wie könnte man es dennoch schaffen?

Es ist dringend notwendig, dass die Polizei nicht nur Telefonüberwachung machen kann, sondern auch die Wohnungen und Autos abhören darf. Denn nur so kommen sie an Informationen. Sonst haben sie keine Chance. Die Hürden für solche Überwachungen sind allerdings sehr hoch.

Gibt es Clan-Mitglieder, die ausgestiegen sind oder aussteigen wollen?

Sie haben kaum eine Chance auszusteigen. Denn ein Ausstieg bedeutet die völlige Abnabelung von der ganzen Familie. Und viele wollen das nicht. Zudem ist der Druck auf Einzelne, die raus wollen, gigantisch. Daher bin ich der Meinung, dass man nur denen helfen kann, aus der Kriminalität auszusteigen. Und tatsächlich haben wir auch bei der Familie Remmo einen Arm, bei dem uns das gelingt. Die Familie ist sehr groß, und deshalb darf man auch nicht alle in einen Topf schmeißen. Es gibt auch völlig redliche und unbescholtene Remmos, die nichts mit Kriminalität zu tun haben.

Mit Falko Liecke sprach Hedviga Nyarsik

Quelle: ntv.de