Karten in Nahost neu gemischtDie Hamas im zweiten Frühling

Raketenfeuer aus dem von der Hamas kontrollierten Küstenstreifen in Richtung Israel, Vergeltungsangriffe der israelischen Luftwaffe und Mobilisierung von Panzereinheiten: Vieles erinnert dieser Tage an den Gazakrieg vor vier Jahren. Doch der jüngste Schlagabtausch findet in einer völlig neuen politischen Umgebung statt.
Der arabische Frühling hat das Machtgefüge im Nahen Osten umgeworfen. Bis zum Ausbruch der Revolte hatte die Hamas in diplomatischer Isolation verharrt - jetzt hat die radikal-islamische Organisation neue Verbündete an ihrer Seite. In Ägypten regiert nicht mehr Husni Mubarak, sondern der Muslimbruder Mohamed Mursi.
Während Mubarak anti-israelische Proteste noch niederknüppeln ließ, muss sein demokratisch gewählter Nachfolger Rücksicht auf die öffentliche Meinung nehmen. Zudem steht Mursi der Hamas ideologisch nahe: Seine Muslimbrüder sind eine Art Vorläufer der palästinensischen Hamas.
In Syrien herrscht unterdessen Bürgerkrieg, erstmals schlugen Artilleriegeschosse auch auf den von Israel besetzten Golanhöhen ein. Im Libanon lauert die Hisbollah, bedroht vom Verlust ihres jahrzehntelang engsten Verbündeten Baschar Al-Assad. Obendrein haben aus dem libyschen Bürgerkrieg gegen Muammar al-Gaddafi Raketen, Granaten und Gewehren ihren Schmuggelweg nach Ägypten und in den Gazastreifen gefunden.
Von Damaskus nach Katar
Die Hamas stand lange an der Seite des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad; jahreland fand Hamas-Chef Chaled Maschaal Unterschlupf in Damaskus. Mit dem Aufstand gegen Assad zerbrach dieses Bündnis. Die Hamas-Zentrale in Damaskus wurde aufgegeben, auf Kosten des guten Verhältnisses zu ihrem größten Unterstützer, dem Iran. Stattdessen verbesserte man die Beziehungen zu amerikanischen Verbündeten wie Ägypten, Katar und der Türkei.
Viele Funktionäre der Hamas leben heute in Ägypten, wo die befreundete Muslimbruderschaft regiert. Maschaal lebt mittlerweile überwiegend in Katar, das die Aufständischen gegen Aassad unterstützt.
Bis zum Beginn des Arabischen Frühlings sah sich die Hamas von Israel und Ägypten ökonomisch eingekreist, erdrückt von den israelischen Sicherheitskräften und der palästinensischen Autonomiebehörde im Westjordanland. Während sich das Volk nach einer Aussöhnung mit der dort dominierenden Fatah sehnte, verstrickte sich die Hamas-Führung in Widersprüche. Sie wollte eine islamistische Bewegung sein, doch ihr Regierungshandeln war säkular; gleichzeitig bezeichnete man sich als anti-israelische Widerstandsbewegung, doch die von Gaza ausgehenden Angriffe auf Israel verurteilte sie regelmäßig.
Hamas immer unbeliebter
Zudem nahm die Popularität der Hamas ab. Aktuelle Umfragen stellen "einen signifikanten Rückgang der Beliebtheit der Hamas im Gazastreifen" fest. Gerade mal ein Drittel der Palästinenser bewerten ihre Hamas-Herrscher sechs Jahre nach der Wahl noch positiv. Die Hamas hatte die palästinensischen Parlamentswahlen unter anderem deswegen gewonnen, weil die Fatah im Ruf stand, korrupt zu sein. Inzwischen wird die Hamas als fast ebenso korrupt eingeschätzt. 73 Prozent der Befragten glauben, dass in den Einrichtungen der palästinensischen Autonomiebehörde im Westjordanland Korruption herrscht, während immerhin 62 Prozent von Korruption in den Einrichtungen der Regierung im Gazastreifen ausgehen.
Darüber hinaus leidet der Ruf der Hamas als potente Widerstandsbewegung. So schlossen sich militante Hamas-Mitglieder Gruppierungen an, die sich stärker an der Einhaltung islamistischer Vorschriften orientieren und auch regelmäßig Raketen Richtung Israel schießen. Der zunehmende Waffenschmuggel in den Gazastreifen bewirkte, dass die Hamas ihr Gewaltmonopol verlor. In Gaza führen der Islamische Dschihad sowie unabhängig agierende Kleinstgruppen mit Waffen aus dem Iran und den geplünderten Beständen des gestürzten libyschen Regimes einen Kleinkrieg gegen Israel. Der Widerspruch zwischen militanter Rhetorik und dem weitgehenden Einhalten eines inoffiziellen Waffenstillstands mit Israel trug dazu bei, dass die Hamas an Glaubwürdigkeit verlor.
Rückkehr mit neuen Freunden?
Nachdem die Muslimbruderschaft in Ägypten die Macht übernahm, hat die Hamas jedoch einen neuen Verbündeten an ihrer Seite. Die neutrale Haltung unter Mubarak ist Vergangenheit. Mursi hat sich von Washington distanziert und Gaza angenähert. Entsprechend radikal klingen die Worte des ägyptischen Besuchs. Ägypten stehe unverbrüchlich an der Seite der Palästinenser, sagte Ministerpräsident Hischam Kandil bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem Regierungschef der radikal-islamischen Hamas, Ismail Hanija. Die Opfer der israelischen Angriffe bezeichnete er als "Märtyrer".
Dass Ägypten sich im Gazakonflikt klar positioniert, hatte Präsident Mursi bereits am Mittwoch klargemacht. Er ließ den Botschafter aus Israel abziehen und beantragte eine Dringlichkeitssitzung der Arabischen Liga und der Vereinten Nationen. Den Palästinensern versicherte Mursi: "Wir stehen an der Seite der Palästinenser, um die israelische Aggression in Gaza zu stoppen." Israel müsse begreifen, dass "diese Aggression inakzeptabel ist und nur zu Instabilität in der Region führt".