Tödliche Familientragödie in BerlinVater erstickte sich mit Plastiktüte

Der August ist ein blutiger Monat: Bundesweit sterben 19 Menschen bei brutalen Familiendramen. Im jüngsten Fall aus Berlin dringen nun immer mehr schreckliche Details an die Öffentlichkeit. Auch das Tatmotiv ist mittlerweile bekannt. Der Vater, der seine Frau und zwei Söhne ermordete, schrieb Abschiedsbriefe.
Ein weiteres Familiendrama schockiert Deutschland: Nach der Tragödie im rheinischen Neuss mit drei Toten hat die Polizei in Berlin vier Leichen in einem Mehrfamilienhaus entdeckt. Die Ermittler gehen davon aus, dass dort ein 69-jähriger Familienvater aus Verzweiflung über hohe Schulden seine 28 Jahre alte Ehefrau, seine zwei Söhne und sich selbst tötete. Das geht laut der Polizei aus dem Abschiedsbrief des Mannes hervor. Nur die kleine Tochter überlebte, weil der Vater das Baby am Sonntagabend anonym in einer Babyklappe abgegeben hatte.
Der Berliner Vater, der, wie Nachbarn berichteten, als Wirtschaftsberater tätig gewesen sei, hinterließ nach Angaben der Ermittler nicht nur einen Abschiedsbrief. Einer lag neben dem toten Mann. Drei weitere schickte er an verschiedene Empfänger. "Das klingt nach einer absolut geplanten Tat", sagte Polizeisprecher Stefan Redlich.
In dem Brief aus der Wohnung wird die Tat chronologisch geschildert: Der Mann brachte folglich zunächst seine Frau, dann seine Söhne um. Danach fuhr er zum Waldkrankenhaus Spandau, um die kleine Tochter abzugeben. Anschließend kehrte er zurück in das Mehrfamilienhaus. Erst Tage später nahm er sich das Leben. Anwohner berichteten, ihn noch am Montagnachmittag gesehen zu haben.
Die knapp einjährige Tochter des Familienvaters überstand das Drama ohne Blessuren. "Die Kleine ist unverletzt und wohlauf", so die Polizei. Sie ist mittlerweile im Kinderheim.
"Eine klassische Verzweiflungstat"
Das Mehrfamilienhaus liegt am noblen, westlichen Rand der Hauptstadt. Nachbarn alarmierten die Feuerwehr, weil ein Fenster tagelang offen stand. Die Feuerwehrleute brachen die Wohnungstür auf und fanden die Leichen. Die drei und sechs Jahre alten Jungen entdeckten sie in ihrem Zimmer. Der Vater hat sie vermutlich erstickt. Die Ermittler schließen aber auch noch nicht aus, dass er sie vergiftete oder vorher mit Tabletten betäubte. Die toxikologischen Untersuchungen dauern an. Als sicher gilt dagegen, dass sich der Vater später mit einer Plastiktüte erstickte.
Isabella Heuser, Direktorin der Charité-Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Berlin sieht in dem Fall eine "klassische Verzweiflungstat". Anders sei die Lage in Neuss. Man müsse unterscheiden, ob sich der Täter selbst töte oder nicht. "In Neuss hat der Ehemann seine Frau und Kinder erschossen und ist auf der Flucht. Die üblichen Motivationslagen für solche Taten sind Rache am Ehepartner oder Eifersucht."
Zwei Tage nach jener Bluttat in Nordrhein-Westfalen fahnden die Ermittler nun europaweit nach dem verdächtigen Vater - bislang ohne Erfolg. "Wir wissen nicht, wo er ist", sagte ein Polizeisprecher. Am Dienstag hatte die Polizei ein Fahndungsfoto des 35-Jährigen veröffentlicht. Bisher sind mehr als 50 Hinweise aus der Bevölkerung eingegangen. Eine heiße Spur war nicht dabei. Auch die Tatwaffe ist noch verschwunden.
Der Familienvater aus Neuss soll seine 26-jährige Frau bereits in der Vergangenheit geschlagen haben und wegen häuslicher Gewalt auch mehrmals der Wohnung verwiesen worden sein. "Die Kinder waren nie Ziel von irgendwelcher Gewalt." Ein Sprecher der Stadt Neuss bestätigte, dass die Familie dem Jugendamt bekannt war. Details wollte er nicht nennen. Der 35-Jährige war in der Vergangenheit auch außerhalb der Familie bereits mit Körperverletzungsdelikten in Erscheinung getreten.
Kein Trend, sondern Zufall
Berlin, Neuss - in den vergangenen Wochen hatten mehrere Familiendramen die Öffentlichkeit schockiert. Allein in Nordrhein-Westfalen wurden in diesem Monat bei Tragödien in Dortmund, Oberhausen und Essen schon sieben Kinder getötet. Im oberbayerischen Emmering hatte zudem eine Mutter ihre beiden kleinen Söhne und sich selbst umgebracht. Wenige Tage zuvor hatte im Allgäu ein Familienvater seine zwei Söhne getötet, bevor er Selbstmord beging. Allein im August kamen bei derartigen Akten 19 Menschen ums Leben. Von einem Trend kann laut Experten aber keine Rede sein.
"Die vielen Taten im August kann man überhaupt nicht als einen Trend oder eine Häufung betrachten. So etwas ist absolut zufällig", sagt Expertin Heuser von der Charité. Insgesamt kämen solche Taten glücklicherweise nur sehr selten vor. "Aber es gibt Nachahmungseffekte. Wir befürchten sie zum Beispiel immer, wenn sehr ausführlich über Amokläufer berichtet wird." Die Medien seien da in einem ethischen Dilemma. Sie müssten und sollten berichten. "Auf der anderen Seite kann das Nachahmungstäter anregen."