Panorama

Streiks bei klirrender KälteSo verhöhnt man bibbernde Steuerzahler

03.02.2026, 10:40 Uhr
imageEin Kommentar von Thomas Schmoll
Berlin-Stadtbild-Berlin-Koepenick-Streik-im-Berliner-Nahverkehr-im-Bild-Strassenbahn-an-der-Haltestelle-Stadion-An-der-Alten-Foersterei-in-Berlin-fuhren-die-Strassenbahnen-als-Betriebsfahrt-damit-die-Oberleitungen-nicht-zufrieren-Fahrgaeste-durften-aber-nicht-zusteigen-02-02
Auf Betriebsfahrt, damit die Oberleitungen nicht zufrieren: eine Tram beim Verdi-Streik in Berlin. (Foto: picture alliance / Matthias Koch)

Streik ist völlig in Ordnung in einer Demokratie. Doch Solidarität zu predigen und egoistisch zu handeln, ist eine andere Sache. Wer wie Verdi die wirtschaftliche Lage eines Landes ignoriert und Straßenbahnen an bibbernden Menschen vorbeifahren lässt, verhöhnt jene, die den öffentlichen Nahverkehr finanzieren.

Vor gar nicht so langer Zeit glich der Südwesten Berlins einer Geisterstadt. Als linksextremistische Kriminelle aus fragwürdigen Motiven - sie wollten "den Herrschenden den Saft abdrehen" - einen Anschlag auf das Stromnetz verübten, blieben mehrere Stadtteile stockduster. Mehr als 45.000 Haushalte und etwa 2200 Gewerbetreibende waren direkt betroffen: kein Licht, keine Heizung. Bewohner mussten, wenn sie nicht in Ausweichquartiere konnten oder wollten, in ihren kalten Heimen ausharren.

Gerade erlebte Berlin wieder Gespenstisches. Am Montag fuhren haufenweise Straßenbahnen durch die Gegend, ohne einen einzigen Gast an Bord. Nicht nur einige wenige glitten über die Schienen. Sondern Dutzende. Und das, obwohl die öffentlichen Verkehrsbetriebe im Warnstreik waren. Streikbrecher? Nein. Die Straßenbahnfahrer waren im Auftrag ewiger Glückseligkeit unterwegs: Sie hatten Wärme zu spenden. Nicht im Namen der Mitmenschlichkeit. Sie sorgten dafür, dass die Oberleitungen nicht wieder vereisen.

Die Berliner Verkehrsbetriebe BVG hatten darum gebeten. Oder gebettelt. Also willigte Verdi ein, die Straßenbahnen zu bewegen, aber eben ohne menschlichen Inhalt. Damit nicht wieder passiert, was eigentlich gar nicht erst passieren sollte. Eisregen hatte die Oberleitungen mit einer dicken Kruste aus gefrorenem Wasser überzogen. Tagelang hatten frostresistente Männer die Oberleitungen freigekratzt. In Handarbeit. Ja, richtig gelesen: alles mit den Händen. Meter um Meter. So geht Berlin, die Stadt, die tagelang über den Einsatz von Streusalz streitet und für eine Milliarde Euro Bäume pflanzt, um den Klimakollaps aufzuhalten. Irgendwann wird es Konzepte geben, wie Eisregen Oberleitungen nichts mehr anhaben kann. Gleich nach der konsequenten Verbesserung des Katastrophenschutzes.

Aber nun muss erst einmal dieser Winter überstanden werden. Damit die Kärrnerarbeit, all das Gekratze, am Streiktag nicht zunichtegemacht wird, rollten Straßenbahnen - "Betriebsfahrt" um "Betriebsfahrt" - durch die Berliner Gegend, neidisch verfolgt von staunenden oder traurigen Augen frierender Menschen mit bezahltem Monatsticket, die zur Arbeit oder ihr Kind in die Kita bringen wollten. Man muss kein diplomierter Hellseher sein, um zu erahnen, dass manch Bürgerin und manch Bürger den nicht-öffentlichen Verkehrsmitteln diverse Schimpfwörter und Flüche hinterherschickten.

Wer auf Einsicht hoffte, wurde wie Hunden vor der Kneipe klargemacht: Du musst draußen bleiben! Verdi, die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft, zeigte keine Gnade und verzichtete an diesem Tag – Streik ist Streik – auf alle Dienstleistungen, fuhr lieber leer durch die Gegend. Ein zeitlich gesehen kurzes, auf einen Tag beschränktes Ärgernis. Trost für alle: Die Leitungen müssen nicht erneut freigekratzt werden. Doch steckt dahinter ein dreister Akt von Menschen, die ihre Macht ausnutzen, den Staat zu erpressen, wie es Millionen Mitbürger nicht tun können, die ebenso gerne mehr Geld und mehr Ruhepausen und mehr Urlaub hätten.

Streik ist völlig in Ordnung in einer Demokratie. Doch wenn die gesamtgesellschaftliche sowie die konjunkturelle Lage ignoriert werden und das Timing so verdammt schlecht gewählt ist, Straßenbahnen an bibbernden Menschen auch noch eiskalt vorbeifahren, verhöhnt man jene Leute, die jeden Tag ihrem Beruf nachgehen, um genau die Steuergelder zu kreieren, die die Finanzierung öffentlicher Verkehrsmittel sichert. Aber für die Gewerkschaft gilt: Verdi first – wir zuerst.

"Wir müssen die Stadt lahmlegen, weil nur das einen Effekt bringt auf die Arbeitgeber", sagte ein Streikender im Fernsehen. Müssen? Bei minus acht Grad kann man sehr wohl Gnade vor Lohnforderungen ergehen lassen. Andere Straßenbahn- und Busfahrer klagten über wachsende Arbeitsbelastung und die Teuerungsrate, die dazu führt, dass von Gehalt und Lohn nach Steuern weniger übrig bleibt. Betroffen sind davon Millionen. Man versteht den Wunsch nach mehr Geld. Doch sind es Verdi und andere Gewerkschaften, die ständig von der solidarischen Gemeinschaft reden. Beim Geld hört eben nicht nur die Freundschaft auf. Auch das verbindende Miteinander.

Die allermeisten Kommunen sind schon jetzt knapp bei Kasse, überschuldet oder im Grunde pleite. Mehr Geld für die Mitarbeiter des öffentlichen Nahverkehrs zieht höhere Kosten für Fahrscheine nach sich. Was aber machen diejenigen, die keine Stadt lahmlegen und Politiker zwingen können, die Kasse zu öffnen? Haben jemals Pflegekräfte in Kliniken und Seniorenheimen einen Tag lang gestreikt und erklärt: "Wir müssen das Krankenhaus lahmlegen, weil nur das einen Effekt bringt auf die Arbeitgeber"? Mehr schuften tun gerade sehr viele Beschäftigte in unterschiedlichen Branchen, Arbeitsverdichtung greift um sich. Jobs im öffentlichen Nahverkehr sind immerhin bombensicher. Oder hat es schon Schlagzeilen gegeben wie "5000 Busfahrer entlassen" oder "Berlins U-Bahnfahrer müssen in Kurzarbeit"?

Die Forderungen von Verdi stammen aus einer Parallelwelt, in der die Lehren von Volks- und Betriebswirtschaft unbekannt sind. Die Gewerkschaft und die egoistischen Streikenden offenbaren: Die meisten im Land haben noch immer nicht erkannt, dass Deutschlands fette Jahre vorbei sind und so schnell nicht wiederkommen werden. Und dass überzogene Lohnforderungen Teil der Spirale sind, die sich dreht und dreht und dreht.

Quelle: ntv.de

Berlin