Panorama

Stärkstes Beben seit Jahrzehnten Zahl der Erdbebenopfer in Albanien steigt

In den frühen Morgenstunden bebt in Albanien die Erde: Heftige Erdstöße reißen Anwohner aus dem Schlaf und bringen mehrere Gebäude zum Einsturz. Nach Sonnenaufgang zeigt sich das volle Ausmaß der Katastrophe. Weitere Beben erschüttern den Balkan.

Die Erdbebenserie in Albanien hat den Balkanstaat schwerer getroffen als bislang vermutet: Bei dem stärksten Erdbeben in der Region seit Jahrzehnten verloren mindestens 18 Menschen ihr Leben, wie die Behörden am Mittag mitteilten. Die Rettungs- und Bergungsarbeiten in den am schlimmsten getroffenen Regionen nordwestlich der Hauptstadt Tirana dauern. Zahlreiche Nachbeben gefährden Helfer und Anwohner.

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In Thumana retten Helfer einen Verletzten aus den Trümmern.

(Foto: REUTERS)

Die Zahl der Verletzten stieg zuletzt auf mehr als 600 an. Zuvor war noch von neun Toten und rund 300 Verletzten die Rede gewesen. Die Suche nach Überlebenden gestaltet sich schwierig: Mehrere Gebäude seien eingestürzt, darunter auch Wohnhäuser. Albaniens Ministerpräsident Edi Rama reiste in die am schwersten betroffene Küstenstadt Durres, um sich ein Bild von der Lage zu machen.

Das Institut für Geowissenschaften in Tirana und das Deutsche Geoforschungszentrum in Potsdam gaben die Stärke des ersten Erdstoßes in der Nacht zunächst mit 6,3 an, die US-Erdbebenwarte (USGS) mit 6,4. Das Epizentrum lag demnach rund zehn Kilometer nördlich von Durres und etwa 30 Kilometer nordwestlich von Tirana in einer Tiefe von etwa zehn Kilometern. Da das Beben gegen 3.54 Uhr morgens (Ortszeit) begann, dürften die Erschütterungen viele Anwohner im Schlaf überrascht haben.

Zweites starkes Beben in Bosnien

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Wenige Stunden nach Beginn der Bebenserie in Albanien ereignete sich am Vormittag rund 230 Kilometer weiter nördlich in Bosnien-Herzegowina ein weiteres Beben der Stärke 5,4. Das Epizentrum der Erschütterungen, die gegen 10.20 Uhr (MEZ) begannen, lag 80 Kilometer südlich der Hauptstadt Sarajevo, wie die US-Erdbebenwarte USGS mitteilte. Über etwaige Schäden wurde hier zunächst nichts bekannt. Es könnte sich um ein Nachbeben der Serie von Erdstößen in Albanien gehandelt haben, hieß es.

Erste Bilder aus der Unglücksregion in Albanien zeigten bereits am frühen Morgen gravierende Auswirkungen. Das ganze Ausmaß der Naturkatastrophe wurde allerdings erst nach Sonnenaufgang ersichtlich. Am schwersten wurde die Umgebung von Durres und das angrenzende Hinterland an der albanischen Adriaküste getroffen. Nach Angaben des albanischen Verteidigungsministeriums brach in Durres ein dreistöckiges Hotel zusammen, mehrere weitere Gebäude wurden schwer beschädigt. Rettungskräfte fanden drei Leichen in den Trümmern.

Zwei weitere Tote gab es nach Angaben des Ministeriums in der nahegelegenen Ortschaft Thumana. Dort stürzte mindestens ein mehrgeschossiges Wohnhaus teilweise ein. Auch in Durres wurden Wohnhäuser schwer beschädigt. In Kurbin kam demnach ein etwa 50 Jahre alter Mann ums Leben, als er in Panik aus einem Gebäude sprang.

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Das Verteidigungsministerium schickte 300 Soldaten nach Durres und Thumana, um bei den Rettungs- und Bergungsarbeiten zu helfen. Nach Angaben einer Sprecherin wurden noch Menschen unter den Trümmern vermutet. Ein Mann aus Durres sagte im albanischen Fernsehen, seine Tochter und seine Nichte seien unter der Trümmern eines Mehrfamilienhauses eingeschlossen. "Ich habe mit meiner Tochter und Nichte telefoniert", berichtete der Mann. "Sie haben gesagt, dass es ihnen gut geht und dass sie auf Rettung warten. Mit meiner Frau konnte ich nicht sprechen."

Nachbeben-Warnung für Albanien

Der Erdbebenexperte Rrapo Ormeni sagte im albanischen Fernsehen, ein so starkes Erdbeben habe sich in der Region zuletzt 1926 ereignet. Dem Erdbebenzentrum EMSC zufolge gab es noch mehrere Nachbeben, darunter eines der Stärke 5,3. Die Erbebenserie waren laut örtlichen Medien auch im benachbarten Kosovo, in Nordmazedonien, Montenegro, Serbien, Griechenland und selbst in Süditalien zu spüren.

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Supren der Naturgewalt, hier eine Momentaufnahme aus Thumane: Am Morgen nach dem Erdbeben suchen Helfer in den Trümmern nach Überlebenden.

(Foto: REUTERS)

Auch das Auswärtige Amt in Berlin warnte vor möglichen Nachbeben. Deutsche in Albanien sollen sich demnach mit Verhaltenshinweisen bei Erdbeben vertraut machen und bei beschädigten Gebäuden und Brücken vorsichtig sein.

Es war das zweite schwere Erdbeben in dem Mittelmeerland in zwei Monaten. Bei einem Beben der Stärke 5,6 wurden Ende September rund 500 Häuser zerstört und mehr als 100 Menschen verletzt. Schon damals sprach das albanische Verteidigungsministerium vom schwersten Erdbeben in Albanien seit Jahrzehnten. Die Erschütterungen des Bebens von vor gut neun Wochen waren auch in den Nachbarländern Montenegro und Nordmazedonien zu spüren gewesen.

Der Mittelmeerraum gehört zu den aktivsten Erdbebenregionen Europas. Albanien liegt inmitten einer von Erdbeben gefährdeten Region. Das Balkanland zählt knapp drei Millionen Einwohner.

Quelle: ntv.de, mmo/AFP/dpa/rts