Politik

"Verkrampftestes Volk der Welt" AKK weicht nicht, sondern attackiert

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AKK schießt sich auf den Koalitionspartner ein.

(Foto: dpa)

Die CDU-Chefin hat für ihren Toiletten-Witz viel Kritik eingesteckt. Ist ihre Ansprache am Aschermittwoch der Zeitpunkt für versöhnliche Worte? Keine Spur: Kramp-Karrenbauer geht zur Attacke über.

Annegret Kramp Karrenbauer hält nur den nötigsten Smalltalk. Sie begrüßt die Gastgeber, richtet Grüße von der Kanzlerin - "Angela" - aus und bedankt sich, dass sie keine Bierdusche bekommen hat. Dann kommt sie zur Sache. In den vergangenen Jahren waren die Auftritte der CDU-Chefin Angela Merkel hier im vorpommerschen Demmin nicht selten nüchterne Vorträge und zumeist frei von Provokationen. Das ist unter AKK anders. Die Neue löst erst eine Debatte aus und bringt damit die politischen Gegner gegen sich auf, um dann ohne den Hauch einer Entschuldigung zum Gegenangriff überzugehen und damit das komplette Festzelt von den Stühlen zu holen.

"An all diejenigen, die die ganze Fastnacht damit verbracht haben, zu diskutieren, statt zu feiern: Vielleicht hättet ihr euch besser die ganze Veranstaltung angesehen", sagt die CDU-Chefin während ihrer Aschermittwochsrede in Demmin. Vor dem Narrengericht in Stockach wurde sie der "Entmannung der CDU" angeklagt. Und ihre viel diskutierte Rede sei die Replik auf die Anklage gewesen und dabei sei es um das Verhältnis zwischen Männern und Frauen gegangen und nicht um das dritte Geschlecht. "Manchmal muss man genau hinschauen, bevor man sich künstlich aufregt", wirft sie ihren Kritikern entgegen.

Das ist definitiv keine Entschuldigung. Warum auch? Erstens stellt sich die Frage, ob eine solche außerhalb der Vereinigung der Lesben und Schwulen in der Union irgendjemand erwartet hat. Zweitens kann AKK keine Verfehlung erkennen. Ihre Äußerungen, das sagt sie indirekt, seien aus dem Zusammenhang gerissen worden. Das Thema ist für sie erledigt. Und sie holt zum Gegenangriff aus. Allerdings richtet sich der ganz unmissverständlich gegen Kontrahenten auf Augenhöhe.

Ausladendes Klatschen, breites Grinsen

Im Sommer 1989 seien die Deutschen "das glücklichste Volk der Welt" gewesen. "Heute habe ich manchmal das Gefühl, wir sind das verkrampfteste Volk der Welt", sagt sie. Jeder solle doch so leben, wie er glücklich wird, fordert sie. Jeder soll Silvester-Feuerwerk ohne Feinstaub-Debatte abschießen können, Fleisch essen dürfen, wann er will und seine Kinder als Indianer oder Scheich verkleidet in die Kita schicken dürfen. "Mein Eindruck ist: Wir haben keine wirklichen Probleme mehr in unserem Land." Anders könne sie sich nicht erklären, warum ihre Rede tagelang debattiert werde.

Schon jetzt - sie steht noch keine Viertelstunde am Rednerpult - gibt es tosenden Zwischenapplaus. Das ist, verglichen mit den teils bleiernen Aschermittwochsreden der CDU der vergangenen Jahre, ungewöhnlich. AKK trifft den Nerv des Publikums. Konservative Schwergewichte wie der Abgeordnete Philipp Amthor klatschen mit ausladender Geste und breitem Lächeln, bei der Abrechnung der Parteichefin mit zu viel politischer Korrektheit.

Kritik hatte AKK etwa vom Koalitionspartner SPD einstecken müssen. Das bleibt nicht ungesühnt. Ex-CDU-Finanzminister Wolfgang Schäuble habe konsequent auf die schwarze Null geachtet. Das sei der Unterschied zu seinem Nachfolger von der SPD, Olaf Scholz. Der lasse die "schwarzen Ministerien bluten", kritisiert sie. "So ist man kein guter Koalitionspartner und kein guter Finanzminister". Es folgt die Grundrente. Die wolle die Union im Grunde ja auch, nur eben zielgerichtet.

"Manchmal habe ich den Eindruck, die SPD denkt, sie werde nur noch von Bedürftigen gewählt und müsse deswegen das halbe Land zu Bedürftigen machen", sagt sie. Denn von Arbeitern werde die Partei ja schon lange nicht mehr gewählt. Die Kritik am Regierungspartner ist auch für einen Aschermittwoch hart. Eine Kanzlerin, die mit Scholz am Kabinettstisch sitzt, hätte sie sich in der Form nur schwer erlauben können. AKK, die außerhalb der Regierung steht, kann jedoch getrost austeilen.

"Freiheit geht mit AfD nicht"

Auch die Grünen geht sie an und wirft ihnen vor, Klimaschutz nur durch Restriktionen durchsetzen zu wollen. Für die CDU seien Wirtschaftswachstum und Umweltschutz aber kein Widerspruch, sagt AKK. Der Schlüssel dazu sei "Grips". Und der fehlt der Öko-Partei soll das heißen. Dass die Partei versuche, E-Mobilität um jeden Preis durchzusetzen, die dann möglicherweise mit Atomstrom aus Frankreich versorgt werde, sei so ein Beispiel. Mehrfach betont sie die große Bedeutung der Autoindustrie für Deutschland - und zwar jene Industrie, die Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren herstellt.

Und da die Parteichefin ganz offensichtlich mit dieser kämpferischen Rede versucht, ihr konservatives Profil weiter zu schärfen, darf natürlich auch das Thema Migration nicht vernachlässigt werden. Wer den Schutz, den Deutschland biete, missbrauche - sie nennt die Massenvergewaltigung in Freiburg als Beispiel - "muss Deutschland verlassen und darf Europa nicht mehr betreten". Aber auch für die Partei, die ihr Programm rund um dieses Thema aufgebaut hat, findet sie deutliche Worte. "Wer Hass und Ausgrenzung will, der kann die wählen. Wer Freiheit will, kann nie und nimmer für die AfD stimmen", sagt sie im Hinblick auf die bevorstehende Europawahl.

"Nicht über die Nebensächlichkeiten streiten, sondern um die Dinge, um die es wirklich geht", appelliert die Parteichefin zum Schluss mit heiserer Stimme an die Zuhörer. "Um unser Vaterland, um Europa, um unsere Partei". Für ihre kämpferische Rede, ihren Pathos, bekommt sie Standing Ovations.

Mit beiden Auftritten im Karneval zeigt Kramp-Karrenbauer, mit wie viel Elan die CDU derzeit versucht, ihr konservatives Profil zurückzugewinnen. Zumindest das Publikum in Demmin stellte sich an diesem Abend voll und ganz hinter die Parteichefin. Und ob sich die eine oder andere Minderheit diskriminiert fühlt, ist dabei offenbar erst einmal nicht so relevant.

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Quelle: n-tv.de

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