Politik

Wo beginnt menschliches Leben? CDU gegen Gentests an Embryos

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Wo beginnt das Leben? Die Frage ist lange schon umstritten - und bleibt wohl lange noch offen.

(Foto: dapd)

Mit hauchdünner Mehrheit spricht sich der CDU-Parteitag in Karlsruhe für ein Verbot der Präimplantationsdiagnostik (PID) aus. Der Streit über die Gentests an Embryos spaltet die Partei bis in die Spitze. Es ist eine emotionale und leidenschaftliche Debatte, "eine der Sternstunden der Partei", wie Baden-Württembergs Ministerpräsident Mappus meint.

Die CDU windet sich, sie ringt mit sich. Es ist ein moralisches Dilemma. "Wer ist glücklicher: Ein Kind, das behindert ist, oder ein Kind, das nicht perfekt ist?", fragt Julia Klöckner die CDU-Anhänger in der Karlsruher Messehalle. "Das kann auch der Deutsche Bundestag nicht entscheiden." Die rheinland-pfälzische CDU-Vorsitzende ist deshalb für ein striktes Verbot der Gentests an Embryonen, der Präimplantationsdiagnostik (PID). Bundesfamilienministerin Kristina Schröder widerspricht. "Es ist das kleinere Übel, wenn wir die PID zulassen." Kein Paar werde sich diesem anstrengenden Prozess unterziehen, nur um die Haarfarbe eines Kindes festzulegen. Schröder möchte den Wunsch nach gesunden Kindern auch solchen Paaren ermöglichen, die ohne eine künstliche Befruchtung mit dem Ausschluss von Erbkrankheiten keine Chance auf Nachkommen hätten.

Die Frage nach einem PID-Verbot spaltet die CDU, von der Basis bis in die Parteispitze. Gegner wie Befürworter führen ethische und moralische Argumente ins Feld, auf beiden Seiten finden sich prominente Vertreter der CDU-Führung. Klöckner ist ebenso für ein Verbot wie Fraktionschef Volker Kauder, Generalsekretär Gröhe oder Bundeskanzlerin Angela Merkel. Dagegen sprechen sich unter anderem Schröder, Arbeitsministerin Ursula von der Leyen und Bundestagspräsident Norbert Lammert aus. In Karlsruhe setzen sich am Ende die Befürworter eines Verbots äußerst knapp mit 51 Prozent durch. Die CDU stimmt für ein Verbot der PID. Ist der Streit damit beendet?

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Kanzlerin Merkel hatte sich klar gegen PID ausgesprochen.

(Foto: dapd)

"Die Debatte ist so lange nicht vorbei, bis der Bundestag entschieden hat", sagt Jens Spahn, Gesundheitsexperte der Unionsfraktion n-tv.de. Mit dem Ergebnis ist er zwar zufrieden. "Mehr Zustimmung für ein Verbot wäre natürlich schöner gewesen." Spahn sieht aber in der langen und intensiven Diskussion über die PID bereits einen "Wert an sich". Das meint auch PID-Gegnerin Klöckner. "Es gibt keine Verlierer. Der Gewinner ist die Partei", sagt sie n-tv.de. Sie sei sehr zufrieden mit dem Ergebnis und der Diskussion auf so hohem Niveau. Dass sei ein Systemwechsel in der Kommunikation gewesen. Dass die Abgeordneten des Bundestags nicht an die Entscheidung der CDU gebunden sind, stört weder Klöckner noch Spahn. Schließlich gehe es um eine Gewissensentscheidung, zu der man auch die Partei befragen müsse. "Alles andere wäre eine Entmündigung der CDU gewesen", so Klöckner.

Um Respekt bemüht

Das knappe Ergebnis spiegelt in der Tat die Auseinandersetzung in der CDU wieder. Es ist eine emotionale, leidenschaftliche und doch sehr sachliche Debatte. 31 Redner melden sich zu Wort. Sie sprechen auffallend leise, vorsichtig, sind um Respekt vor der anderen Meinung bemüht. Das ist ein seltenes Erlebnis in der politischen Auseinandersetzung und macht den Streit deshalb so interessant. "Die Debatte war eine der Sternstunden der Partei", sagt hinterher Baden-Württembergs Ministerpräsident Stefan Mappus. "Sie rührt an die Seele der Partei", beschreibt es Bundestagspräsident Lammert.

Das liegt in der Sache begründet. Bei der PID werden im Reagenzglas erzeugte Embryonen auf Erbkrankheiten untersucht, bevor sie in den Mutterleib eingepflanzt werden. Sie können aussortiert werden, wenn eine Fehlgeburt oder die Geburt eines behinderten Kindes droht. Zwei zutiefst moralische Argumente prallen deshalb in Karlsruhe aufeinander: Der Schutz des ungeborenen Lebens in Form einer befruchteten Eizelle und das Leid der Paare, die trotz der Anlage für schwere Erbkrankheiten auf gesunde Kinder hoffen.

PID-Gegner wie CDU-Generalsekretär Gröhe befürchten, dass die Tür aufgemacht wird für die Selektion von Menschen. Sie bezweifeln wie Bundeskanzlerin Merkel, dass sich eine klare Grenze ziehen lässt, bei welchen Krankheiten Embryos aussortiert werden dürfen. Und sie berufen sich auf den christlichen Glauben und das Grundsatzprogramm der CDU. "Wenn das Leben ein Geschenk Gottes ist, dann dürfen wir das Geschenk nicht neu packen", drückt es Klöckner aus. "Was manchmal als Zellklumpen bezeichnet wird, hat nicht nur das Potenzial - es ist menschliches Leben", sagt Spahn. "Wenn wir nicht wollen, dass am Leben experimentiert wird, dann dürfen wir heute die PID nicht zulassen", fordert Fraktionschef Kauder . Und allesamt weisen sie darauf hin, dass die CDU in ihrem Grundsatzprogramm von 2007 das Verbot längst beschlossen hat. "Wenn das Grundsatzprogramm nicht mehr gilt, was gilt dann noch?", fragt deshalb ein Redner.

Davon lassen sich die Befürworter der PID allerdings nicht beeindrucken. Die Debatte ist neu entflammt, weil der Bundesgerichtshof in einem Urteil einen Arzt freigesprochen hat, der trotz geltenden Verbots eine Untersuchung von befruchteten Eizellen vorgenommen hatte. "PID ist medizinische Hilfe für Eltern in schwieriger Situation", begründet Peter Hintze seinen Einsatz für die Untersuchung. Es sei ein Gebot der humanitären Vernunft, die Erkenntnisse der modernen Medizin betroffenen Paaren zukommen zu lassen, erklärt der einflussreiche Vorsitzende der NRW-Landesgruppe im Bundestag.

Ein Dammbruch?

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Die CDU-Delegierten führten eine offene, respektvolle Debatte.

(Foto: dapd)

Hintze und seine Mitstreiter stören sich vor allem an der vermeintlichen Doppelmoral bei den Argumenten der PID-Gegner, die von einem Dammbruch bei der Selektion menschlichen Lebens sprechen und auch Embryos vor Tötung schützen wollen. "Was für ein Damm bricht denn da?", fragt Hintze die Delegierten. Es gebe doch schon längst Schwangerschaftsabbrüche oder die Spirale, die verhindert, dass sich die befruchtete Eizelle einnisten kann. Noch viel schwerer aber für ihn wiegt, dass die Untersuchung von Föten im Mutterleib und bei einer schweren Behinderung sogar die Abtreibung bis in den neunten Monat erlaubt ist, die Untersuchung in der Petrischale aber verboten sein soll. "Das verstehen Eltern nicht", ruft auch die Bundestagsabgeordnete Ursula Heinen-Esser. Die Tür zur Selektion ungeborenen Lebens stehe schon sperrangelweit offen.

Die CDU hat die Tür im Fall der PID aber nun erst einmal wieder geschlossen. Im Bundestag allerdings könnte sie aber schnell wieder geöffnet werden. Zum einen sind die Abgeordneten ausdrücklich nur an ihr Gewissen gebunden. Zum anderen lehnt die FDP als Koalitionspartner ein striktes PID-Verbot ab. Bundestagspräsident Lammert fasst das Dilemma der Abgeordneten zusammen. "Ich weiß noch nicht, wie ich am Ende eines Gesetzesvorhabens votieren werde."

Quelle: ntv.de