Panorama

Idealisierung und Kontrolle Warum Frauen Verbrecher lieben

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Peter Madsen verbüßt seit 2018 eine lebenslange Haftstrafe.

(Foto: picture alliance / One Filmverle)

Je schlimmer die Taten von Verbrechern sind, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie im Gefängnis bergeweise Liebesbriefe erhalten. Das geschieht nicht nur bei Peter Madsen, sondern auch bei anderen brutalen Mördern. Doch warum ist das so?

Eine russische Mutter von zwei Kindern heiratet einen 49-jährigen Dänen, daran ist zunächst nichts Ungewöhnliches. Doch der Name des Bräutigams steht für einen der grausamsten Morde der dänischen Kriminalgeschichte: Peter Madsen. Er hatte 2017 die Journalistin Kim Wall an Bord seines selbstgebauten U-Bootes gelockt, sie gefesselt, ermordet und zerstückelt. Für die Tat wurde er zu lebenslanger Haft verurteilt.

Aber was macht Gewalttäter hinter Gittern für Frauen so anziehend? Psychologen können sich das Hybristophilie genannte Phänomen relativ gut erklären. Meist sind es Frauen, die sich von Schwerverbrechern oder Mördern erotisch angezogen fühlen. Das ist nicht verwunderlich, weil Männer die meisten Schwerverbrechen begehen.

"Die meisten dieser Frauen teilen ähnliche Erlebnisse", sagt der Psychotherapeut Christian Lüdke ntv.de. "Oft haben die Frauen keine normalen, gesunden Beziehungen zu anderen Männern führen können." In ihren bisherigen Partnerschaften erlebten die Frauen hingegen Missachtung oder auch Misshandlungen. Das war möglicherweise schon in ihrer Kindheit so. "Dadurch, dass sie jetzt einen Täter lieben, haben sie das Gefühl, ihr Selbstwert steigt", so Lüdke. In ihrer Wahrnehmung ist die Frau die einzige Person, die Zugang zu dem Mann hat.

Meiner ist ganz anders

Oft sind die Frauen auch überzeugt, dass nur sie allein den wahren Kern des verurteilten Straftäters erkennen können. Lüdke nennt es das "Amiga"-Syndrom. Die Abkürzung steht für: Aber meiner ist ganz anders. Mit den Taten ihrer "Traummänner im Gefängnis" setzen sie sich kaum auseinander. Auch Jenny Curpen, die Madsen im Dezember im Herstedvester Gefängnis bei Kopenhagen heiratete, spielt Madsens Schuld herunter. In einem inzwischen nicht mehr erreichbaren Facebookpost schrieb sie: " Ich bin stolz auf ihn und 49 Jahre seines Lebens - mit Ausnahme eines Tages, der eine Tragödie war."

Über diesen Verdrängungsmechanismus der Frauen sagt Lüdke: "Auf der rationalen Ebene wissen sie natürlich, dass der Mann schlimme Dinge gemacht hat." Aber gerade diese schlimmen Dinge kennen sie ja aus der Sicht des Opfers. "Mit dem wollen sie sich nicht identifizieren, sondern sie nehmen quasi Kontakt mit ihrem eigenen Täteranteil auf." Der Wunsch, sich an dem eigenen Peiniger zu rächen, bringt sie nun dazu, sich stattdessen mit der "starken, kranken, gewalttätigen Seite" zu identifizieren.

Dabei ist die Tatsache, dass die Schwerverbrecher oft lange Haftstrafen mit nur wenigen Zugangsmöglichkeiten absitzen, entscheidender Teil der Beziehung. Curpen wird beispielsweise auf absehbare Zeit nicht in die Situation kommen, mit Madsen tatsächlich eine Partnerschaft im Alltag zu führen. Die 39-Jährige hatte lokalen Medienberichten zufolge vor der Eheschließung über mehrere Monate hinweg Briefkontakt zu Madsen. Nach der Trauung durfte sie demnach zwei Stunden allein mit ihrem Ehemann verbringen.

Eine lebenslange Haftstrafe bedeutet im Durchschnitt etwa 15 Jahre im Gefängnis. Nach 12 verbüßten Haftjahren könnte Madsen seine Begnadigung beantragen, das wäre 2030. Bis dahin bliebe die Mutter zweier Kinder ohnehin auf sich allein gestellt. Dass eine solche Beziehung dem Alltag jenseits der Gefängnismauern standhält, wäre sowieso sehr unrealistisch. "Wenn der Mann seine Strafe abgesessen hat und das Gefängnis verlassen kann, verfallen alle Beteiligten wieder in ihre alten Beziehungsmuster. Damit ist diese Beziehung nicht nur zum Scheitern verurteilt, sondern das Schicksal der Frauen ist es oft, dass sie wieder zum Opfer werden", sagt Lüdke.

Doch so lange der Schwerverbrecher im Gefängnis sitzt und die Frau ihn aus der Ferne anbetet, profitieren beide Seiten. Die Frau hat die komplette Kontrolle über einen eigentlich gewalttätigen Partner, der ihr in keiner Weise zu nahe kommen und sie damit auch nicht verletzen kann. Der Täter wiederum kann mit der Beziehung während der Knastzeit seinen Status unter den Mitgefangenen erhöhen. Sie schmeichelt ihm, er wird möglicherweise auch mit erotischen und sexuellen Fantasien versorgt.

Magische Anziehung

Madsen schrieb auf Facebook, bei Fragen an ihn solle man sich künftig an Curpen wenden. Die sei der schnellste Weg, mit ihm in Kontakt zu treten. In ihrem Facebookpost schrieb die Künstlerin und Aktivistin, die im finnischen Exil lebt: "Ich habe das Glück, mit der schönsten, klügsten, talentiertesten, ergebensten und einfühlsamsten Person aller Zeiten zusammen zu sein. Mein Mann ist eines von zwei Opfern, und am Leben zu sein, war für ihn selbst eine Bestrafung."

Lüdke vermutet, dass die Beziehung von manipulativen und kontrollierenden Verhaltensweisen bestimmt sein wird. Madsen habe so die Möglichkeit, weiter Macht auszuüben. "Er erlebt im Prinzip eine Art Tatrausch, weil er weiß, dass die Frau ihm verfallen ist. Es ist ein ähnliches Gefühl wie das, als er sein Opfer umbrachte. Er spielt damit, ist berechnend und eiskalt." In anderen Beziehungen könnten ähnliche Konstellationen dazu führen, dass die Frau beispielsweise Fluchthilfe leistet. 2018 hatte eine Gefängnisbeamtin ihren Job gekündigt, weil sie eine "enge Beziehung" zu Madsen aufgebaut hatte.

Auch wenn vor allem die Frauen oft von der großen Liebe sprechen, hat der Psychologe erhebliche Zweifel an dieser Begrifflichkeit. Lüdke nennt es stattdessen eine entsexualisierte Übertragungsliebe. Die gehe durchaus mit intensiven Gefühlen einher, ist aber eher eine idealisierte Variante. Mit der Liebe zwischen Mann und Frau hat das nichts zu tun, vielmehr betet die Frau den Mann an, vergöttert ihn regelrecht. Allerdings geht es auch ihr nicht um die Person, um den Menschen. Es geht nur darum, was er getan hat und vor allem um die Aufmerksamkeit, die er dafür bekommt. Das ist bei Madsen so oder auch bei Anders Behring Breivik in Norwegen. "Das sind ja nicht namenlose Kleinkriminelle, die für die Frauen interessant sind, sondern Männer, die durch ihre Taten auch in der medialen Darstellung auffallen. Das ist die Faszination des Abscheulichen, die die Frauen magisch anzieht."

Quelle: ntv.de