Panorama

Epidemiologe Timo Ulrichs #allesdichtmachen "ist Schlag ins Gesicht"

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Timo Ulrichs ist Professor für Medizin, Mikrobiologie und Katastrophenhilfe an der Akkon-Hochschule in Berlin.

Am Tag nach Verabschiedung der Bundesnotbremse macht eine Künstleraktion, die Kritik an der Corona-Politik übt, Furore. Epidemiologe Ulrichs beklagt im ntv-Interview, dass damit lebensrettende Maßnahmen "ins Lächerliche zieht".

ntv: Einige Künstlerinnen und Künstler haben eine Aktion gestartet, mit der sie die Corona-Maßnahmen kritisieren. Wie bewerten Sie das?

Timo Ulrichs: Es ist völlig klar, es ist eine sehr schlimme Zeit gerade für Kulturbetrieb, für Künstlerinnen und Künstler. Das ist auch nur unzureichend aufgefangen mit den Maßnahmen. Es ist natürlich durch künstlerische Freiheit und die Meinungsfreiheit völlig gedeckt, man darf so etwas äußern. Aber man muss auch eben damit rechnen, dass da entsprechende Kritik kommt. Und aus epidemiologischer Sicht, oder aus Sicht von allen, die hier mitarbeiten, um diese Pandemie unter Kontrolle zu bringen, für alle, die sich an die Regeln halten, bei aller Kritik auch der Länder, der Regierung und des Bundes, ist das wirklich ein Schlag ins Gesicht. Dass man hier Dinge miteinander vermengt und ins Lächerliche zieht, die dazu betragen, Menschenleben und auch die Gesundheit zu wahren, das ist schon schlimm.

Es hat Kritik geerntet aber ja auch viele Befürworter, auch aus dem Querdenker-Milieu.

Ja, natürlich. Es ist am Ende auch immer die Frage, wie kommt so etwas an und bei wem kommt es an? Und wenn eben dieses Querdenker-Milieu, also die Corona-Leugner, wenn die das gut finden, dann sollte das einem zumindest zu denken geben, wenn man solche Dinge dann in die Welt setzt. Und es ist eben sehr bedauerlich, dass eben gar kein Konzept dahinter zu sein scheint, wie man möglicherweise Dinge besser machen kann. Sondern es ist einfach eine ziemlich oberflächliche Kritik, ohne hier irgendwie Dinge zu sehen oder zu artikulieren, wie wir hier gut durch diese Krise kommen.

Die Ausgangssperre sorgt für Diskussionen. Was ist von diesem Instrument zu halten?

Es geht um die Einschränkung von Mobilität und Kontakten. Man verhindert so, dass sich Menschen treffen. Wenn sie nach Beginn der Ausgangssperre draußen angetroffen werden, ist das nicht mehr erlaubt. Deshalb würde man Treffen, die früher anfangen, damit unterbinden - so ist die Hoffnung. In Kombination mit den anderen Lockdown-Maßnahmen kann das durchaus sinnvoll sein. Länder, die das schon gemacht haben, die haben damit gute Erfahrungen gemacht. Dass man sich jetzt auf eine Stunde später verständigt hat, kann auch sinnvoll sein, weil Menschen dann noch einkaufen gehen können, beispielsweise in den Randzeiten.

Ärzte fordern, dass man die fünf Millionen Impfdosen, die für Zweitimpfungen auf Reserve liegen, jetzt sofort verimpft. Was sagen Sie dazu?

Das Argument basiert auf der Erwartung, dass wir jetzt in den nächsten Tagen, größere Mengen Impfstoff erhalten werden. Das vorwegnehmend kann man in der Tat sagen, das, was wir jetzt haben, oder was auch aus organisatorischen Gründen noch nicht verimpft worden ist, sollte schnellstmöglichst eingesetzt werden.

Der europäische Ethikrat fordert, dass man, nachdem man die Alterspriorisierung aufhebt, nun in sozialen Brennpunkten impft, weil man da beengter lebt. Was halten Sie von solchen Vorschlägen?

Das wäre wieder eine Art Priorisierung. Man würde sich fokussieren auf eher großstädtische Milieus. Natürlich ist das sehr sinnvoll, dass man da schnell die Übertragungsketten unterbricht. Das ist aber eine Sache, die sowieso in Angriff genommen wird. Wenn man sich andere Länder anguckt, wie die vorgegangen sind, dann ist das einfach ein Impfangebot an jeder Ecke, wie bei den Amerikanern zum Beispiel. Das betrifft dann natürlich vor allen Dingen Gegenden, in denen viele Menschen zusammen wohnen, also Großstädte. Hausärztinnen und Hausärzte sind gut, aber es sollten möglichst schnell weitere hinzukommen. Eben auch über Betriebsärztinnen und Betriebsärzte etwas zu machen, das ist auf jeden Fall sinnvoll.

Das RKI stuft die indische Mutation noch nicht als besorgniserregend ein. Teilen Sie diese Meinung?

Was wir gerade in Indien beobachten ist ein riesiger Ausbruch, ähnlich wie vor einigen Wochen mit der neuen britischen Variante im Süden Englands. Das heißt, es ist gerade eine sehr große Infektionsdynamik da. Man kann überhaupt nicht sagen, ob dann eine solche neue Variante gerade zufälligerweise anwesend ist und sich dann eben mit verbreiten kann, oder ob sie wenigstens teilweise ursächlich ist. So ähnlich wie mit der britischen Variante muss man jetzt überprüfen, ob diese neue Variante in Indien fitter ist, was die Ansteckung angeht, also kann sie sich schneller festsetzen oder nicht. Dazu liegen noch nicht ausreichend Daten vor.

Wäre es jetzt nicht sinnvoll, vor die Lage zu kommen, anstatt dass man noch weiter wartet? Kanada zum Beispiel hat jetzt auch Flüge aus Indien und Pakistan verboten.

Wir müssen das genau beobachten. Es ist ganz wichtig, dass Reiserückkehrer, wenn man Flüge noch gestattet, in Quarantäne gehen. Damit sind möglicherweise Infizierte nicht mehr in der Lage, das Virus hier in Deutschland weiterzugeben. Das ist eine sehr sinnvolle Maßnahme, um einer Weiterverbreitung einen Riegel vorzuschieben.

Mit Timo Ulrichs sprach Katrin Neumann

Quelle: ntv.de

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