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Hauptstadtvororte unter Beschuss Droht in Ost-Ghuta ein zweites Aleppo?

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Ein Kind und ein Mann werden in einem Krankenhaus in Ost-Ghouta nach einem Luftangriff versorgt. Sie zeigten Symptome einer Vergiftung mit dem chemischen Kampfstoff Chlorin.

REUTERS

Hunderte Tote in wenigen Tagen: Der syrische Bürgerkrieg hat ein neues Epizentrum. In Ost-Ghuta droht eine humanitäre Katastrophe. Machthaber Assad will die Vororte von Damaskus unbedingt zurückerobern.

Hunderte Tote in wenigen Tagen: Der syrische Bürgerkrieg hat ein neues Epizentrum. In Ost-Ghuta droht eine humanitäre Katastrophe. Assad will die Vororte von Damaskus unbedingt zurückerobern - um jeden Preis. Auch in Aleppo hat der Machthaber die Schlinge der Belagerung allmählich enger gezogen. Droht in Ost-Ghuta Ähnliches? Fragen und Antworten:

Was passiert in Ost-Ghuta?

Das Gebiet östlich von Damaskus wird seit 2013 von Truppen der syrischen Regierung belagert. Der Widerstand gegen Machthaber Baschar al-Assad hat hier seine letzte Hochburg nahe der Hauptstadt. Nach Schätzungen von syrischen Bürgerrechtlern sind rund 400.000 Menschen in dem etwa 100 Quadratkilometer großen Gebiet eingeschlossen. Sie leiden unter Lebensmittelknappheit und können nur schwer mit Medikamenten versorgt werden.

Bereits im Herbst 2017 wurde das Gebiet vom Iran, Russland und der Türkei zu einer von vier Deeskalationszonen erklärt. Demnach dürften dort eigentlich keine Luftangriffe mehr stattfinden. Die syrische Regierung, die Ost-Ghuta belagert, ist jedoch ebenso wenig Teil dieser Vereinbarung wie islamistische Rebellengruppen, die mutmaßlich einen bedeutenden Teil der Enklave kontrollieren. Daher ist umstritten, ob die Intensität der Gefechte seit der Einrichtung der Deeskalationszone tatsächlich abgenommen hat.

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Seit Anfang Februar haben die Zahl der Luftangriffe und das Artilleriefeuer auf Ost-Ghuta erheblich zugenommen. Es gab hunderte Tote. Allein in der vergangenen Woche sind nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte 522 Menschen durch die Angriffe ums Leben gekommen. Am Wochenende soll bei den Angriffen erneut Chlorin-Gas eingesetzt worden sein.

In den vergangenen Wochen wurden vor allem im Osten des Gebiets massiv Bodentruppen zusammengezogen. Beobachter gehen davon aus, dass die syrische Armee in Kürze eine Bodenoffensive in Ost-Ghuta starten will.

Was bedeutet die Waffenruhe?

Am Samstag hat der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen eine Resolution verabschiedet, in der eine mindestens 30 Tage andauernde Waffenruhe gefordert wird. Militäreinsätze gegen Terrorgruppen wie den IS, Al-Kaida oder Al-Nusra sind davon ausgenommen. Schon in der Vergangenheit hat sich die syrische Regierung jedoch recht flexibel darin gezeigt, auch gemäßigten Oppositionsgruppen das Prädikat "Terroristen" zu verleihen, um Einsätze gegen sie zu rechtfertigen. Auch enthält das Papier keine Druckmittel. Und so wurden die Angriffe auf Ost-Ghuta zunächst nicht unterbrochen.

Am Montag schließlich hatte die russische Regierung eine Feuerpause für das Gebiet angekündigt. Sie soll ab heute täglich von 9 bis 14 Uhr gelten und Hilfslieferungen ermöglichen. Außerdem sollen Zivilisten Ost-Ghuta durch Korridore verlassen können.

Nach Berichten von Oppositionsgruppen sowie der syrischen Regierung wurde die Waffenruhe bisher nicht eingehalten. Nach Angaben von Aktivisten hatte es auch nach 9 Uhr zum Teil heftige Angriffe mit Artillerie und Fassbomben gegeben. Die staatliche Nachrichtenagentur Sana berichtete, Rebellengruppen hätten den neu eingerichteten "humanitären Korridor" bei Al-Rafidain beschossen.

Wer kontrolliert das Gebiet?

Nach dem Ausbruch der Proteste in Syrien 2011 waren die Hauptstadtvororte in Ost-Ghuta zunächst Hochburgen des bürgerlichen Widerstands. Später brach auch dort die Gewalt zwischen Regierungskräften und einer lose miteinander verbundenen Reihe von Rebellengruppen aus. Inzwischen wird das Gebiet größtenteils von den beiden islamistischen Gruppen Jeysh al-Islam und Falaq al-Rahman kontrolliert, denen nachgesagt wird, im Verlauf des Krieges von Saudi-Arabien, Katar und der Türkei unterstützt worden zu sein. Nach einem Bericht des "Guardian" haben ihre Unterstützerstaaten Ende 2017 jedoch aufgehört, ihnen Hilfe zu schicken.

Warum ist das Gebiet so wichtig?

Die von Rebellen kontrollierten Gebiete in Ost-Ghuta liegen nur zehn Kilometer vom Stadtzentrum der Hauptstadt entfernt. Während in den östlichen Vororten von Damaskus Bomben und Artilleriegeschosse explodieren und Zivilisten sterben, herrscht in vielen westlichen Teilen der Stadt weitgehende Normalität. Für Machthaber Assad hat die Rückeroberung hohen symbolischen Wert. Nachdem seine Truppen mit Hilfe der russischen Armee die Millionenstadt Aleppo wieder vollständig unter ihre Kontrolle bringen konnten, wäre die Rückeroberung von Ost-Ghuta ein weiteres Zeichen der Stärke und ein deutliches Indiz dafür, dass Assad auch die Großstädte in Syrien zurückerobert.

Wird Ost-Ghuta zu einem zweiten Aleppo?

Als im Juli 2016 Regierungstruppen einen Belagerungsring um die östlichen Stadtteile der Millionenstadt Aleppo schließen konnten, waren rund 300.000 Menschen dort eingeschlossen. Im Verlauf des Bürgerkrieges kamen in der Schlacht um die Stadt unterschiedlichen Quellen zufolge mehr als 30.000 Menschen ums Leben. Ähnlich wie jetzt in Ost-Ghuta gab es auch in Aleppo Waffenstillstände und Evakuierungskorridore, durch die letztlich Tausende die Stadt verließen.

Im Unterschied zu Ost-Aleppo ist Ost-Ghuta deutlich größer, jedoch auch weniger urban bebaut. In Ost-Aleppo eroberten die Truppen Assads in einem zermürbenden Häuserkampf Straßenzug um Straßenzug. Doch vor allem der Osten der nun umkämpften Region ist ländlich geprägt, ein Umfeld, in dem Bodentruppen also relativ schnell vorrücken können. Im dicht besiedelten Osten der Region, in den Vororten von Damaskus, droht jedoch ein ähnlich blutiger Kampf wie Ende 2016 in Aleppo.

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Quelle: n-tv.de

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