Politik

Bin Laden hatte längst keinen Einfluss mehr "Al-Kaida hat sich ad absurdum geführt"

24350257.jpg

Osama bin Laden und sein damaliger Stellvertreter Aiman al-Zawahiri 2001 in Afghanistan.

(Foto: picture alliance / dpa)

Ein Jahr nach dem Tod Osama bin Ladens kämpft Al-Kaida mit der eigenen Bedeutungslosigkeit. Doch das ist nicht neu, sagt Experte Guido Steinberg im Gespräch mit n-tv.de. Strategische Fehler und ein schlechtes Image bei Muslimen machen der finanziell geschwächten Organisation zu schaffen.

n-tv.de: Glaubt man neuesten Erkenntnissen, konnte Osama bin Laden vor seinem Tod schon lange nicht mehr der Bedeutung gerecht werden, die er als Chef der Al-Kaida angeblich innehatte. Stattdessen hatte er von seinem Versteck in Pakistan aus größte Probleme, die Organisation noch zusammenzuhalten. Hat sein Tod Al-Kaida überhaupt noch erschüttern können?

Guido Steinberg: Bin Ladens Tod hatte keine Auswirkungen auf laufende Operationen. Er hatte schon seit Jahren kaum noch Einfluss auf das Tagesgeschäft der Organisation. Das wurde vor allem von seinen wichtigen Gefolgsleuten in den Stammesgebieten in Nordwaziristan abgewickelt. Diese Leute hatten nur noch vereinzelt Kontakt zu Bin Laden.

Wie viele dieser Gefolgsleute an der Zentrale in Pakistan sind nach den vielen Drohnenangriffen der USA noch übrig?

Es war der große Erfolg der amerikanischen Terrorismusbekämpfung seit Ende 2007, dass mit gezielten Drohnenangriffen fast die gesamte mittlere Führungsebene von Al-Kaida ausgeschaltet wurde. Deswegen war der Führer Bin Laden schon seit einer ganzen Weile ein König ohne Land. Die letzten verbliebenen Führungspersönlichkeiten sind der neue Chef Aiman al-Zawahiri und die neue Nummer zwei, Abu Yahya al-Libi. Alle anderen sind tot.

34hp2942.jpg1172055401052790639.jpg

Wo einst das Haus der Bin-Laden-Familie in Abottabad stand, ist jetzt Brachfläche.

(Foto: dpa)

Wie sieht die Hierarchie innerhalb der verbliebenen Al-Kaida aus?

Zawahiri scheint trotz vieler Vorbehalte gegen ihn der unbestrittene Chef zu sein. Er dürfte sich in Pakistan aufhalten. Zawahiri ist allerdings denkbar uncharismatisch. Dazu kommt, dass er ein Ägypter ist und in weiten Teilen der Organisation unbeliebt. Abu Yahya al-Libi, ein Libyer, war in der Vergangenheit eine wichtige religiöse Autorität. Er hält sich in Pakistan auf, aber man hat lange nichts mehr von ihm gehört. Das zeigt wohl, dass er in seiner neuen Funktion vor allem darauf achtet, dass er überlebt.

Kann man bei so zerklüfteten Strukturen überhaupt noch von einer festen Organisation sprechen? Oder ist Al-Kaida mehr eine Art Label geworden, das jeder dahergelaufene Terrorist nutzen kann?

Al-Kaida ist nach wie vor eine festgefügte Organisation, die aber wegen ihres schlechten Zustandes netzwerkartige Strukturen nutzen muss. Al-Kaida hat immer versucht, alle Teile des Netzwerks bürokratisch zu kontrollieren. Als Organisation mit Sitz in Pakistan ist sie sehr stark geschwächt. Es gibt aber drei große Ableger im Jemen, im Irak und in Algerien, die von Pakistan aus nicht mehr hinreichend kontrolliert werden können.

Die Dezimierung der Führungsriege war aber schon zu Lebzeiten Bin Ladens ein Problem. Hinterlässt er irgendwo auch eine Lücke?

Bin Laden wurde durch den 11. September zu einer überlebensgroßen Figur in den westlichen Medien und in der westlichen Politik. Dieses Bild hatte nur bedingt mit der Wirklichkeit zu tun. Er war aber wichtig für die Organisation aufgrund seines Charismas und seiner Verbindungen zum Golf. Als Saudi mit allerbesten Kontakten in sein ehemaliges Heimatland hat er sehr viel Geld akquiriert. Jetzt hat die Organisation offensichtlich große Finanzprobleme. Das Geld fließt zwar immer noch, aber nicht nach Pakistan, sondern zum regionalen Ableger in den Jemen.

DSC_86310312 Steinberg.jpg

Guido Steinberg ist Islamwissenschaftler. Als Mitglied der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik beschäftigt er sich unter anderem mit Al-Kaida und islamistischem Terrorismus.

Warum hat Bin Laden nicht einen seiner Söhne zum Nachfolger aufgebaut?

Einige wollten einfach nichts mit dem Terrornetzwerk zu tun haben. Nur ein Sohn, Saad bin Laden, soll innerhalb der Organisation eine Rolle spielen. Er scheint allerdings nicht das Format seines Vaters zu haben. Dabei wäre es wichtig für Al-Kaida, wieder einen Saudi oder Jemeniten in einer Führungsposition zu haben, um wieder Zugriff auf die Finanzquellen am Golf zu bekommen.

Was passiert jetzt mit den Witwen und kleineren Kindern von Bin Laden?

Sie werden in ihren Heimatländern unter Druck gesetzt, damit sie Informationen preisgeben, anschließend wird man sie in Ruhe lassen. Ansonsten hat das für die weitere Geschichte von Al-Kaida keine Bedeutung.

Wie reagiert Al-Kaida auf äußere Veränderungen wie den Arabischen Frühling?

Die Veränderung von Al-Kaida wird vor allem deutlich an dem Strategiewechsel, den die Organisation 2011 verkündet hat. Die Führung weiß, dass sie eine Schwächephase überstehen muss, und sie hat ihre Anhänger dazu aufgerufen, auch kleinere Anschläge überall zu verüben, wo es gerade möglich ist. Zum Arabischen Frühling gibt es eine interne Debatte, aber ohne Ergebnis. Ich bin überzeugt, dass Al-Kaida auch keine Antwort finden wird. Jahrelang hat man beispielsweise Husni Mubarak in Ägypten bekämpft und jetzt haben ihn die ärgsten Gegner Al-Kaidas - Säkulare, Liberale, Frauen, Demokraten, Blogger - gestürzt. Und das fast gewaltlos. Das zeigt die politische Irrelevanz von Al-Kaida. Die hat sie selbst verstärkt, weil sie ziellos Gewalt auch gegen Muslime eingesetzt hat.

DAB2324-20120428.jpg5981940242382387947.jpg

Abu Yahya al-Libi ist die neue Nummer zwei bei Al-Kaida. Der Libyer soll sich in Pakistan aufhalten.

(Foto: AP)

Könnte man die regionalen Ableger auch als Versuch sehen, wenigstens im Kleinen die einstigen Ziele zu erreichen?

Nein. Die regionalen Ableger sind mittlerweile unabhängige Organisationen, während Al-Kaida in Pakistan in den nächsten Jahren Probleme haben wird, zu überleben. Trotz aller politischen Irrelevanz hat Al-Kaida neue Handlungsoptionen gewonnen: Wichtige Gegner der Dschihadisten wie Mubarak oder Gaddafi in Libyen sind gestürzt worden. Andere sind unter Druck geraten wie die Regierungen im Jemen oder Syrien. Das bedeutet, dass die Mitglieder jetzt besser operieren können als vorher. Sie nutzen die Freiräume und bleiben präsent. Es hat sich allerdings gezeigt, dass sie nicht in der Lage sein werden, die Macht in einem dieser Staaten zu übernehmen. Oder auch nur eine wichtige politische Rolle. Sie können nur Gewalt anwenden.

Könnte noch einmal die Stunde für Al-Kaida kommen, falls die neuen Regime etwa in Ägypten oder Tunesien doch scheitern?

Organisationen wie die Muslimbruderschaft, an-Nahda in Tunesien oder Islah im Jemen waren immer wichtiger. Das sind die politischen Akteure, die möglicherweise noch eine lange Zukunft haben. Al-Kaida kann vielleicht noch ein paar Jahre agieren, aber dann werden Gruppen kommen, die wir heute noch gar nicht kennen. Oder möglicherweise die Salafisten in Ägypten. Oder, wenn wir da eine etwas geschicktere Politik führen, sind es vielleicht auch unsere Verbündeten in der Region - Liberale, Säkularisten, Demokraten.

DAB2107-20120429.jpg5022822540673570777.jpg

Der Ägypter Aiman al-Zawahiri stieg zum Chef von Al-Kaida auf. Doch dort ist er unbeliebt.

(Foto: AP)

Das Konzept von Al-Kaida hat also keine Zukunft?

Weil zu viele unbeteiligte Muslime umgekommen sind, hat sich das Modell Al-Kaida selbst ad absurdum geführt. Damit hat sie sich jeglicher Unterstützung beraubt. Wenn die jetzt aufkommenden islamistischen Regime oder Mischformen wie die in Ägypten scheitern sollten, wird Al-Kaida keine Alternative darstellen. 

Was ist mit Staaten wie Jemen, Somalia und Mali?

Deren Zukunft steht in den Sternen. Somalia existiert als Staat nicht mehr. Es ist weitgehend unerheblich, welche Miliz dort ihr Unwesen treibt. Andere Staaten drohen nachzufolgen, das ist zwangsläufig so, weil sie nicht in der Lage sind, die Bedürfnisse ihrer Bevölkerungen zu befriedigen. Der Jemen ist eines dieser Beispiele. Da ist Al-Kaida tatsächlich auch langfristig eine Gefahr. Bei aller Schwäche der Gesamtorganisation darf man das nicht aus den Augen lassen. Die Amerikaner haben Al-Kaida im Jemen längst als die noch größere Gefahr identifiziert und gehen dementsprechend entschlossen gegen sie vor.

Wie gefährlich ist Al-Kaida noch angesichts so vieler interner Schwierigkeiten?

Ich sehe eine gewisse Überbewertung des Phänomens. Al-Kaida war nie die große weltumspannende Organisation, als die sie dargestellt wurde. Auch die Anschläge des 11. September waren nur deshalb möglich, weil westliche Sicherheitsbehörden nicht professionell gearbeitet haben. Es geht trotzdem weiterhin eine indirekte Gefahr von Al-Kaida aus: In Europa gibt es mehrere tausend Sympathisanten, die jederzeit aktiv werden können. In Deutschland hat erst 2006 eine große Ausreisewelle nach Pakistan begonnen. Möglicherweise werden wir es hier einmal mit einheimischen Organisationen zu tun haben, die sich den deutschen Staat zum Ziel nehmen.

Sind diese Nacheiferer noch radikaler als das Original?

Radikaler als Al-Kaida kann man nicht sein. Für die Sicherheitsbehörden ist es aber schwieriger, gegen unberechenbare Einzelakteure vorzugehen als gegen eine Organisation.

Gerade angesichts ihrer Probleme könnte Al-Kaida solche selbstständigen Einzeltäter als Erfolg für ihre Ideologie sehen.

Ganz im Gegenteil. Die Organisation sieht das als Krisenzeichen. Die Führung will die Kontrolle behalten und am Ende Staaten beherrschen. Wenn eine Organisation wie Al-Kaida nicht mehr in der Lage ist, Attentate wie die vom 11. September durchzuführen, dann ist das ein Zeichen der Schwäche. Allerdings glaubt Al-Kaida, dass sie mit den Attentaten unverbundener Einzeltäter die derzeitige Schwächephase überbrücken muss.

Mit Guido Steinberg sprach Nora Schareika

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema