Politik

Schuld sind immer die anderen Dreiste Propaganda aus Peking

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Die ersten Covid-19-Fälle brachen in Wuhan aus. Zehntausende infizierten sich.

(Foto: imago images/Xinhua)

Die Kommunistische Partei hat großen Mist gebaut, weil ihre monatelange Vertuschung des Corona-Ausbruchs Menschenleben und die Weltwirtschaft in große Gefahr gebracht hat. Niemandem, außer ihr selbst, ist geholfen, wenn man ihre Verdrehung der Tatsachen adaptiert.

Vaterschaftstests definieren eine 99,9-prozentige Wahrscheinlichkeit einer direkten Nachkommenschaft. Wer sich auf die restlichen 0,1 Prozent berufen möchte, wenn er wegen Unterhaltsforderungen vor Gericht steht, hat schlechte Karten. China gilt als Ursprungsland des Coronavirus, und dennoch verhalten sich seine Autokraten wie jener überführte Vater, der steif und fest behauptet, es war ein anderer.

Es ist nur wenige Tage her, dass das Regime in Peking eine neue Propaganda-Offensive in Gang gesetzt hat. Sie ist so schamlos und lächerlich, dass man gut daran tut, ihr nicht auf den Leim zu gehen. Die allein regierende Kommunistische Partei spricht davon, es sei "absurd" und "entbehre jeder Grundlage", den Ursprung des Virus in der Volksrepublik zu verorten. Diese Sprachregelung verbreiten chinesische Diplomaten in der ganzen Welt. Es kümmert sie nicht, dass diese Behauptung so dreist ist, dass einem die Spucke wegbleibt.

Die ersten Covid-19-Fälle brachen in Wuhan aus. Zehntausende infizierten sich. Eine Studie, die das renommierte britische Fachmagazin "The Lancet" Mitte Februar vorlegte, kam zu dem eindeutigen Schluss, dass "dieses Coronavirus aus der Tierwelt stammt." Das allein ist bereits ein starker Indikator dafür, dass er nicht, wie von den Chinesen jetzt behauptet, heimlich aus den USA eingeschleppt wurde.

Ablenkungsmanöver verfolgt zwei Ziele

Monatelang begaben sich chinesische Virologen unter Anleitung der Partei auf die Suche nach dem Ursprung des Erregers. Angeblich ohne Erfolg. Ein Tiermarkt stand als Ausgangspunkt im Verdacht, doch Patient Null soll keinen Bezug zu diesem Markt gehabt haben. Zur Sicherheit gab das chinesische Wissenschaftsministerium im Februar sogar neue Richtlinien an seine landesweiten Bio-Labore aus, von denen eines in Wuhan steht. Die Volkszeitung, das Sprachrohr der Partei, zitierte dazu einen Experten, der mahnte, dass "Laborabfälle von Menschen gemachten Viren, Bakterien oder Mikroben mit einer potenziell tödlichen Wirkung für Menschen, Tiere oder Pflanzen enthalten können". Das bedeutet nicht, dass das Coronavirus aus einem Labor stammt. Aber die Bekanntgabe strengerer Regulierungen genau zu dem Zeitpunkt, als diese Theorie aufkam, bedeutet mindestens, dass sich die chinesische Regierung wohl selbst nicht ganz sicher war.

Wenn die von Präsident Xi Jinping zunehmend totalitär geführte Volksrepublik in dieser Konstellation behauptet, es sei absurd und entbehre jeder Grundlage, China als Ursprungsland zu bezeichnen, dann sollte das Regime bessere Beweise vorlegen als jene, die so vehement dafür sprechen. Stattdessen liefert die KP keinen einzigen Beleg für ihre krude Verschwörungsthese.

Das Ablenkungsmanöver verfolgt zwei Ziele. Es soll mögliche Schuldfragen innerhalb Chinas umleiten, weg von der Rolle der politischen Verfehlungen der Partei, hin zu vermeintlich anti-chinesischen Kräften im Ausland, die der Volksrepublik ihre wachsende globale Bedeutung neiden, oder sie gar fürchten. Zum anderen soll der Rest der Welt die Handhabe der Krise durch die Diktatur als wichtigen Baustein ihrer Bewältigung wahrnehmen und nicht mehr als ihren Ausgangspunkt. Eine klare Sicht auf die Entwicklung der Corona-Pandemie soll eine Unschärfe erhalten, die irgendwann dafür sorgen soll, dass sich neutrale Beobachter bald kein eindeutiges Urteil mehr bilden wollen.

Für diese Strategie hat die KP längst mächtige Mitstreiter in aller Welt gefunden und spannt sie effektiv ein. Der Generalsekretär der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Tedros Adhanom Ghebreyesus, schwärmte kürzlich öffentlich vom Führungsstil Xi Jinpings in der Krise. Kein Wort über die irrsinnigen und brandgefährlichen Vertuschungen und Verzögerungen, die bis Mitte Januar den Umgang Pekings mit dem Virus prägten. Die ehrliche Aufarbeitung der Corona-Krise wäre für die Welt die wirkliche Chance gewesen, sich für die Zukunft global gegen unsichtbare Feinde zu wappnen. Denn Covid-19 wird angesichts der wachsenden Weltbevölkerung und des zunehmenden internationalen Reiseverkehrs nicht das letzte Virus seiner Art gewesen sein.

China stellt WHO große Summen zur Verfügung

Wieso also hat der WHO-Chef nichts als lobende Worte für den KP-Chef übrig? Es liegt am Geld, lautet die simple Antwort. China stellt der WHO große Summen zur Verfügung. Undank ist da nicht willkommen. Schon gar nicht von einem Äthiopier wie Dr. Tedros, wie er gemeinhin genannt wird. Äthiopien hat im vergangenen Jahr eine wichtige und weitreichende Vereinbarung zum Aufbau seines nationalen Onlinehandels mit dem chinesischen Internetkonzern Alibaba getroffen. Dessen Gründer Jack Ma ist in den vergangenen Jahren zunehmend damit aufgefallen, dass er unternehmerische Entscheidungen traf, die der chinesischen Regierung ausgesprochen gut gefallen haben, weil sie technische Möglichkeiten bieten, die Kontrolle über 1,3 Milliarden Einwohner zu bewahren.

Im Gegenzug darf Ma in Äthiopien als großzügiger Spender von Schutzmasken und Corona-Tests auftreten, die auf dem gesamten Kontinent verteilt werden. Der ostafrikanische Staat gewinnt dank seiner glänzenden Kontakte in die Volksrepublik an Reputation und Einfluss in Afrika. Eine Win-Win-Situation, wie sie die Chinesen gerne heraufbeschwören. Ethiopian Airlines hielt übrigens auch die Flugverbindungen nach China während der Krise aufrecht. Das Risiko sei kalkulierbar, stellte die Airline fest.

Dass China auch europäische Staaten wie Italien tatkräftig unterstützt, ist dennoch gut und legitim. Demokratisch gewählte Staatsführer sollten in ihrer Dankbarkeit jedoch moderate Töne anschlagen. So wie Bundeskanzlerin Merkel, die eine Frage zu chinesischer Unterstützung trocken konterte: "Wir haben den Chinesen doch auch geholfen."

Autoritäre und demokratische Staaten müssen sich im 21. Jahrhundert unbedingt gegenseitig helfen. Es ist aber wichtig, dass sich die freiheitlichen Gesellschaften nicht wie kleine Kinder bestechen lassen, indem man ihnen eine Tüte Bonbons schenkt und sie damit zum Schweigen bringt. Die KP hat großen Mist gebaut. Niemandem, außer ihr selbst, ist geholfen, wenn man ihre Propaganda adaptiert.

Quelle: ntv.de