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Äußerung zu Sexismus-Debatte Brüderle erklärt den "Herrenwitz"

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Rainer Brüderle: "Ich hatte und habe ein reines Gewissen."

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Mehr als ein Jahr lang schweigt Rainer Brüderle zur Sexismus-Debatte. Jetzt redet er. Der Zeitpunkt ist kein Zufall. Es geht nicht nur um Selbstverteidigung, sondern auch um Selbstvermarktung.

Keine Reue, keine Entschuldigung - Rainer Brüderle nimmt in einem Interview nach mehr als einem Jahr des Schweigens erstmals Stellung zu den Sexismusvorwürfen gegen ihn. Die Hauptbotschaft des früheren Spitzenkandidaten der FDP: "Ich hatte und habe ein reines Gewissen". In dem Gespräch mit dem "Handelsblatt" unterstellt er vielmehr der Presse unlautere Methoden.

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Rainer Brüderle musste nach der Veröffentlichtung des Porträts "Der Herrenwitz" viel Spott über sich ergehen lassen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Brüderles neue Offenheit bei dem Thema dient allerdings nicht nur der Selbstverteidigung. Er nutzt das mediale Interesse an seiner Sicht der Affäre auch für Marketing in eigener Sache.

Ihren Ursprung hatte die Sexismus-Affäre auf dem Dreikönigsball der Liberalen 2012. An der Bar des Maritim-Hotels, dem Treffpunkt von Politikern und Journalisten, unterhielt sich der damals 66-jährige Brüderle mit der 38 Jahre jüngeren "Stern"-Reporterin Laura Himmelreich. Brüderle sagte: "Sie können ein Dirndl auch ausfüllen." Dann küsste er ihre Hand. "Ich möchte, dass sie meine Tanzkarte annehmen."

Zum Skandal entwickelte sich die Geschichte von der Hotelbar allerdings erst ein Jahr später. Ausgerechnet drei Tage, nachdem die FDP Brüderle zu ihrem Spitzenkandidaten gekürt hatte, veröffentlichte Himmelreich ein Porträt des Liberalen. Der Titel: "Der Herrenwitz". Himmelreich beteuert, dass sie darin auch ihre Verwunderung zum Ausdruck bringen wollte, dass ausgerechnet er die Zukunft der Liberalen sein soll. Sie beschreibt Brüderle in dem Porträt als einen provinzlerischen, in gestrigen Rollenbildern verfangenen alten Mann. Als Beleg für ihre These schildert sie auch die Szene an der Hotelbar und löst eine ausufernde Debatte über Sexismus in Deutschland aus. Berichte, Kommentare, Glossen - praktisch alle Medien berichteten ausführlich.

"Das war von langer Hand geplant"

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Laura Himmelreich: Schon in ihrem Porträt über Brüderle machte sie keinen Hehl daraus, dass es einen Zusammenhang zur Spitzenkandidatur gab. Sie wunderte sich darüber, dass ausgerechnet er die Zukunft der FDP sein soll.

(Foto: picture alliance / dpa)

Brüderle weigerte sich strikt, auf die Vorwürfe zu reagieren, bis jetzt. Brüderle unterstellt dem "Stern" nun, dass er der FDP und ihm übel mitspielen wollte. "Es ging doch nicht wirklich um diese Sätze, die ich nachts an einer Hotelbar in launiger Stimmung gesagt haben soll. Der 'Stern' wollte die FDP und mich beschädigen. Es war eine rein politisch motivierte Attacke." Brüderle glaubt nicht daran, dass die Nähe der Veröffentlichung des Porträts zu seiner Kür zum Spitzenkandidaten Zufall war, auch von Himmelreichs Erklärung zu den Gründen für den Termin hält er wenig: "Am Montag werde ich zum Spitzenkandidaten gewählt. Am Mittwoch liegt der gedruckte 'Stern' auf meinem Schreibtisch. Das war doch von langer Hand geplant."

In seiner Medienkritik geht Brüderle noch weiter und spricht nicht nur von einer Kampagne des "Stern", sondern von großen Teilen der deutschen Presse. Brüderle spricht von einem "neuen Phänomen" in der politischen Kultur. "Es gab doch in den Redaktionen regelrechte Freudenfeste, als die FDP aus dem Bundestag geflogen ist", sagt er. "In den darauffolgenden Wochen ist mit einer Häme über uns hergezogen worden, die ich in vierzig Jahren Politik noch nicht erlebt habe."

Um Sexismus geht es nur in ein paar Sätzen

Während sich Brüderle ausführlich angeblichen Intrigen der Presse widmet, handelt er die Frage, ob er an jenem Abend an der Hotelbar unabhängig von der medialen Debatte, die darauf folgen sollte, sexistisch war, mit ein paar Sätzen ab. "Was ich gesagt habe, war nicht böse gemeint", sagt er. Einen Grund sich zu entschuldigen sieht er nicht. "Die 'Stern'-Reporterin hat mich danach auf mehreren Terminen begleitet, fuhr mit mir im Auto mit. Das macht doch niemand, der sich belästigt fühlt." Aussagen, die durchaus das Potenzial haben, eine erneute Debatte über Sexismus zu entfesseln.

Wenn auch nicht unter diesen Vorzeichen, ein wenig mehr Aufmerksamkeit ist aber wohl auch genau das, was Brüderle mit dem Interview bezweckt. Dass er ausgerechnet jetzt sein Schweigen zur Sexismus-Debatte bricht, hat laut dem Liberalen vor allem einen Grund. In Wahlkampfzeiten hätten offene Worte der Partei noch mehr geschadet. "Ich bin heute noch überzeugt, dass ich die politische Debatte anders nicht überstanden hätte. Da kommen sie mit der Wahrheit nicht weiter, wenn Frauenrechtlerinnen wie Alice Schwarzer im Kampfmodus sind." Jetzt sei der Wahlkampf lange vorbei. "Jetzt kann ich reden." Abgesehen von Parteitaktik dürfte Brüderles neue Offenheit zu genau diesem Zeitpunkt aber vor allem mit der Veröffentlichung seines neuen Buches zusammenhängen. Es trägt den Titel "Jetzt rede ich" und erscheint am Mittwoch.

Brüderle wird Berater

Neben der Himmelreich-Affäre geht Brüderle in dem Buch auch ausführlich auf die Schwäche der FDP und das Wahldebakel ein. Auch sein schwerer Sturz mitten in der Wahlkampfzeit, bei dem er sich mehrere Knochenbrüche zuzog, ist ein Thema. Im Interview mit dem "Handelsblatt" reißt er diese Punkte an. Wie bei einer guten Serie beantwortet er aber noch nicht alle Fragen. Brüderle setzt auf einen Cliffhanger hier und da. Im Interview heißt es dann: "Mehr verrate ich hier nicht, das steht alles im Buch."

Die Aufmerksamkeit, die ihm angesichts der von vielen heißersehnten Äußerungen zur Sexismuss-Debatte dieser Tage gewiss ist, nutzt er dann auch gleich noch, um für sein neues Unternehmen zu werben. "Die Firma heißt 'Rainer Brüderle Consult'", sagt er in dem Interview. Brüderle will ins Beratungs- und Projektentwicklungsgeschäft einsteigen.

Quelle: n-tv.de

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