Panorama

Drei Jahre nach der Legalisierung Uruguay wagt die freie Graswirtschaft

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Ein junger Uruguayo überprüft das Wachstum einer seiner Hanfpflanzen - Eduardo ist es allerdings nicht.

imago/Xinhua

Der Staat als Dealer - in Uruguay ist das seit kurzem Realität. Dauerbreit sind die Einwohner des südamerikanischen Landes trotzdem nicht, ganz im Gegenteil: Mit dem Reiz des Verbotenen schwindet auch die Popularität.

Eduardo* liebt alles an seinen Frauen: den Geruch, mit dem sie ihn empfangen, wenn er das Haus betritt; ihre Anmut, mit der sie auf seiner Dachterrasse thronen, das Kribbeln, das er empfindet, wenn er sie sanft streichelt. Am meisten aber liebt Eduardo die Geschmacksexplosion, die auf seinem Gaumen zündet, wenn ihm seine Frauen nach zweieinhalb Monaten intensiver Pflege ihr Heiligstes schenken. Eine Explosion, so vielfältig wie die Mädchen selbst: Will Eduardo es gerade üppig, wählt er die "White Whidow". Ist er auf der Suche nach Klasse, entscheidet er sich für die "First Lady". Und wenn Eduardo es einmal ganz hart braucht, wartet immer noch seine "Black Domina" auf ihn.

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In Montevideo gibt es mittlerweile sogar eine eigene Marihuana-Messe, die jedes Jahr von Tausenden von Menschen besucht wird.

(Foto: imago/Agencia EFE)

Was Eduardo nicht ist: ein polyamouröser Gigolo mit einem Hang zu Fetischsex und merkwürdigen Spitznamen für seine Freundinnen. Was Eduardo ist: ein leidenschaftlicher Cannabis-Fan, der das global gesehen noch eher seltene Glück hat, seine Passion legal ausleben zu können - "Black Domina" und ihre Freundinnen sind seine Lieblings-Grassorten. Der Mittzwanziger lebt in der uruguayischen Hauptstadt Montevideo und darf wie seine rund 3,5 Millionen Mitbürger seit Dezember 2013 nicht nur straffrei kiffen, sondern auch für den Eigenbedarf anbauen.

"Fort Knox ist ein Witz dagegen"

Weil Eigenbedarf ein ziemlich schwammiger Begriff ist und jeder Marihuana-Konsument darunter etwas anderes versteht, sind die uruguayischen Behörden bei der Ausformulierung der neuen Gesetze auf Nummer sicher gegangen: Sechs Pflanzen darf jeder volljährige Uruguayo pro Jahr ziehen, bis zu 480 Gramm Marihuana von ihnen ernten. "Wenn ich das alles alleine rauchen würde, wäre ich rund um die Uhr breit", sagt Eduardo und lacht: "Wie gut, dass meine Freunde zwar gerne rauchen, aber zu faul sind, selbst anzubauen."

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Montevideos zahlreiche Grasshops bieten so ziemlich alles, was das Growerherz höher schlagen lässt.

(Foto: imago/ZUMA Press)

Gras-Enthusiasten wie Eduardo oder die Mitgliedschaft in einem der 33 Cannabis-Clubs, in denen sich einzelne Grower zusammenschließen, waren bislang die einzige Möglichkeit, in Uruguay legal an Gras zu kommen. Seit kurzem allerdings hat die Regierung selbst begonnen, Marihuana auf zu kultivieren - "mit so strengen Sicherheits- und Qualitätsvorschriften, Fort Knox ist ein Witz dagegen", sagt Raqel Peyraube, medizinische Beraterin im staatlichen Institut für die Regulation und Kontrolle von Cannabis.

Die Psychiaterin und Psychotherapeutin ist eine glühende Verfechterin des neuen Ansatzes, der den gescheiterten Krieg gegen die Drogen ablösen soll: "Die staatlich kontrollierte Abgabe von Marihuana sorgt nicht nur dafür, dass die Konsumenten weniger gesundheitliche Risiken wegen verunreinigtem und gestrecktem Gras fürchten müssen, sie trocknet auch den Sumpf der illegalen härteren Drogen aus, indem sie den Kriminellen ihre Existenzgrundlage nimmt - und obendrein sorgt die Legalisierung dafür, dass Marihuana den Reiz des Verbotenen verliert." Und tatsächlich: Wenn man sich in Montevideos zahlreichen Parks und den 13 Stränden der Stadt umsieht, sind es vor allem die Erwachsenen, die genüsslich ihren Feierabendjoint rauchen, während die Jugend andere Möglichkeiten zu suchen scheint, um sich von den älteren Generationen abzusetzen. Oder, um es mit Eduardo zu sagen: "Meine Tochter findet Kiffen genauso langweilig wie ich damals die Leidenschaft meines Vaters für guten Whiskey."

"Von einer dauerbreiten Nation kann keine Rede sein"

Rund 55.200 Uruguayos rauchen täglich Gras, etwa die dreifache Zahl zieht alle paar Wochen an einer Tüte, schätzt das Cannabis-Kontrollinstitut. Bei einer Gesamtbevölkerung von 3,6 Millionen liegt Uruguay damit international im Mittelfeld, ungefähr gleichauf mit Deutschland, wo im vergangenen Jahr 2,8 Millionen Menschen kifften. Viel wichtiger als der internationale Vergleich ist Raqel Peyraube allerdings der Umstand, dass die Zahl der aktiven Kiffer seit der Legalisierung in etwa konstant geblieben ist: "Von einer dauerbreiten Nation kann keine Rede sein."

Trotz alledem sind die Vorbehalte gegen die freie Graswirtschaft in dem kleinen südamerikanischen Land noch groß: Gerade einmal 50 der 1200 Apotheken Uruguays haben sich bislang eine Lizenz zum Verkauf von Cannabis gesichert - zu groß ist bei vielen die Angst, die reguläre Kundschaft zu verlieren, nur um ein paar Stoner zu versorgen. Die, die den Schritt trotzdem gewagt haben, sind strengen Auflagen unterworfen: Maximal 40 Gramm dürfen Kunden im Monat erwerben und müssen sich vorher registrieren lassen - um dem Drogentourismus einen Riegel vorzuschieben, ist der Verkauf an Ausländer streng verboten. Uruguayos, die diese Hürden überwunden haben, dürfen sich dafür über staatlich geprüfte Qualität und einen unschlagbar guten Preis freuen: Umgerechnet etwa 1,20 Euro kostet das Gramm in der Apotheke - der Schwarzmarktpreis liegt zwischen 7 und 10 Euro für qualitativ minderwertiges und oft stark gestrecktes Marihuana aus Paraguay.

Eduardo wird sich trotzdem weiter um seine Ladys kümmern: Anders als das staatlich vertriebene Gras dürfen seine Pflanzen nämlich mehr als 15 Prozent des Wirkstoffs THC enthalten. Knapp das Doppelte steckt in der letzten Ernte seiner "Black Domina", schätzt er, zeigt sein schiefes Lächeln und zückt eines der gelben Maisblättchen ohne Klebefläche, die in Uruguay so beliebt sind. "Entschuldige mich bitte, ich hab gleich noch ein Date", schließt Eduardo und verschwindet wieder auf seine Dachterrasse.

*Name von der Redaktion geändert: Eduardo ist beruflich viel im Ausland unterwegs und befürchtet eine Stigmatisierung in Ländern, die nicht so liberal mit der Marihuana-Thematik umgehen.

Quelle: n-tv.de

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