Blackbox ist ausgewertetWarum sank die "Concordia"?

Eine Bergung wie die der Costa Concordia hat es bislang noch nicht gegeben. Vor neun Monaten havarierte das Kreuzfahrtschiff vor der italienischen Ferieninsel Giglio. Wie konnte es zu der Katastrophe kommen?
Die Firma Titan Salvage aus den USA betreibt ein sehr ungewöhnliches Geschäft: Das Unternehmen hebt und beseitigt Schiffswracks, darunter große Fähren und Ozeanriesen. Doch eine Bergung wie die der Costa Concordia habe es noch nicht gegeben, sagt ein Vertreter des Unternehmens. Nicht in seiner Firma und auch nicht anderswo. Was hier ausprobiert wird, ist Neuland. Dass alles glatt läuft, ist darum nicht sicher.
Die Besonderheit der Aufgabe: Die Concordia ist nicht komplett gesunken und auch nicht auseinandergebrochen, sondern liegt seit der Havarie am 13. Januar 2012 an einem Stück auf den Felsen vor der Insel Giglio und ragt zu etwa einem Drittel aus dem Wasser. Auf Satellitenbildern ist zu erkennen, wie riesig der Koloss ist. Das Schiff an Ort und Stelle zu zerlegen, wäre eine Gefahr für die Umwelt und würde schon durch den unvermeidbaren Lärm den Tourismus auf der Insel erheblich stören. Die Vorgabe für die Bergung ist darum, dass das Schiff und in einen Hafen transportiert wird.
Dazu baut ein Konsortium von Titan Salvage und der italienischen Firma Micoperi derzeit eine Plattform unterhalb des Schiffes. Ist diese fertig, sollen Kräne das Schiff langsam aufrichten und auf die Plattform gleiten lassen. Ein zu schnelles Abrutschen wird durch Ketten verhindert, die den Rumpf bereits jetzt mit dem Felsen verbinden.
Steht das Schiff gerade, muss es angehoben werden. Das passiert durch luftdichte Container, die an beiden Seiten fest mit dem Schiff verbunden sind. Indem das Wasser aus ihnen herausgepumpt wird, füllen sie sich mit Luft und geben der ganzen Konstruktion Auftrieb. Sobald das Wrack weit genug aus dem Wasser gehoben ist, kann es mit Schleppern in einen Hafen gezogen werden.
100 Menschen sollen an der Bergung beteiligt sein. 12 Monate, also noch bis Mai 2013, soll sie insgesamt dauern. 236 Millionen Euro sind für das Projekt eingeplant.
Kapitän ist sich keiner Schuld bewusst
Wer für den immensen Schaden verantwortlich ist, ist noch längst nicht klar. Im Verdacht steht seit dem Tag des Unfalls der : Er habe entschieden, so nah an die Insel heranzufahren. Schettino selbst behauptet, die Reederei habe diesen Kurs angeordnet. Kreuzfahrtschiffe fahren häufig möglichst nah an sehenswerten Ufern vorbei. Die Reederei beruft sich darauf, dass die Verantwortung für die Route allein beim Kapitän liege. In einem Fernsehinterview vor einigen Wochen behauptete Schettino sogar, Schlimmeres verhindert zu haben. Er habe durch ein Manöver einen Frontalaufprall gegen die Felsen verhindert. Sollte ihn eine Schuld treffen, bestehe die darin, dass er unkonzentriert gewesen sei.
Die nächste Frage, die das Gericht im italienischen Grosseto zu klären hat, ist, warum die Evakuierung der Passagiere so katastrophal verlief: Der Aufprall ereignete sich um 21.45 Uhr, doch noch eine halbe Stunde später meldete Kapitän Schettino der Küstenwache telefonisch, es handele sich nur um einen Stromausfall. Erst um 22.34 Uhr meldet das Schiff Seenot. Doch Schettino spielt die Lage weiter herunter: Die Passagiere müssten von Bord gebracht werden, aber ein ernstes Problem gebe es nicht. Ein Experte für Katastrophenmanagement, der den Fall untersucht hat, sagte der "Financial Times" nach dem Unglück: "Schettino wollte daran glauben, dass die Dinge nicht so schlimm waren, wie sie schienen." Zeugen berichten, dass Mitglieder der Crew die Passagiere sogar angewiesen hätten, in ihre Kabinen zu gehen. Später gab der Kapitän an, eine zu frühe Evakuierung hätte das Schiff wegen der Gewichtsverlagerung destabilisiert und schon in tieferen Gewässern sinken lassen.
Der Steuermann verstand die Befehle nicht
Mangels Anweisungen nahmen Crew und Passagiere die Sache selbst in die Hand und ließen Rettungsboote zu Wasser. Teile der Crew seien dazu allerdings nicht ausreichend geschult gewesen, sagen Anwälte von Opfern. Und auch die Schulung der Passagiere kam zu spät: Diese war für den nächsten Tag angesetzt.
Auch der Kapitän verstand irgendwann die Dramatik der Situation. Doch anstatt die Evakuierung zu leiten, verließ er selbst das Schiff. Ohne Absicht, wie er später bekannt gab: Er sei "aus Versehen" in ein Rettungsboot "gefallen".
Der Untersuchungsbericht der italienischen Justiz listet einige weitere Verdachtsmomente auf, die ein schlechtes Bild auf Crew und Reederei werfen: So stammt der und soll die englischen Befehle seines italienischen Kapitäns mehrfach schlicht nicht verstanden haben. Der diensthabende Krisenmanager der Reederei sei nicht gut informiert gewesen und ein Notstromaggregat sei trotz Stromausfalls nicht in Betrieb genommen worden.
Warum all das geschah, ist bislang unklar. Neue Erkenntnisse soll nun die Auswertung der "Black Box" bringen. In ihr sind unter anderem alle Gespräche, die auf der Kommandobrücke geführt wurden, aufgezeichnet. Vielleicht wird dadurch ersichtlich, wer die Verantwortung trägt für die traurige Bilanz des Unglücks: , 2 Vermisste, hunderte Traumatisierte und ein Wrack von 50.000 Tonnen.