Panorama

"Danke an die blöden Franzosen!" Saarbrücken fürchtet Sex-Touristen

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Das Saarbrücker Großbordell ist derzeit noch eine Baustelle. Ab Februar soll es vor allem französische Sex-Touristen locken.

(Foto: picture alliance / dpa)

In Frankreich berät das Parlament über ein scharfes Gesetz gegen Prostitution. Mit Spannung wird das in Saarbrücken verfolgt. Schon jetzt kommen zahlreiche Franzosen über die Grenze, denn Deutschland ist Sex-Paradies. Nun fürchtet die Stadt, überrollt zu werden.

Jürgen Rudloff wird in Saarbrücken nicht mit offenen Armen empfangen. Rund 4,5 Millionen Euro investiert der Stuttgarter Unternehmer im Stadtteil Burbach - eigentlich eine tolle Nachricht, wäre Rudloffs Geschäft nur nicht so umstritten. Den "Bordell-König" nennen sie den braungebrannten Mann auch. Mit dem Saarbrücker Bau will sich der König ein weiteres Diadem aufsetzen: 4500 Quadratmeter groß soll der Sex-Tempel werden, den Rudloff im Februar eröffnen möchte. Mit seinem Geschäft will er von der Nähe zu Frankreich profitieren. Vor allem französische Männer sollen sich in dem unscheinbaren und von Bäumen umgebenen Bau stundenweise Frauen kaufen können.

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Jürgen Rudloff betreibt schon mehrere Großbordelle. In Saarbrücken will er die Nähe zu Frankreich ausnutzen.

(Foto: imago stock&people)

Anders als in Deutschland ist Rudloffs Geschäftsfeld in Frankreich nicht nur verpönt, sondern Bordelle auch seit 1946 verboten. Während derzeit Prostituierte für das Anwerben von Freiern bestraft werden, soll sich der Spieß bald umdrehen. Einige französische Politiker fordern, künftig die Kunden der Liebesdamen zur Kasse zu bitten. Am heutigen Freitag beginnen in der Nationalversammlung die Beratungen über ein entsprechendes Gesetz.

1500 Euro Strafe soll der Kauf von Sex bald kosten, 3000 Euro die Wiederholungstat - sofern das Gesetz denn durchkommt. Haben die Befürworter Erfolg, steht Saarbrücken womöglich ein Ansturm von Sex-Touristen bevor. Das Saarland droht zur heißesten Adresse für Puff-Gänger zu werden. Die französische Grenze ist gleich nebenan, von der Stadt Metz sind es 70 Kilometer bis nach Saarbrücken, von Nancy aus 120.

"Für uns ist das eine Bingo-Karte"

Im Vergleich zu Frankreich ist Deutschland ultraliberal in Sachen Prostitution. Das Geschäft mit dem Sex boomt: Mindestens eine Million Männer lassen sich jeden Tag von 400.000 Sexarbeiterinnen bedienen, heißt es immer wieder. Eindeutige Zahlen gibt es nicht. Das Statistische Bundesamt beziffert den Umsatz im deutschen Rotlicht-Gewerbe auf jährlich 14 Milliarden Euro. Bordellbetreiber Rudloff nimmt sich ein Stück vom Kuchen. Sein kleines Imperium umfasst mittlerweile "Wellness-Oasen" mit dem gewissen Extra in Stuttgart, Frankfurt, Graz und Salzburg, neben Saarbrücken werden Sylt und das österreichische Villach folgen. Für München, Hamburg und Köln/Düsseldorf gibt es Pläne, wie Rudloffs Marketing-Chef Michael Beretin n-tv.de sagt.

Beretin hofft, dass das französische Anti-Prostitutions-Gesetz durchkommt und Tausende liebeshungrige Franzosen über die Grenze strömen. "Für uns ist das eine Bingo-Karte", jubiliert er. "Danke an die blöden Franzosen!" Nach Beretins Darstellung sind er und Rudloff sehr willkommen in der saarländischen Hauptstadt. Schließlich würden sie den käuflichen Sex von der Straße holen. Obwohl ein Sprecher der Stadt mittlerweile von einem "unerträglichen Maß" an Prostitution spricht, sei das Großbordell willkommen, behaupten die Erotik-Unternehmer. "Wir haben ein super Verhältnis zur Oberbürgermeisterin, Frau Britz. Sie kann aber als SPD-Frau nicht offen sagen: 'Wie schön, dass ihr kommt.'"

Die Stadt wiederum sieht das ein bisschen anders. Zur angeblichen Freude in Saarbrücken sagt Rechtsdezernent Jürgen Wohlfarth: "Das ist die Darstellung der Betreiber. Froh ist hier keiner." Nur leider sei es so, dass Rudloff einen Rechtsanspruch besitzt. Sein Bordell ist ein Gewerbebetrieb - und rein formell gibt es keinen Grund, diesen zu verbieten. Denn anders als in Frankreich ist die Prostitution hierzulande völlig legal.

Die Freier wollen es immer billiger

Beretin verspricht vollmundig ein sicheres, hygienisches und sauberes Haus, Steuereinnahmen und keine Belästigungen für Anwohner, weil das neue Sex-Paradies in einem Gewerbegebiet liege. Auch die Damen seien sicher: "Jede Frau wird datentechnisch komplett erfasst. Wir haben auch einen engen Kontakt zur Polizei." Auch wenn die Frauen nicht angestellt würden, sondern als Gäste gelten, verlange das Bordell regelmäßige Nachweise vom Gynäkologen.

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Barbara Filipak berät Prostituierte in Saarbrücken.

(Foto: picture alliance / dpa)

Barbara Filipak glaubt hingegen nicht, dass sich am Problem der Straßenprostitution etwas ändern wird. Die Mitarbeiterin der Prostituierten-Beratung Aldona meint: "Es gibt ja schon jetzt viele Bordelle in der Nähe. Und die Frauen, die auf der Straße arbeiten sind nicht diejenigen, die dann zu Herrn Rudloff gehen." Auf den Straßen stünden zumeist Bulgarinnen und Rumäninnen. "Viele sind Analphabetinnen oder haben gerade mal drei Schulklassen absolviert", erzählt Filipak. Etwa 800 bis 1000 Liebesdamen vermutet sie schon heute in Saarbrücken. Die Frauen arbeiteten unter härtesten Bedingungen: "Die Freier wollen immer weniger zahlen, immer häufiger Sex ohne Kondom und verlangen immer häufiger Praktiken, von denen die Frauen vorher noch nie etwas gehört haben."

Zu dem geplanten Anti-Prostitution-Gesetz in Frankreich hat die Beraterin ein gespaltenes Verhältnis. Es werde wohl nicht dabei helfen, das Geschäft mit dem käuflichen Sex einzuschränken, glaubt sie. Jedoch sei zu hoffen, dass sich die Franzosen an den Schweden orientieren. Dort sei das Verbot der Prostitution auch verbunden mit Aufklärung in Schulen. "Jungs lernen schon früh, dass man keiner Frau für Sex Geld anbieten darf. Hier in Deutschland ist die Prostitution aber mittlerweile gesellschaftsfähig geworden."

"Dreckskerle" fordern: "Finger weg von meiner Hure"

Den französischen Politikern ist es zuallererst ernst mit dem strikten Verbot käuflicher Liebesdienste. Sozialistische Abgeordnete und die französische Frauenrechtsministerin Najat Vallaud-Belkacem nennen ihre Initiative "Gesetz zur Verstärkung des Kampfs gegen das System Prostitution". Die Meinungen sind quer durch alle politischen Lager gespalten, viele lehnen das Gesetz ab. "Prostituierte sind Opfer", sagt dennoch ganz entschlossen die Abgeordnete Maud Olivier, die den Gesetzentwurf maßgeblich vorantreibt. Sie will Freier unter anderem zu sozialer Arbeit verdonnern und sie über das "entwürdigende Frauenbild" aufklären, was durch die Prostitution verbreitet werde.

Aber auch dagegen gibt es eine Initiative: ein Appell von 343 selbst ernannten "Dreckskerlen". In ihrem Manifest heißt es: "Finger weg von meiner Hure". Zu den Unterzeichnern gehören unter anderen in Frankreich bekannte Journalisten und Schriftsteller. Sie bekennen sich dazu, die Dienste von Huren in Anspruch zu nehmen oder es künftig tun zu wollen. Sie als potenzielle Freier wollen sich nicht kriminalisieren lassen.

Vor der Verschärfung des Gesetzes warnt auch die Prostituierten-Gewerkschaft "Strass". Sie und viele andere Sozialarbeiter fürchten, dass die Prostitution noch stärker völlig verborgen stattfindet. Diese Arbeit fern der staatlichen Kontrolle tue sei eine große Gefahr für die Prostituierten.

Quelle: n-tv.de