Politik

Anschläge von Bottrop und Essen Der tödliche Cocktail der einsamen Wölfe

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Ermittlungen am Tatort in Bottrop.

(Foto: dpa)

Anschläge wie die von Bottrop und Essen werden häufig mit den psychischen Problemen der Täter erklärt. Das greift zu kurz: Es ist die persönliche, individualisierte Kränkungsideologie, die den Einsamen-Wolf-Terrorismus kennzeichnet.

In der Silvesternacht hat ein Mann an vier Orten in Bottrop und Essen einen Anschlag mit seinem Auto durchgeführt. Spätestens seit dem Weihnachtsmarktanschlag in Berlin im Dezember 2016 schrillen bei einem solchen Fall die Alarmglocken. Doch der Täter war kein radikaler Islamist, sondern Andreas N., ein 50-Jähriger Deutscher, der offenbar aus fremdenfeindlichen Motiven handelte. Dennoch gibt es Parallelen.

"Was sind das für Menschen, die so etwas tun können?", fragt sich der Beobachter bei solchen Attentaten oft. Einzeltäter, die agieren, ohne direkt zu einer Terrororganisation zu gehören und einer Hierarchie unterworfen zu sein, bezeichnet man als Einsame Wölfe. Häufig haben sie sich über das Internet radikalisiert. Das passiert nicht über Nacht. Anschläge mit Fahrzeugen gelten generell als besonders perfide und waren in dieser Form lange eher aus anderen Weltregionen bekannt. Andreas N. scheint sich als Arbeitsloser benachteiligt gefühlt und Flüchtlinge als Sündenböcke für sein eigenes Dilemma erkoren zu haben. Das wird bereits an der Opferauswahl deutlich, da sich unter den Verletzten Syrer und Afghanen befinden.

Wer die Taten aber auf psychologische Aspekte reduziert, greift zu kurz. Von daher fallen die ersten Reaktionen auf den Anschlag richtig aus, wenn der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul offen einen terroristischen Hintergrund einräumt. Oftmals wird alleine auf eine Fülle von Persönlichkeitsstörungen verwiesen, die solche Einzeltäter in der Regel aufweisen. Bei Andreas N. war offenbar Schizophrenie diagnostiziert worden. Das erstaunt nicht, sieht man auf Vergleichsfälle wie den des Österreichers Franz Fuchs, ebenfalls mittleren Alters, der in den 1990er Jahren mit Briefbombenanschlägen mehrere Menschen tötete.

Teil eines ideologischen Rudels

Ebenso wenig überrascht, dass der Täter polizeilich nicht auffällig war. Das gilt auch für den Norweger Anders Behring Breivik und seinen Nachahmungstäter David S., der am 22. Juli 2016 die Stadt München in einen Schockzustand versetzte. Bei vielen dieser Einzeltäter finden sich Anknüpfungspunkte für fehlendes Einfühlungsvermögen und Kränkungen: das oftmals zerrüttete Elternhaus, die fehlende Fähigkeit für soziale und partnerschaftliche Beziehungen, fehlende Jobperspektiven und diagnostizierte Krankheitsbilder wie Autismus, Depressionen oder Zwangsstörungen. Es gibt aber eben auch eine andere Dimension als wichtigen Erklärungsfaktor: die Ideologie des Hasses, die nicht nur motivierend, sondern letztlich tatauslösend wirkt. Die Täter beschäftigen sich in Selbstpsychologie mit den Hintergründen von Amokläufern und Terroristen. Terror von Einsamen Wölfen ist gekennzeichnet von einer persönlichen, individualisierten Kränkungsideologie. Zusammengerührt mit politischen Einstellungen ergeben persönliche Frustrationen und Kränkungen einen tödlichen Cocktail.

Rechtsterroristisch motivierte Einsame-Wolf-Terroristen sind nicht nur psychisch auffällig, sondern auch Teil eines größeren ideologischen Rudels. Sie zeigen sich von vorgeführten Aggressionen - etwa medialen und virtuellen Diskussionen über Terrorismus - angetan und sehen hier ein probates Mittel, ihre Probleme und Wünsche zu artikulieren. Ihr rassistisches Weltbild teilt die Welt in Freund und Feind, ihr Hass richtet sich gegen Minderheiten. Ob in Österreich, Großbritannien, Schweden oder Deutschland - in den Ländern, wo die Täter losschlugen, war immer eine polarisierende Debatte, speziell über Migranten entfacht. Es wäre daher verfehlt, den gesellschaftlichen Kontext auszublenden. Es zeigt sich vielmehr: Die Täter durchliefen einen langen Prozess der Radikalisierung.

In ihrer eigenen Realität handeln die Täter jedoch selbstgesteuert und mit Blick auf die Konsequenzen bewusst. Über Jahre hinweg haben sie ein politisches Feindbild entwickelt, das sie mit terroristischen Mitteln zu bekämpfen versuchen. Einsame Wölfe sind die Symptome der Welt, in der wir leben, auch wenn wir die Ursachen gerne verdrängen. Einsame Wölfe führen aber oftmals nur eine einzige Tathandlung aus.

Bereits 2011 sagte der damalige US-Präsident Barack Obama nach dem Fall Breivik, "einsame Wölfe" seien die größte Gefahr für die Sicherheit der Vereinigten Staaten. Das gilt auch hierzulande, auch wenn das nicht so offen eingeräumt wird. So spricht der Verfassungsschutz davon, dass der Begriff die Täter glorifiziere. Um dies zu verhindern, müssen deren Taten im politischen Zusammenhang gesehen werden. Es wäre ein Fehler, die Absichten der Täter durch Entpolitisierung und Pathologisierung zu negieren. Nicht nur innerhalb des islamistischen Terrorismus, auch innerhalb des Rechtsextremismus gilt: Die neue Täterstruktur des Einsamen Wolfs wächst in bedeutendem Maße. Solche Täter sind zwar nicht in Partei oder Organisation eingebunden, handeln aber trotzdem aus politischen Motiven, etwa aus Rassismus.

Quelle: ntv.de

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