Politik

Auf eine Schorle in Dortmund "Die Kanzlerin hat mich nie gefragt"

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Dieter mag Apfelschorle, hat aber so seine Probleme mit Rumänen.

(Foto: Julian Vetten)

"Ghetto", "No-go-Area", "Problembezirk": Die Dortmunder Nordstadt ist ein vielzitiertes Negativbeispiel von missglückter Integration. Vor allem eine Bevölkerungsgruppe erregt den Zorn der Bewohner - auch den des Alt-Hippies Dieter.

In Deutschland leben mehr als 82 Millionen Menschen - und doch kommen viel zu oft nur die üblichen Verdächtigen oder die mit den lautesten Parolen zu Wort. Um das zu ändern, reisen wir bis zur Bundestagswahl am 24. September durch Deutschland und bitten Menschen um ihre Meinung, die sonst damit hinter dem Berg halten würden. Die Artikel erscheinen immer mittwochs. Diese Woche sind wir zu Gast im Ruhrgebiet.

Dortmund ist kein Ort für heiße Tage: Im Sommer mutiert die fast völlig baumlose Innenstadt zur Betonsauna - und während man sich in manch anderer deutschen Großstadt vor Parks und Badeseen kaum retten kann, muss man in der Ruhrmetropole ziemlich lange danach suchen. Immerhin gibt es den Dortmund-Ems-Kanal: Der ist zwar weder besonders sauber noch besonders wohlriechend, endet dafür aber erst kurz vor dem Zentrum im Stadthafen und lockt deswegen erstaunlich viele Besucher an seine Ufer. So wie Isaac, Jens und Dieter, die in der prallen Sonne Würstchen und Maiskolben auf ihrem selbstgebauten Grill brutzeln und dabei gekonnt die deprimierenden Müllberge um sich herum ignorieren.

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In der Nordstadt sind verwahrloste Hinterhöfe keine Ausnahme, sondern eher die Regel.

(Foto: imago/Ralph Lueger)

Während aus den Lautsprechern der Boombox Metal brüllt und Bratwurstfett zischend in die Glut tropft, nimmt Dieter einen tiefen Schluck von seiner Apfelschorle und überlegt, wie er seine Einstellung zur Politik am besten in Worte fasst. "Es ist alles so festgefahren. Neue Ideen haben bei unseren Politikern gar keine Chance. Dass sich am Status quo nichts ändern lässt, hat man doch schon an der Sache mit den Piraten gesehen", sagt der feingliedrige Tank-Top-Träger schließlich und schüttelt dabei so heftig mit dem Kopf, dass sein graumelierter Pferdeschwanz noch eine Weile nachwippt.

Als komplette Katastrophe empfindet Dieter den eingespielten Politikbetrieb in Deutschland dann allerdings auch wieder nicht: "Merkel ist eine gute Politikerin, wenn man sich mal die ganzen Erdogans und Trumps anschaut, die sonst gerade so an der Macht sind. Nur eine Sache, die stört mich ganz gewaltig: Dass die Kanzlerin damals bei den Flüchtlingen gesagt hat, wir schaffen das." Es ist das "Wir" in der Aussage, das Dieter ärgert, denn ihn "hat sie schließlich nicht gefragt". Seine beiden Freunde, die der Unterhaltung bis dato mit eher skeptischer Miene gefolgt sind, nicken nun energisch - auch sie wurden nicht gefragt.

"Drogenhandel, Arbeitsstrich, Gewaltorgien"

Die drei Männer wohnen in der Nordstadt, dem Dortmunder Bezirk, der in den vergangenen Jahren wahlweise als "Ghetto", "No-go-Area" oder "Problembezirk" Schlagzeilen machte. Isaac, Jens und Dieter hätten eine ganze Menge darüber zu erzählen, was passiert, wenn zu schnell zu viele Menschen aus fremden Kulturkreisen an einen Ort kommen, ohne ein vernünftiges Konzept für ihre Integration zur Hand zu haben. "Drogenhandel, Arbeitsstrich, Gewaltorgien", sind die Schlagwörter, die Dieter einfallen, wenn er über sein Viertel nachdenkt. Und tatsächlich: In der Nordstadt lebt nicht nur ein gutes Drittel der Bevölkerung von Hartz IV, auch die Kriminalitätsstatistik untermauert Dieters Thesen.

Allerdings hätte ein "Nein" der Bundeskanzlerin in der Flüchtlingsfrage herzlich wenig an der Situation in Dortmunds Norden geändert: Die Bevölkerungsgruppe, die nach Meinung der drei Männer für den Niedergang des Bezirks verantwortlich ist, stammt weder aus dem Irak noch aus Syrien oder Nordafrika, sondern aus einem EU-Land. "Die Rumänen kommen mit dem erklärten Ziel hierher, den Sozialstaat auszunutzen und machen dabei die Nordstadt kaputt. Sie holen ihre ganze Großfamilie nach, bescheißen, wo es nur geht, und haben nach drei Monaten einen A6 vor der Tür stehen, ohne jemals gearbeitet zu haben", bricht es aus Dieter heraus. Man sieht dem Mann, der sich selbst als Alt-Hippie bezeichnet, an, wie schwer ihm dieses Zugeständnis an die Erfahrungswerte seiner Lebenswirklichkeit fällt.

Dass politische Korrektheit in der Nordstadt keinen Platz hat und sein Freund über jegliche Rassismusvorwürfe erhaben ist, stellt indes Isaac klar: "Ich stamme von den Fidschis und bin vor 20 Jahren nach Dortmund gezogen. In der Nordstadt leben Menschen aus über 140 Nationen, nie gab es größere Probleme. Erst als die Rumänen 2007 nach dem EU-Beitritt ihres Landes kamen, wurde es bei uns ungemütlich."

Und die Lösung für das Problem? "Der Staat muss härter durchgreifen. Wenn diese Menschen keinen Respekt vor dir haben, hast du schon verloren. Und für die Rumänen ist das deutsche Sozialsystem lediglich eine Kuh, die man nach Belieben melken kann", schaltet sich Jens zum ersten Mal in die Diskussion ein, wendet sich dann wieder den Bratwürsten zu und blickt schließlich nochmal kurz auf: "Aber mach bloß kein Foto von mir: Die Kasse muss ja nicht wissen, wo ich mich gerade rumtreibe."

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Quelle: ntv.de

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