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Das Foto zeigt Che Guevara im Jahr 1965 - zwei Jahre vor seinem Tod.
Das Foto zeigt Che Guevara im Jahr 1965 - zwei Jahre vor seinem Tod.(Foto: picture-alliance / dpa)
Montag, 09. Oktober 2017

50. Todestag des Guerilleros: Das Ende des "Heiligen Che" in Vallegrande

Das Ende ist kläglich. Aber das Bild des toten Che Guevara schafft vor 50 Jahren den Märtyrer-Mythos eines der berühmtesten Guerilleros der Welt. Er ist bis heute umstritten, aber sein Einfluss unstrittig. Ein Ortsbesuch in Vallegrande, wo das letzte Bild entstand.

Damals haben sie ihn verraten, heute wird er hier als Heiliger verehrt. Gonzalo Flores Guzmán steht mit einer Gruppe japanischer Touristen in der wohl berühmtesten Waschküche der Welt. "Hier haben sie die Leiche zur Schau gestellt, damit alle Welt weiß: Che ist tot", erzählt Guzmán. "Er hatte die Augen offen, für viele sah er wie ein Heiliger aus. Sie haben ihn San Ernesto getauft."

Touristenführer Gonzalo Flores Guzmán am Che-Guevara-Mausoleum.
Touristenführer Gonzalo Flores Guzmán am Che-Guevara-Mausoleum.(Foto: dpa)

Auf dem Waschtisch aus Beton haben sie den von dem Soldaten Mario Térán erschossenen Ernesto "Che" Guevara de la Serna im Oktober 1967 aufgebahrt. Heute stehen weiße Rosen darauf, der Raum ist voll mit Wandkritzeleien wie: "Die Völker der Welt folgen deinem Beispiel." Man fragt sich bei einem Besuch im bolivianischen Vallegrande, wie Che Guevara vor genau 50 Jahren auf die Idee kommen konnte, in dieser verschlafenen Region eine linke Revolution anzetteln zu wollen.

Der Leichnam des Guerilleros, dessen Bolivienabenteuer mit seinem Tod am 9. Oktober 1967 kläglich scheiterte, war nur zwei Tage hier. Das reichte aber, um den 6000-Seelen-Ort für immer zu verändern. Zum 50. Todestag gibt es Hoffnungen auf einen Touristenschub. "Hier haben sie ihm die Hände abgetrennt, um sie nach La Paz zu schicken, damit es den letzten Beweis gibt: es ist Che", sagt Guzmán in der Waschküche.

"Er lebt". Ein Porträt von Che Guevara ziert eine Hausfassade des Krankenhauses Señor de Malta in Vallegrande.
"Er lebt". Ein Porträt von Che Guevara ziert eine Hausfassade des Krankenhauses Señor de Malta in Vallegrande.(Foto: dpa)

Die Leiche von Che und einigen Mitkämpfern wurde neben der Piste des Flugplatzes verscharrt, man wollte einen Wallfahrtsort verhindern. Erst 30 Jahre später wurde das Skelett in Vallegrande gefunden. Dort ist heute ein Mausoleum, eine weitere Station auf der Che-Tour von Guzmán. Doch die sterblichen Überreste Che Guevaras kamen nach dem Fund in das weit opulentere Mausoleum im kubanischen Santa Clara.

Folgenschweres Treffen mit Fidel Castro

Er wird am 14. Juni 1928 in der argentinischen Stadt Rosario geboren und entstammt einer wohlhabenden Familie. Der junge Ernesto - "Che" ist das argentinische Wort für Kumpel - studiert Medizin, prägend wird eine Motorradtour durch ganz Südamerika, bei der er mit Not und Unterdrückung konfrontiert wird. "Dieses Herumziehen in unserem Amerika hat mich mehr verändert, als ich gedacht hätte", notiert er.

Die einen verdammen ihn. Andere verehren Che Guevara, wie hier im kubanischen Santa Clara zu seinem 50. Todestag.
Die einen verdammen ihn. Andere verehren Che Guevara, wie hier im kubanischen Santa Clara zu seinem 50. Todestag.(Foto: AP)

Er verehrt den sowjetischen Diktator Josef Stalin und schwört einen erbitterten Kampf gegen den Kapitalismus. 1955 lernt er in Mexiko Fidel Castro kennen, der sich hier auf den Kampf gegen den kubanischen Diktator Fulgencio Batista vorbereitet. Sie landen 1956 in Kuba, kämpfen in der Sierra Maestra, die Bewegung wird immer größer. 1959 marschieren sie in Havanna ein, Batista ist Geschichte.

Che Guevara wird Chef der kubanischen Nationalbank, er zeichnet die Peso-Noten mit "Che" - bis heute sind sie in Kuba zu kaufen. Er formt mit Castro eine totalitäre Diktatur. 1961 wird Che Guevara ein wenig erfolgreicher Industrieminister. Mit Castro kommt es zu Reibereien. Che Guevara verlässt Kuba.

Unter falschem Namen nach Bolivien

Nach einem missratenen Kongo-Abenteuer reist er am 3. November 1966 mit verändertem Aussehen und falscher Identität in Bolivien ein. Seine deutsche Mitkämpferin Tamara Bunke organisiert die Logistik. Sie gewinnen ein paar Minenarbeiter für den Kampf im tropischen Tiefland im Süden, dazu stoßen einige Kubaner. Hauptmann Gary Prado, der Che Guevara später festnimmt, sagt: "Sie kannten die Gegend nicht, hatte keine Karten und wandten sich orientierungslos an Bauern. Und die informierten Soldaten."

Antonia Maria Freude sah den toten Che Guevara, wie er im Waschhaus aufgebahrt war.
Antonia Maria Freude sah den toten Che Guevara, wie er im Waschhaus aufgebahrt war.(Foto: dpa)

Am 8. Oktober 1967 umzingelt Prado bei einer Schlucht mit einem Bataillon die letzten Guerilleros. Einen Tag später wird Che Guevara in der Schule des Dorfes La Higuera von dem angetrunkenen Soldaten Terán erschossen - Boliviens Präsident René Barrientos hatte die Exekution angeordnet, um einen Prozess mit Hunderten Journalisten aus aller Welt zu vermeiden. Außerdem galten die Gefängnisse als zu unsicher, man fürchtete Befreiungsversuche.

"Er sah so aus wie ein Christus"

Die Leiche wird per Hubschrauber nach Vallegrande gebracht. Aber das Aufbahren im Waschhaus, das Märtyrer-Bild, das um die Welt ging, nährt schließlich ganz entscheidend den Mythos des Che. Die aus dem Münsterland stammende Ordensschwester Antonia Maria Freude, die damals im örtlichen Krankenhaus arbeitete, berichtet, Vallegrande habe nie so viele Leute gesehen wie in diesen Tagen.

Die 81-Jährige findet es bis heute komisch, dass die Guerilleros hier kämpften. Denn 1952 hatte es in Bolivien eine Revolution mit einer Landreform gegeben, Präsident Barrientos war gerade auf dem Land beliebt. Für revolutionäre Ideen, ein zweites Kuba, war man nicht empfänglich. Schwester Antonia hatte am Tag der Ankunft der Leiche zu tun in der Entbindungsstation. "Aber am nächsten Tag bin ich extra früher aufgestanden, um ihn mir im Waschhaus anzuschauen." Der Eindruck blieb haften, die verfilzten Haare, der bärtige Che, mit offenen Augen, der Oberkörper entblößt. "Er sah so aus wie ein Christus".

Was von Che bleibt? Polarisierung auf jeden Fall, für die einen ein ideologiegetriebener Mörder, für die anderen ein Vorbild im Kampf für eine gerechtere Welt, der heute im Ringen gegen Unterdrückung und Ausgrenzung durch einen ungezügelten Kapitalismus fortlebt. Boliviens sozialistischer Staatschef Evo Morales fördert heute den Che-Kult nach Kräften. Der Biograf Jorge Castañeda meint, Che Guevara sei so populär über den Tod hinaus, weil sich auch dank seiner Person eine irreversible kulturelle Revolte in der westlichen Welt entwickelt habe - "danach sollte die Welt nie wieder wie vorher sein".

Quelle: n-tv.de