Eine für alle"Swedish Death Cleaning" oder: Todesreise in den Keller
Eine Kolumne von Sabine Oelmann
"Swedish Death Cleaning" ist keine neue Methode, andere umzubringen oder den Tatort zu reinigen. Warum wir uns das "Schwedische Aufräumen" mal genauer anschauen sollten, vor allem, wenn man im "Herbst seines Lebens" steht, weiß die Kolumnistin jetzt. Gerade noch rechtzeitig.
Eine Frau meines Alters lachte mich auf Instagram an, sie sieht gut aus: Frischer, rosiger Teint, blondes Haar, blaue Augen. Sie sagt in ihrem Reel, sie hätte sich räumlich verkleinert, jetzt, wo die Kinder aus dem Haus sind, und sie fühle sich so frei, so unbeschwert. Denn um sich räumlich verkleinern zu können, hätte sie das Prinzip "Schwedisches Aufräumen vor dem Tod" (döstädning) angewandt. Ich fragte mich, ob sie todkrank ist, wo sie doch sehr gut aussieht, der Hintergrund so schwedisch schön, hell, beige, ein bisschen was Blaues, sie selbst wirkt auch aufgeräumt, gar nicht ängstlich. Ich las weiter und entdeckte, dass "Swedish Death Cleaning" ein skandinavischer Brauch ist, bei dem man im Alter, typischerweise ab etwa 65 Jahren, sein Zuhause entrümpelt und damit sein Leben vereinfacht. Vor allem aber das der Angehörigen, die nach dem Tod dieses ordentlichen Menschen keine erdrückende Last an Besitztümern zu ordnen und entsorgen haben.
Ich erzähle das in meinem Freundeskreis, die meisten machen große Augen, einige sagen: "Ach so, ja, Margareta Magnusson." Ich hatte nie von Margareta Magnusson gehört, auch nicht, als sie vor kurzem, hochbetagt mit über neunzig, gestorben ist. Ihr Buch "Frau Magnussens Kunst, die letzten Dinge des Lebens zu ordnen" ist ein Klassiker, erfahre ich. Er beschreibt den, so heißt es, "freudvollen und achtsamen Prozess des Loslassens von überflüssigen Dingen".
Es ist auf keinen Fall eine bloße hektische Aufräumaktion. Es geht darum, den lieben Hinterbliebenen, im besten Fall den Kindern, keinen unnötigen Schund zu "vererben": Keine Schulden, keine Überraschungen, keine ungeöffneten Briefe, keine überflüssigen Klamotten, kein Gedöns, das niemand braucht und haben will. Ich erinnere mich, wie ich jedes Buch, jeden Kerzenständer, Geschirr und Tischdecken, Unterlagen, CDs, Fotoalben und auch Klamotten meiner Eltern in den Händen hielt und mindestens drei Mal umdrehte: "Brauch' ich das noch? Mein Bruder? Die Kinder? Jemand anders?" Am Ende nahm jeder etwas mit. Vieles blieb übrig. Ich drehte wieder alles drei Mal um, haderte. Todtraurig und von den Umständen emotional überfordert, behielt ich viel zu viel. Ich muss dazu sagen, dass meine Eltern sehr ordentliche Menschen waren, es war bereits alles geordnet. Piccobello! Und dennoch - es war viel.
Ich bin eine durchaus sentimentale Type - ich dachte mir, dass der Kerzenständer aus Bornholm (noch mit original unabgebrannter Kerze von 1982) doch eigentlich retro ist, andere geben dafür in einem hippen Vintageladen irre viel Geld aus. Und dieses Wandrelief aus Ägypten, das nehm' ich mal lieber mit. Natürlich Vaters Burberry-Mantel und Mutters Aigner-Handtasche, und das Bowle-Set von Opa Kurt ist doch auch echt süß. Auch wenn keiner mehr Bowle trinkt.
Nun, Sie können sich jetzt vielleicht vorstellen, dass es in meinem Keller aussieht wie in einem Trödelladen. Ich werde mir also "Frau Magnussens Kunst, die letzten Dinge des Lebens zu ordnen" kaufen müssen, auch, wenn ich mich momentan noch putzmunter fühle, ein Kind noch zuhause wohnt, und ich auf keinen Fall vorhabe, mich räumlich zu verkleinern.
Fangen Sie gar nicht erst an
Margareta Magnussen hat schon früh mit dem Aufräumen begonnen, in einem Interview spricht sie mit ihrer Tochter Jane über das Aufräumen vor dem Tod und sagt dort: "Jeder sollte so früh wie möglich mit dem 'Death Cleaning' beginnen. Am besten fängt man gar nicht erst an, Dinge zu sammeln, die man sowieso nicht besitzen möchte. Denn früher oder später muss sich jemand anderes darum kümmern. Es ist nicht fair, das alles der Familie zu hinterlassen." Aber machen "die Dinge" nicht (auch) unser Leben aus? Sammelt man nicht Vasen oder Porzellanhasen oder Meissner-Figürchen oder Briefmarken und Streicholzheftchen aus aller Welt, weil man diese Dinge schön findet? Ist es nicht ein Teil der Kindheit, dass Eltern diese Dinge besaßen, uns vielleicht sogar verboten haben, sie anzufassen? "Fangen Sie einfach gar nicht erst an, etwas zu sammeln", bleibt jedoch Magnussons unerbittlicher Ratschlag.
Ist es aber nicht auch traurig, sich beim Aufräumen die ganze Zeit mit dem Tod zu konfrontieren? "Im Gegenteil, es ist sogar eine Befreiung," fand Magnusson, die ihrer eigenen Aussage nach schon ihr ganzes Leben lang "Death Cleaning" praktizierte. Sie hatte es eben gern schön und luftig um sich herum, erzählte sie in einem anderen Interview. Das heißt nicht, dass sie nichts besaß. Und von Fotos, das räumt sie in dem Interview ein, hätte auch sie sich schwer getrennt. "Aber die Erinnerungen habe ich sowieso im Kopf, die kann mir ja keiner nehmen", schmunzelte sie, ganz pragmatisch. Das, was daran wehtue, sie loszulassen, sei das Bewusstsein, dass darauf Dinge zu sehen sind, die nie wieder passieren werden.
"So ist das Leben", sagte sie in einem TV-Beitrag und huscht in den Keller, um zu zeigen wie ein aufgeräumter Keller aussehen sollte. Spoiler: Dort steht nur ein Fahrrad. Beim Blick in den Keller ihrer Nachbarin, die möchte, dass Magnusson ihr beim Aufräumen hilft, wird sie richtig ein bisschen wütend: "Was willst du mit dem ganzen Müll?" fragt sie sichtlich irritiert. "Es wird ewig dauern, das aufzuräumen, was, wenn du morgen tot umfällst? Dann muss das ein anderer machen!"
Dann war es nicht wichtig
Magnusson hat recht. Ich muss in den Keller. Wo ich erstmal gegen das Regal von Onkel Peter knalle, dass ich u-n-b-e-d-i-n-g-t aufheben sollte, hatte mein Vater gesagt. Das war teuer und würde super in mein Esszimmer passen. Nun, dort steht es nicht. Aber hier unten. Und zwischen Wäsche und Winterschuhen, einem kaputten Rimowa-Koffer, alten Liebesbriefen (ist das nicht fast schon historisch?), Karnevalsklamotten, alten Skiern und noch älteren Tennisschlägern - irre viele Fotoalben.
Fotoalben von meinen Eltern aus allen Jahrzehnten, in vielen sind wir Kinder oder die Enkel gar nicht vorhanden, weil das ein Trip mit Freunden oder dem Kegelverein oder Business war. Und ich weiß nicht einmal, wer auf den Fotos neben meinen Eltern in Schottland zu sehen ist. Aber ich entdecke, dass mein Vater seinen Burberry-Mantel wirklich in London gekauft hat und die Aigner-Handtasche tatsächlich schon vierzig Jahre alt sein muss. In einem Album bin ich doch mal wieder zu sehen, Skiurlaub. Ich hatte Liebeskummer und die Eltern luden das unglückliche, erwachsene Kind, das heimlich am Fenster rauchte und sich an den nächstbesten Skilehrer ranmachte, in die Dolomiten ein. Das hatte ich vollkommen vergessen. "Na und?", höre ich Magnussons Stimme in meinem imaginären Off, "dann war es wohl nicht wichtig."
Ich sehe auf den Bildern auch, wie meine Eltern aussehen, als sie so alt waren wie ich jetzt, wie sie sich präsentiert haben, und - ich sehe mich. In ihnen. Stolz in der Arktis, angetüddelt auf Capri, erst glücklich, dann irritiert in Florida, weil die Berliner Mauer gerade fiel und sie keinen Flug zurück bekamen. Es sind Fax-Nachrichten eingeklebt, meine Eltern waren besorgt, was "da bei uns los ist". Und sauer: Sie waren dabei, als das verhasste Ding gebaut wurde. Und jetzt verpassten sie den Moment, auf den sie 28 Jahre gewartet hatten. Ich nehme mir wohl oder übel vor, aufzuräumen. Die Mauer ist weg, Frau Müller muss weg, nur mein Schrott ist noch da. Diese verdammten Fotoalben hebe ich mir aber auf jeden Fall bis zum Schluss meiner persönlichen "Todesreise des Entrümpelns" auf.
Wo ist der Trenchcoat jetzt eigentlich? Ach ja, der hängt einen Stock höher, bei einer Tochter, die den Boyfriend-Style auf den Dad-Style und nun auch auf den Granny-Style erweitert hat. Wo die Handtasche ist, brauche ich wohl nicht zu fragen.

